Frankreichs Kolonialgeschichte „Mission Macron“ – Geraubtes Kulturgut soll zurück nach Afrika

Frankreichs Präsident will geraubte Stammeskunst aus der Kolonialzeit zurückgeben – und nebenbei wieder Einfluss in den Herkunftsländern gewinnen.
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Die französische Händlerin Hélène Kamer-Leloup organisiert den Abtransport der „Baga-Schlange“. Quelle: DALiM
Guinea 1957

Die französische Händlerin Hélène Kamer-Leloup organisiert den Abtransport der „Baga-Schlange“.

(Foto: DALiM)

Paris„Temporäre oder endgültige Restitutionen afrikanischer Kulturgüter werden unser kollektives Gedächtnis neu konstruieren“, verkündete Felwine Sarr am 12. Juni in Dakar. Damit unterstreicht der senegalesische Wirtschaftswissenschaftler die identitätsstiftende Bedeutung der Stammeskunst für das Selbstverständnis der einst von den Europäern beraubten Kolonien.

Sarr erarbeitet gemeinsam mit der französischen Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, Professorin an der TU Berlin und am College de France in Paris, einen Bericht für Staatspräsident Emmanuel Macron. Savoys Forschungsschwerpunkt liegt u. a. bei Raubkunst.

Im Rahmen der „Mission Macron“ soll das Professoren-Duo die Bedingungen für eventuelle Restitutionen sowie für mittel- oder langfristige Leihgaben afrikanischen Kulturguts aus öffentlichen französischen Sammlungen untersuchen. Dazu befragen die beiden in diversen Gesprächsrunden Juristen, Museumsdirektoren, Kunsthistoriker und spezialisierte Kunsthändler zur Restitutions-Problematik, die derzeit europaweit diskutiert wird.

Mitte Juni luden sie erstmals in Afrika fünfzehn Spezialisten zu einem Round-Table-Gespräch im ehemaligen Kolonialbau des „Musée Théodore Monod d‘art africain“ in Dakar (Senegal) ein. Zum illustren Kreis zählte auch der Pariser Galerist Robert Vallois, der in Cotonou (Benin) das kleine „Musée des récades“ gründete und finanziert. Hier werden restituierte Machtsymbole der Könige von Abomey (Benin) ausgestellt. Als einziger Tribal-Art-Händler nahm der Brüsseler Didier Claes teil, der sich seit Jahren für die „bedingungslose Rückgabe“ afrikanischer Kultobjekte einsetzt.

Das Kultobjekt aus Guinea wurde 2013 in Paris für 2,3 Millionen Euro versteigert. Quelle: Christie's
Baga-Schlange

Das Kultobjekt aus Guinea wurde 2013 in Paris für 2,3 Millionen Euro versteigert.

(Foto: Christie's)

Im Pariser Handel hingegen wird die „Mission Macron“ heftig diskutiert. Neben der eigentlich selbstverständlichen ethisch-moralische Grundhaltung der Befürwortung von geraubtem Kulturgut gilt es, grundlegende rechtliche Fragen zu klären: An wen soll restituiert werden? An Vertreter der jetzigen oder der früheren Staaten? Die Herkunftsgesellschaften? An lokale Herrscher persönlich? „Das Recht wird folgen,“ proklamiert die optimistische Professorin Savoy.

In ihren Pariser Vorlesungen legt sie den rechtlichen Transfer geraubter Güter aus jahrhundertelang geplünderten Kolonien dar, die erst mit der Einspeisung in europäische Museen zum „staatlichen Kulturgut“ wurden. Als Staatseigentum haben sie in Frankreich bis jetzt ein unabänderliches Statut, sie sind unverkäuflich und können nicht weitergegeben werden. Juristisch gesehen könnte die „Mission Macron“ die Öffnung der „Büchse der Pandora“ bedeuten.

„Verbrechen gegen die Menschheit“

Die „Mission Macron“ wird auch als diplomatische „Soft Power“ bezeichnet. Vom politisch-wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, ist sie besonders aufschlussreich. Denn der französische Präsident distanziert sich von der französischen Kolonialpolitik. Noch als Präsidentschaftskandidat bezeichnete er die Kolonisation als „ein Verbrechen gegen die Menschheit“.

Gleichzeitig möchte Macron in Afrika verlorene Marktanteile Frankreichs – im Verhältnis zur Expansionspolitik Chinas – zurückgewinnen. Da Verbrechen gegen die Menschheit niemals verjähren, kann sein Diktum zum Motto werden, die im kolonialen Kontext geraubten Kulturgüter zurückzuerstatten.

Zur gleichen Problematik erschien kürzlich in Deutschland der hilfreiche „Leitfaden des Deutschen Museumsbundes“. Die Franzosen agieren rascher, die Deutschen liefern zuerst den nötigen theoretischen Unterbau.

Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg hat drei prachtvolle „Gedenkköpfe“ aus Bronze aus dem Königreich Benin erforscht. Die noch vom Gründungsdirektor Justus Brinckmann erworbenen Skulpturen von einzigartiger Schönheit werden in Kürze an das Hamburger Museum für Völkerkunde übergeben.

Die weibliche Statue der Senufo aus den Sammlungen von Werner Muensterberger, William Rubin und Myron Kunin erzielte den Weltrekord von zwölf Millionen Dollar. Quelle: Sotheby’s
Meister von Sikasso

Die weibliche Statue der Senufo aus den Sammlungen von Werner Muensterberger, William Rubin und Myron Kunin erzielte den Weltrekord von zwölf Millionen Dollar.

(Foto: Sotheby’s)

Das Ziel: Schritte zur Verständigung einleiten. Zur Erinnerung: 1892 bis 1894 unterwarfen und plünderten französische Kolonialtruppen die Stadt Abomey; 1897 raubten englische Truppen u. a. rund 800 kunstvolle Bronze-Reliefplatten aus dem Königspalast in Benin City, die teils ins British Museum gingen, teils an europäische und US-Museen verkauft wurden.

Zurück nach Frankreich: Viele, oft ältere Sammler und Händler stehen der „Mission Macron“ kritisch gegenüber, während besonders Macrons Generation die Sanierung des Marktes für wünschenswert hält. Dazu zählt etwa der in New York tätige Galerist Heinrich Schweizer, der zehn Jahre lang bei Sotheby‘s New York eine führende Marktposition einnahm, indem er afrikanische Stücke kunsthistorisch und finanziell aufwertete.

2014 verhalf der kluge Deutsche Sotheby‘s zum Tribal-Art-Weltrekord in Höhe von zwölf Millionen Dollar für eine Senufo-Statue. Schweizer unterstreicht: „Der Handel hat ein Interesse an einer klaren Regelung.“ Diese setzt ernsthafte Provenienzforschung und ein digitalisiertes Inventar voraus, das auch den afrikanischen Forschern und Kuratoren zugänglich sein sollte.

Praktisch alle Händler stimmen dem Prinzip der Restitution zu, solange es um Objekte geht, die während der kolonialen Eroberungskriege geraubt wurden. Das sei aber nur ein Prozent der in Museen, Sammlungen und im Handel existierenden Kultobjekte, präzisieren sie.

Was die restlichen 99 Prozent angehe, da weisen die Restitutionsskeptiker gern auf mangelnde Sicherheitsbedingungen in so manchem afrikanischen Museum hin. Schwingt da vielleicht ein Rest von kolonialem Denken mit?

„Abgesehen von einigen symbolischen Rückgaben wird sich Macrons Initiative über viele Jahre dahinziehen“, prophezeit ein bedeutender Sammler, der anonym bleiben möchte, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Darauf angesprochen, kontert eine Verantwortliche des französischen Kulturministeriums: „Unter Macron wird es schnell gehen!“ Präsident Macron brachte den Stein des Anstoßes ins Rollen – aber wie weit rollt er?

Denn die Argumente der Restitutionsgegner sind vielfältig: Unzählige Stücke wurden – auch von Händlern – vor der Vernichtung gerettet. Innerhalb von mehr als hundert Jahren und besonders dank der Arbeit von Galeristen stieg der Handelswert für „Negerplastik“ – so der Titel der 1915 erschienenen Monografie zur Stammeskunst von Carl Einstein – kontinuierlich. Eine Tatsache, die den Afrikanern nicht entging. Sie forderten anlässlich einer Konferenz der Unesco am 1. Juni in Paris ausdrücklich auch teure Stücke zurück.

„Rückgabe ist riskant“

Der 95-jährige, noch voll aktive Experte Jean Roudillon bringt es im Hintergrundgespräch mit dem Handelsblatt auf den Punkt: „Seit Jahrzehnten behüte ich afrikanische Stücke! Ich habe sie gerettet, aufbewahrt und studiert. Gemeinsam mit meinen Kollegen sowie Sammlern und Museumskuratoren haben wir sie hochgepriesen.

„Wir sind die Konservatoren von Kulturgut, das es ohne uns gar nicht mehr gäbe.“ Der Sammler und Herausgeber der Zeitschrift „Tribal Art“, Pierre Moos, ergänzt: „Das Sammlerauge veredelte die Stücke, die jetzt Millionenbeträge kosten. Solange es in Afrika kein Museum vom Kaliber des Louvre Abu Dhabi gibt, ist die Rückgabe riskant“, meint Moos. Marktkenner wollen beobachtet haben, dass nach Afrika restituierte Objekte einige Zeit später doch wieder auf dem Markt zum Verkauf gelandet waren.

Ausgelöst wurde die aktuelle Rückgabedebatte um afrikanische Raubkunst im August 2016. Damals trat die Republik Benin mit einer offiziellen Restitutionsforderung an die französische Regierung heran. Die Antwort unter Präsident François Hollande war kurz und juristisch: Französisches Staatseigentum ist unabänderlich. Präsident Macron hingegen änderte den diplomatischen Kurs und ethischen Diskurs im November 2017 anlässlich eines Staatsbesuchs in Afrika radikal.

Macrons Vorstoß ist ein symbolischer Schritt, dessen wirtschaftliche Konsequenzen noch unabsehbar sind. Denn nebenbei taucht das Fälschungsthema auf. Kenner des Marktes für Stammeskunst erzählen, dass afrikanische Werkstätten ab den 1950er-Jahren tonnenweise Objekte speziell für den Pariser Markt hergestellt hätten. Voll Ironie weisen die Insider darauf hin, dass man Objekte, die als Falsifikat kein Kulturgut seien, auch nicht restituieren könne.

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