Buchtipp: „Zukunftsmedizin“ In die Badewanne zum Hautkrebs-Screening – Wie Big Data und KI die Medizin revolutionieren

Start-ups mischen die Medizintechnik-Branche auf. Der Journalist Thomas Schulz hat ein bemerkenswertes Buch darüber geschrieben.
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Mikroinjektion von Zebrafischembryonen. Quelle: dpa
Arbeiten mit der Gen-Schere

Mikroinjektion von Zebrafischembryonen.

(Foto: dpa)

DüsseldorfElizabeth Holmes galt als die große Hoffnung der Medizintechnik. Mit ihrem Start-up Theranos wollte die Amerikanerin Bluttests revolutionieren. Investoren gaben Abermillionen, Konzerne schlossen Partnerschaften mit Theranos. Das Problem: Die Technik war völlig unausgereift, die Wirksamkeit mehr als zweifelhaft. Heute ist die Gründerin ein Fall für die Justiz.

Es sind Geschichten wie diese, an die sich viele erinnern, sobald die Worte Biotech oder Medizintechnik in Kombination mit Start-ups auftauchen. Dass etliche der jungen Firmen trotzdem mehr als nur einen Blick wert sind, zeigt der „Spiegel“-Journalist Thomas Schulz in seinem Buch „Zukunftsmedizin“. Schulz berichtet seit fast zehn Jahren aus den USA, seit einigen Jahren lebt er im Silicon Valley. Von dort kommen viele der Medizin-Revolutionäre.

„Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem Entwicklungen aus Jahrzehnten zusammenfließen, an dem neue Technologien aus allen möglichen Bereichen verschmelzen: aus Chemie, Physik, Materialwissenschaften, Robotik“, schreibt Schulz. „Convergence“ heißt dieses Phänomen.

Die Ergebnisse dieses Zusammenspiels klingen faszinierend und erschreckend zugleich: Rasend schnelle Genom-Sequenzierungen sollen Schwachstellen im Erbgut erkennen, noch bevor sie Krankheiten auslösen. Gen-Scheren sollen Fehler einfach aus der DNS schneiden können. Mithilfe von Big Data und künstlicher Intelligenz (KI) sollen Maschinen Krankheiten wie Krebs und Alzheimer schneller, günstiger und treffsicherer analysieren, als es Ärzte jemals könnten. Und in Neuseeland spritzen heute schon Forscher Schweinezellen in menschliche Gehirne, um so irgendwann einmal eine wirksame Parkinson-Therapie zu entwickeln.

Die Zukunft, die Schulz beschreibt, geht weg von breiten Behandlungsansätzen, die bei möglichst vielen Patienten wirken, hin zu einer „personalisierten Medizin, mit auf den einzelnen Menschen zugeschnittenen Therapien, die auf Analysen des Erbguts und anderer individueller Daten beruhen.“ Der Arzt werde so „Gesundheitscoach“ und „Datenmanager“.

Der Autor liefert nicht nur Zahlen, Daten, Fakten, er hat die Medizin-Revolutionäre der nächsten Generation auch besucht: Es sind meist keine Studienabbrecher wie Holmes, sondern Topwissenschaftler wie Sebastian Thrun. Der gebürtige Solinger und Informatik-Professor, der Googles Projekt zum autonomen Fahren anstieß und die Traumfabrik Google X leitete, hat nun eine Badewanne entwickelt, die nebenbei Hautkrebs erkennen soll.

Oder Alexander Schuth, der an der Charité Medizin studierte und heute das Start-up Denali Therapeutics führt. Die Firma entwickelt Gen-Therapien gegen Alzheimer und hat dafür gut ein Jahr nach Gründung 220 Millionen Dollar Investment erhalten, unter anderem von Bill Gates.

Auch Pharmakonzerne und IT-Giganten mischen mit

Der Buchtitel „Zukunftsmedizin“ weckt den Eindruck, dass die Menschheit endlich ihre geistigen und finanziellen Ressourcen darauf konzentriert, Krankheiten und damit menschliches Leid auszumerzen. Gesteuert von zumeist kalifornischen Unternehmen, die ein großes Geschäft in einer neuen Milliardenbranche sehen. Gesteuert auch von CEOs und Tech-Investoren wie Peter Thiel, die die Aussicht auf ein längeres (eigenes) Leben elektrisiert.

Neben großen Pharmafirmen mischen vor allem die IT-Giganten der US-Westküste mit: Microsoft hat eine riesige KI-unterstützte Datenbank mit medizinischen Studien aufgebaut, die Ärzte bei der Diagnose nutzen können.

Thomas Schulz – Zukunftsmedizin
DVA Sachbuch
München 2018
288 Seiten
20 Euro
ISBN: 978-3421048110

Google hat mit Verily eine eigene Einheit aufgebaut, die durch Datensammelei die ständige Vermessung und Verbesserung unserer Gesundheit sicherstellen soll. Apple will seine Armbanduhr zur permanenten Anamnese nutzen, Smartphones könnten die Stimme nach Anzeichen für eine Depression untersuchen.

„Wenn wir über die Zukunft der medizinischen Forschung sprechen, dann reden wir sicher mehr über Apple und IBM als über Lilly und Pfizer“, zitiert Schulz Tom Insel, den Ex-Leiter der Forschungsförderanstalt NIH, der inzwischen für Verily arbeitet.

So spannend die Visionen in Schulz’ Buch sind, manche Frage bleibt offen: Etwa was all das für die deutsche Wirtschaft bedeutet, die mehr bedeutende Pharma- als Software-Firmen aufweist? Oder was aus dem Schutz von Patientendaten wird? Und was eigentlich mit einer Gesellschaft geschieht, die alle genetischen Unzulänglichkeiten entdeckt und ausgemerzt hat?

Über die Antworten werden wir in den nächsten Jahrzehnten debattieren. Die Lektüre von „Zukunftsmedizin“ ist dafür eine gute Diskussionsgrundlage.

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