Buchtipp: „Radical Markets“ Der Liberalismus lebt – und muss sich neu erfinden

Der Liberalismus steckt derzeit in der Sinnkrise. Zwei US-Autoren provozieren nun mit extremen Reform-Vorschlägen für die 200 Jahre alte Denkrichtung.
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Der Urvater des freien Markts hier als Punk illustriert. Quelle: Matthias Seifarth für Handelsblatt
Adam Smith, mal anders

Der Urvater des freien Markts hier als Punk illustriert.

(Foto: Matthias Seifarth für Handelsblatt)

MünchenDie Welt gehört und gehorcht derzeit erstaunlich vielen Illiberalen. Da sind staatskapitalistische Konstrukte (China, Vietnam), oligarchische Systeme (Russland), autoritative Machthaber in gefährdeten Demokratien (Ungarn, Polen) oder ein Sultanat, in dessen Kerkern Rechtsstaat und Pressefreiheit einsitzen (Türkei).

Diese Entwicklung hat zur Sonderkonjunktur von Buchpublikationen geführt, die im Gefühl des niedergehenden Liberalismus latente und reale Gefahren beschreiben. Autoren wie der US-Diplomat Richard Haass („The World in Disarray“), der „Financial Times“-Journalist Edward Luce („The Retreat of Western Liberalism“), der Politologe Patrick J. Deneen („Why Liberalism failed“) oder der indische Intellektuelle Pankaj Mishra („Das Zeitalter des Zorns“) haben innerhalb von 18 Monaten reichlich Nachruf-Stoff auf eine der wichtigsten politischen Philosophien der letzten zwei Jahrhunderte produziert.

Sie alle eint die Erkenntnis, dass die alten Erfolgsformeln des Westens nicht mehr genügend Wohlstand produzieren, um alle glücklich zu machen, und dass andere für das Publikum wichtige Werte jenseits von unternehmerischen Freiheiten existieren.

Auch „Postliberale“, die in Großbritannien stark sind, glauben, der ökonomische Liberalismus habe sich mit der Finanzkrise und einer Über-Globalisierung erledigt, während der politische Liberalismus durch eine zu große Multikultitoleranz ans Ende gekommen sei. Genossenschaften und die Zivilgesellschaft sollen die Sache retten.

Volkes Stimme jedenfalls ist nicht mehr die Stimme des Marktes – und das Wörtchen „neoliberal“ taugt ungebrochen als definitive Schmähung in noch jeder ökonomischen Debatte. Dieser große Abgesang, vielstimmig vorgetragen, spornt zwei amerikanische Wissenschaftler an, die sich im Gegenschlag nicht einfach an einer Heiligsprechung des Liberalismus versuchen.

Ihre These: Märkte müssten wieder radikal werden, der Kapitalismus solle sich neu erfinden und zu einer gerechten Gesellschaft führen – das bewegt Eric A. Posner, Professor der University of Chicago Law School, und E. Glen Weyl, Dozent an der Yale University und Forscher im Microsoft-Konzern. Die Autoren beten damit nicht alte Lehrsätze der Vordenker herunter – sondern wollen vielmehr auf ihre eigene Art so radikal sein, wie es Adam Smith, John Stuart Mill oder Henry George zu ihren Zeiten eben waren.

Ihr erstaunliches Manifest, eine über viele Seiten famose Grenzverletzung des Handelsüblichen, laviert nicht lange um das Problem sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit herum. Dass hier der Grund für die allgemeine Abkehr vom Liberalismus liegt, ist dem Autorenduo nur allzu klar. So wie „Stagflation“ (Wachstumsschwäche plus Inflation) in den 1980er-Jahren auftrat, so gäbe es heute „Stagnequality“ (Wachstumsschwäche plus Verteilungsprobleme).

Die großen Fragen unserer Zeit

„Märkte sind der beste Weg, Gesellschaft zu formen“, schreiben die Autoren – doch viele Märkte seien inzwischen „monopolisiert“ oder ließen Wettbewerbsgeist vermissen. Anders als „Marktfundamentalisten“ wie Milton Friedman oder Friedrich Hayek wollen die zwei Marktradikalen nicht einfach die Wirtschaft weitestgehend sich selbst überlassen und den Staat heraushalten, sondern bevorzugen vielmehr „kollektive Aktion“.

Ihr radikaler Held ist der Wirtschaftsnobelpreisträger William Vickrey, der etwa die Versteigerung von Radiolizenzen anregte, sowie dessen Vorbild Henry George (1839–1897), ein US-Ökonom und Politiker, der für eine Einheitssteuer auf Landbesitz plädierte. Fast schon ehrfürchtig zitieren sie Georges Satz: „Das Verhältnis von Armut zum Fortschritt ist die große Frage unserer Zeit.“

Diese Krisenlage erfordert nach dem Geschmack von Posner und Weyl einen großen Befreiungsschlag, der wenig mit den alten „liberalen“ Revolutionen wie Thatcherism und Reaganomics zu tun hat. Einmal in Fahrt verfallen die beiden nicht ins theoretische Bramarbasieren. Sie setzen vielmehr ziemlich direkt Stethoskop und Skalpell an den drängendsten Problemen des daten- und finanzgetriebenen Neokapitalismus an.

Eric A. Posner, E. Glen Weyl: – Radical Markets
Princeton University Press
Princeton 2018
368 Seiten
ca. 26 Euro
ISBN: 978-0691177502

Schauen wir zum Beispiel auf die viel diskutierten Quasi-Monopole von Facebook und Google: Hier empfehlen die Verfasser den Menschen, mit den Konzernen in Verhandlungen über jene Daten einzutreten, die sie weltweit beim Konsumieren der US-Internetdienste produzieren und abgeben. Bisher erhalten sie dafür nichts außer der Gratisüberlassung von sozialen Netzwerken und Suchdiensten.

Da die Daten aber viel mehr wert sind und riesige Milliardengewinne erzeugen, braucht die betrogene Klientel von Google und Facebook mehr Gegenpower. Facebook zahlt nur ein Prozent der Wertschöpfung an eigenes Personal (Programmierer), den Rest machen wir selbst, führt das Buch aus. Bei Walmart liegt diese entsprechende Quote übrigens bei 40 Prozent. „Die Rolle der Menschen als Datenproduzent wird nicht fair kompensiert“, so das Autorenduo.

Ihr Leitgedanke zur Korrektur schiefer Marktverhältnisse ist das Etablieren des Prinzips „Auktion“. Das sei die „Quintessenz“ des Marktes. Gebote auf Auktionen verdeutlichen, in Geld gemessen, die tatsächlichen Präferenzen des Einzelnen.

Dieses Prinzip wollen Posner und Weyl auch in der Politik angewandt wissen – etwa bei Wahlen: Nicht mehr das Prinzip „ein Mensch, eine Stimme“ soll dominieren, sondern jeder Bürger kann in ihrem Modell ein Kontingent von Stimmrechten anhäufen, um es bei einem ihm besonders wichtigen Thema einzusetzen. Minderheiten könnten so Mehrheiten bewegen.

Vor allem aber hadern die Autoren mit dem herkömmlichen, auf John Locke zurückgehenden Eigentumsbegriff, der am Ende zu Monopolen und weniger Wettbewerb geführt habe, alles Hauptsündenfälle eines echten Liberalismus.

Ihre Gegen-Idee, die sie „Cost“ genannt haben: Jeder Mensch sollte selbst taxieren, was seiner Meinung nach der eigene Besitz (Immobilie, Auto etc.) wert ist. Zu diesem Betrag wäre die Vermögenssteuer zu entrichten, andererseits aber könnte ein Interessent zu dieser Summe den Besitz auch kaufen. Die Steuererlöse sollten Gemeingütern zufließen.

Für die politischen Realitäten ist „Cost“ jedoch wahrscheinlich zu radikal. Nicht vorzustellen, dass eine alte liberale Partei wie die FDP oder eine neue liberale Partei wie die Grünen sich dieses Konzepts annehmen.

Allein die Groteske mit den Immobilienwerten in Deutschland zeigt, wie praxisfern eine solche Idee ist: Zur Steuerberechnung werden uralte „Einheitswerte“ herangezogen. Als Gedankenspiel bleibt „Cost“ jedoch faszinierend.

Leichter umsetzbar ist da schon, was in „Radical Markets“ zu der selten diskutierten Übermacht amerikanischer Fondsfirmen wie Blackrock, Vanguard, State Street, Fidelity oder Capital Group im realen Kapitalismus steht; diese „institutionellen Investoren“ halten im Block an großen Börsengesellschaften in aller Welt 40 Prozent und mehr.

In der Regel ist einer aus dem Klub auch größter Aktionär bei Adressen wie General Electric, J.P. Morgan, BASF, Royal Dutch Shell, Procter & Gamble, AT&T, Tesco oder wie sie noch alle heißen. So kommt es zum Phänomen des „common ownership“, der Dominanz ganzer Branchen durch die immer gleichen Fonds, die im Ergebnis lieber noch mehr Größe wollen (über Fusionen) und damit noch mehr Macht, Preise zu höhen.

Höchstens ein Prozent der Anteile an einem Konzern sollten Blackrock & Co. halten, regen die Autoren an. Wer mehr besitzt, darf sich in anderen Industrien betätigen, nicht aber bei anderen Branchenfirmen. 

Provokationen für unsere Talkshowgesellschaft

„Radical Markets“ räumt mit allen Ungereimtheiten auf, auch mit dem Grundwiderspruch in der Argumentation konservativer Marktwirtschaftler, die nicht erklären können, warum einerseits in der globalisierten Wirtschaft das Kapital, die Daten, die Güter und Dienstleistungen sich möglichst frei bewegen sollen, andererseits aber der Faktor Arbeit immobil bleiben soll.

„Die Logik der freien Migration und des freien Handels ist dieselbe“, halten Posner und Weyl ihren Kollegen entgegen. Ihr Vorschlag: Einheimische in reichen westlichen Ländern sollten – gegen Geld – künftig Migranten bei sich aufnehmen und sie ideell sponsern.

Die so unterstützten Arbeitnehmer würden dann zu niedrigeren Löhnen in Industrien wie Textil arbeiten können, die es mit asiatischen Staaten aufnehmen könnten – und in ein paar Jahren mit dem Ersparten wieder in die Heimat ziehen.

Das alles sind Provokationsthesen für eine Talkshowgesellschaft, die in Ritualen und Moden denkt. Im breiten Publikum mag es den ein oder anderen bei soviel Radikalität frösteln. Aber klar ist auch, dass die Krise des Liberalismus neue Antworten braucht und sich die „Radical-Markets“-Vordenker auf der Spur der Väter der deutschen Sozialen Marktwirtschaft bewegen.

Gefragt war damals, was heute wieder rückerobert werden muss – die moralische Mitte. Die Freiheit, von der gerne in Feiertagsreden gesprochen wird, ist ja nicht einfach da. Sie entsteht durch Politik und durch Auswahl und durch Akzeptanz im Volk.

Eric Posner und Glen Weil haben ihren Trick zur Realitätsbewältigung gefunden. Apodiktisch halten sie fest: „Märkte ohne Wettbewerb sind überhaupt keine Märkte, so wie ein Ein-Parteien-Staat keine Demokratie sein kann.“ Von all diesen Phänomenen aber haben wir derzeit gerade genug.

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