Buchtipp Wie Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes Investoren vorführte

Der Reporter John Carreyrou brachte das Start-up Theranos zu Fall. In „Bad Blood“ erzählt er die Saga einer charismatischen Betrügerin.
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Ihr Unternehmen errichtete sie auf Geheimnissen und Lügen. Quelle: dpa
Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes:

Ihr Unternehmen errichtete sie auf Geheimnissen und Lügen.

(Foto: dpa)

DüsseldorfEs ist Februar 2014, als George Shultz eine Geburtstagsparty veranstaltet. Nicht für sich, der 93. Geburtstag des ehemaligen Finanz- und Außenministers der USA ist zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Monate her.

Shultz hat in sein Haus nahe der Stanford-Universität geladen, um eine gerade 30-Jährige zu feiern, die den Politiker nachhaltig fasziniert: Elizabeth Holmes, Gründerin von Theranos. Jenem Start-up, das ein Blutanalysegerät entwickelt haben will, das aus einem einzigen Tropfen Blut in Echtzeit zahllose Krankheiten diagnostizieren können soll.

Shultz hat seinen Enkel Tyler überredet, einen Song für den Anlass zu schreiben, der auf dem Theranos-Werbeslogan „Ein winziger Tropfen ändert alles“ basiert. Da sitzt die greise Gesellschaft im Wohnzimmer des hellblauen Hauses im Stuhlkreis um Holmes herum und singt für das Geburtstagskind. Als später noch Henry Kissinger, wie Shultz Beirat von Theranos, auf die Party kommt, trägt der legendäre Außenminister Richard Nixons noch einen Limerick vor, den er für Holmes gedichtet hat.

John Carreyrou: Bad Blood – Secrets and Lies in a Silicon Valley Startup. Penguin Random House, 352 Seiten, 14 Dollar. Quelle: Picador
Bad Blood

John Carreyrou: Bad Blood – Secrets and Lies in a Silicon Valley Startup. Penguin Random House, 352 Seiten, 14 Dollar.

(Foto: Picador)

Die Frau, die damals mit Ex-Ministern Hof hielt, hat heute gute Chancen, als größte Betrügerin in die Geschichte des Silicon Valley einzugehen. Allein mit charismatischen Auftritten und falschen Zahlen brachte sie abgebrühte Geschäftsmänner wie Rupert Murdoch, Carlos Slim oder den Fiat-Präsidenten John Elkann dazu, insgesamt 900 Millionen Dollar in ihr Start-up zu stecken.

Die US-Apothekenkette Walgreens probierte Holmes unausgegorenes Analysegerät „Mini Lab“ (interner Spottname: „Klebekiste“) in extra dafür eingerichteten Minikliniken an unwissenden Patienten aus und gefährdete damit mutmaßlich Leben. Holmes wurde von vielen, allen voran von sich selbst, für den nächsten Steve Jobs gehalten – bis ein Reporter ihr Kartenhaus zum Einsturz brachte.

„Ich will Milliardärin werden“

Selten hat ein Journalist ein betrügerisches Unternehmen so eigenhändig und gründlich zum Einsturz gebracht, wie es John Carreyrou im Fall Theranos gelungen ist. In seinem jetzt in den USA erschienenen Buch „Bad Blood“ zeichnet der Investigativreporter des „Wall Street Journal“ (WSJ) die Geschichte einer Gründerin nach, die ihre Ambition auf düstere Abwege führte.

Aus mehr als 50 Interviews mit ehemaligen Theranos-Mitarbeitern und weiteren Beobachtern hat Carreyrou eine Ikarus-Geschichte entwickelt, die so laut „filmreif“ schreit, dass der für „The Big Short“ oscarprämierte Regisseur Adam McKay sich die Rechte bereits Monate vor Veröffentlichung des Buches sicherte – die Hauptrolle soll Jennifer Lawrence spielen.

Was trieb die exzellente Schülerin und Stanford-Studentin Elizabeth Holmes dazu, ihr Unternehmen auf Geheimnissen und Lügen zu errichten? Zeit ihres Lebens sei sie motiviert gewesen, als Erfinderin reich zu werden, schildert Carreyrou. Mit sieben Jahren malte sie detaillierte Pläne einer Zeitmaschine in ihr Notizbuch. Als sie neun oder zehn war, soll eine Verwandte das blonde Mädchen gefragt haben, was sie später mal werden will. „Ich will Milliardärin werden“, habe Elizabeth geantwortet.

„Willst du nicht lieber Präsidentin werden?“, fragte die Verwandte. Elizabeth habe keine Sekunde gezögert und sehr ernst geantwortet: „Nein, der Präsident wird mich heiraten, weil ich Milliardärin bin.“

Ihr Vater, der zwischen hohen Verwaltungsämtern und Jobs im Privatsektor (unter anderem bei Enron, dem anderen gigantischen Betrugsfall der jüngeren US-Geschichte) wechselte, habe ihr später aber „eingeschärft, sie müsse ein sinnvolles Leben führen“. So sei in der Einserschülerin wohl ein Gedanke gewachsen, schreibt Carreyrou: „Wenn sie wirklich etwas Bleibendes auf der Welt hinterlassen wollte, musste sie das Wohlergehen der Menschheit steigern, nicht nur reich werden.“ Als Biotech-Unternehmerin war beides möglich.

Ein erstes Patent

Chemieingenieurwesen studierte Holmes aber nur so lange, bis sie ihr erstes Patent entwickelt hatte – ein Pflaster, das Patienten Medikamente durch die Haut verabreichen sollte und deren Reaktion darauf an den behandelnden Arzt funken sollte. Ihr Professor in Stanford war so begeistert, dass er Holmes 2003 darin unterstützte, statt ihres Studiums die Geschäftsidee weiterzuverfolgen.

Das Pflaster-Projekt wurde zum Vorbild für alle späteren Entwicklungen von Theranos: Eine große Vision mit wenig dahinter. Aus einem Treffen mit Investoren, die auf Medizintechnik spezialisiert waren, stürmte Holmes wütend heraus, als zu viele Nachfragen gestellt wurden. Die 19-Jährige überzeugte nur Investoren ohne fundiertes medizinisches Wissen, die sie für ihren Wolkentraum von einer schlichten, aber extrem effizienten Diagnostik einnehmen konnte – so scharte sie auch Berater wie Shultz, Kissinger oder den heutigen Verteidigungsminister James Mattis um sich.

In Wahrheit schadete die Vision von Holmes, man dürfe mit nur einem einzigen Tropfen Blut arbeiten, dem Vorhaben eher. Als Folge verdünnten ihre Wissenschaftler das Blut und diagnostizierten Krankheiten, wo keine waren. Oder schlimmer: Übersahen Krankheiten, die in den Patienten wucherten.

Damit das nicht herauskam, schuf die Gründerin bei Theranos eine Kultur, in der Geheimniskrämerei über Kooperation und Loyalität über Wahrheit ging – und jeder, der zu viele Fragen stellte, rausgeworfen wurde.

So erging es zum Beispiel Henry Mosley, IBM- und Intel-Veteran und erster Finanzvorstand von Theranos. Nach einer Produktpräsentation, zu der Holmes 2007 in die Novartis-Zentrale nach Basel geflogen war, erfuhr Mosley, dass der Vortrag nicht so gut gelaufen war, wie Holmes in einer euphorischen E-Mail verbreitet hatte. Die kleinen schwarzen „Edison“-Kästen hatten im Hotel beide den Dienst quittiert.

Also sendeten Theranos-Angestellte aus Palo Alto willkürliche Werte, die das Gerät den Novartis-Managern dann anzeigte. Das Blut im „Edison“ wurde überhaupt nicht getestet. Als Mosley von dem Betrug hörte und Holmes damit konfrontierte, habe die ihn eisig angeblickt: „Henry, du bist kein Teamplayer. Ich denke, du solltest jetzt gehen.“ Mosley war gefeuert.

Die Rache des Enkels

Viel von der Drecksarbeit nahm ihr Ramesh „Sunny“ Balwani ab, Theranos’ Präsident. Der Software-Entwickler Balwani ist Ende 30, als Holmes Theranos gründet. Durch den Verkauf eines E-Commerce-Start-ups im Dotcom-Boom ist Balwani bereits Millionär und wird Holmes’ unternehmerischer Mentor, fester Freund – und schlechtestmöglicher Einfluss: Carreyrou schildert ihn als goldkettchentragenden Choleriker, der Lamborghini mit Kennzeichen wie „DAS KAPITAL“ oder „VENI, VIDI, VICI“ fährt und der eine toxische Kultur ins Unternehmen trägt. „Sunny“ versteht noch weniger von Biotechnologie, dafür viel von Mitarbeitereinschüchterung.

Mit Verschwiegenheitsklauseln in Arbeitsverträgen und aggressiven Anwälten gelingt es Holmes und Balwani über Jahre, ihre Schwindeleien vor der Außenwelt geheim zu halten und ein irrsinniges Betrugskarussell in Gang zu setzen: Investoren belügen sie über angeblich fast abgeschlossene Deals mit Pharmafirmen, um mehr Geld einzuwerben.

Kooperationspartnern wie Walgreens oder dem US-Militär täuschen sie vor, ihre Analysegeräte seien bereit für den Einsatz, obwohl die Blutproben in Wahrheit ins Theranos-Labor in Palo Alto gebracht werden, um dort mit Siemens-Geräten konventionell getestet zu werden. Und als die Kontrollbehörde FDA nachfragt, behauptet Balwani einfach, der geplante Walgreens-Test sei viel kleiner als tatsächlich mit der Handelskette besprochen.

Auch bei den Partnern gibt es immer wieder Mitarbeiter, die den Heilsversprechen von Theranos misstrauen und Belege verlangen. Doch Holmes weiß, wie sie die Kritiker zum Schweigen bringen kann: Dem Management von Walgreens droht sie damit, mit ihrer revolutionären Technologie zur Konkurrenz zu gehen. „Wir können das nicht nicht versuchen und in sechs Monaten hat CVS (große US-Apothekenkette, Anm. der Red.) einen Deal mit ihnen“, bekommt ein misstrauischer Walgreens-Experte als Antwort von seinem Vorgesetzten.

Blick hinter die Kulissen

Ein Jahr nach der Geburtstagsparty im Hause Shultz kontaktiert ein Wissenschafts-Blogger Carreyrou. Der Reporter solle sich gehypte Start-ups mal genauer anschauen, viele der Behauptungen von Theranos seien recht unglaubwürdig.

Bei seiner Recherche stößt der Reporter auf Tyler Shultz, jenen Enkel des Ex-Außenministers, der das Geburtstagslied für Holmes spielte. Der Mittzwanziger hatte nach dem Studium bei Theranos gearbeitet, sich aber mit Holmes überworfen. Er wird zu Carreyrous bester Quelle und hält auch durch, als ihm seine Familie, die Theranos-Anwälte und mutmaßlich von ihnen beauftragte Privatdetektive das Leben schwermachen.

Ab Ende 2015 veröffentlicht Carreyrou im WSJ eine Reihe von Artikeln, in der er Theranos Stück für Stück auseinandernimmt. Holmes verliert ihre Zulassung, ein Labor zu betreiben und ein Unternehmen zu führen. Sie wird von ihren Investoren verklagt und muss die Kontrolle über Theranos abgeben.

Rupert Murdoch, als WSJ-Eigner ironischerweise Carreyrous oberster Chef, verliert sein 125-Millionen-Dollar-Investment komplett. Ein Strafprozess stehen der 34-Jährigen und ihrem Ex-Freund Balwani derzeit noch bevor.

So ist „Bad Blood“ ein packender Wirtschaftsthriller über eine Gründerin, die ein neuer Steve Jobs sein wollte, aber missachtete, dass ein halbfertiges Smartphone etwas anderes ist als ein unzuverlässiger Bluttest.

Auch wenn sich Carreyrou mit Schlussfolgerungen über den Fall Theranos hinaus zurückhält, kann man das Buch auch als Warnung vor der herrschenden Kultur im Silicon Valley lesen: Die Vergötterung des jungen Gründers, der aus seiner Studenten-WG ein geniales Produkt entwickelt, passt nicht mehr in eine Zeit, in der Innovationen auf künstliche Intelligenz, der Blockchain oder Genom-Analyse basieren.

Es wird für Investoren zunehmend schwer, die Technologie der Start-ups, in die sie investieren, zu verstehen. Trotzdem sollten sie nicht in Ehrfurcht erstarren vor Studienabbrechern, die sich vor allem gut verkaufen können.

Elizabeth Holmes entstammt derselben Gründergeneration wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Dessen Motto „Move Fast and Break Things“, das zeigt der Fall Theranos, ist mindestens für die Gründer der heutigen Generation ein katastrophaler Rat: Es könnte wirklich etwas kaputtgehen.

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