Hohe Rechenleistung

Großrechner für Big-Data-Forschung im Hasso-Plattner-Institut in Potsdam.

(Foto: obs)

Buchtipp: „The Tyranny of Metrics“ Warum wir im Big-Data-Zeitalter nicht allen Zahlen trauen sollten

Algorithmus oder Intuition? Der US-Historiker Jerry Muller warnt in seinem neuen Buch vor übertriebener Zahlenhörigkeit.
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DüsseldorfEs gab Zeiten, da schienen Noten und das Bauchgefühl eines Lehrers auszureichen, um einen Schüler zu bewerten. Die Frage, wie die Mathe-Kenntnisse von Max aus der 8b gegenüber seinen finnischen oder japanischen Altersgenossen aussehen, schien ebenso abwegig wie schwierig zu beantworten.

Das ist lange her: Mit IGLU, PISA oder TIMSS gibt es heute eine ganze Akronym-Parade internationaler Vergleichstests, die versprechen, die Position deutscher Schüler im Fähigkeiten-Wettbewerb exakt zu ermitteln.

Der US-Geschichtsprofessor Jerry Z. Muller kennt zig solcher Beispiele, in denen Zahlen die Intuition von Experten ersetzt haben. Worte wie „Accountability“ (Rechenschaftspflicht), „Metrics“ oder „Benchmarks“ sind, gemessen an ihrer Häufigkeit in öffentlich zugänglichen Texten, spätestens seit den 80er Jahren en vouge.

Jerry Z. Muller – The Tyranny of Metrics
Princeton University Press
Princeton 2018
240 Seiten
24,95 US-Dollar
ISBN: 978-1400889433

„Sie sind zwar potenziell wertvolle Werkzeuge“, räumt Muller ein, „aber ihre Vorzüge sind häufig übertrieben, ihre Kosten runtergespielt worden.“ Um Aufwand zu sparen, werde selten das valideste, sondern eher das am einfachsten verfügbare Maß herangezogen, argumentiert der Historiker. „Was gemessen wird, wird erledigt“, zitiert Muller, den amerikanischen Management-Lehrer Tom Peters – unabhängig davon, ob einem das Gemessene Auskunft darüber gibt, was einen wirklich interessiert.

So sind zwar in deutschen Krankenhäusern durch Fallpauschalen für bestimmte Diagnosen die Liegezeiten pro Patient und damit auch die Kosten gesunken. Ob jemand das Krankenhaus aber auch gesünder verlässt, bleibt ungewiss: Schließlich ist die Gesundheit eines Patienten schwieriger zu messen als seine Tage im Krankenhaus.

Das Beispiel stammt nicht von Muller, was ein Problem für deutsche Leser verdeutlicht: Sein Buch ist für US-Publikum geschrieben. Die Beispiele entnimmt er den dortigen Bildungs-, Justiz- oder Gesundheitsapparaten, die oft nur in Teilen mit hiesigen Systemen vergleichbar sind. Dennoch hat sich auch hier die beklagte Zahlenhörigkeit in ähnlicher Form herausgebildet – wenn auch nicht ganz so stark wie in Amerika.

So ist in US-Krankenhäusern bereits heute zu beobachten, was starre Metriken auslösen können: Bestraft man Krankenhäuser etwa, wenn Patienten 30 Tage nach einer OP sterben, tun die Ärzte dieser Häuser alles, um einen Patienten mindestens 31 Tage am Leben zu halten. Die Kosten steigen so massiv, die Lebensqualität eher nicht.

Muller geht es nicht darum, in eine Welt reiner Intuition zurückzukehren, in der, wie es der Romantiker Novalis nannte, „nicht mehr Zahlen und Figuren Schlüssel aller Kreaturen“ sind. Schließlich steckt hinter der Verweigerung von Leistungsmessung häufig die Verweigerung von Leistung. Vielmehr geht es Muller um gesunde Skepsis.

Sein ausgewogenes Urteil und die vielen Details machen sein Buch zu einer ernsten Warnung vor zu viel Zahlengläubigkeit im Big-Data-Zeitalter. Bevor wir also die Bewertung unserer Gesundheit, unseres Selbstwerts und die Erziehung unserer Kinder an Algorithmen auslagern, sollten wir zumindest kurz innehalten und überlegen: Was genau wird da eigentlich gemessen?

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