Gerichtsprozesse Skandal um Manuskripte – Franzose soll 18.000 Investoren geschädigt haben

Ein Franzose soll 18.000 Anleger mit Kunst auf Papier betrogen haben. Lockmittel waren Jahresrenditen von mehr als acht Prozent.
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Handgeschriebener Brief mit Illustration an Anthon van Rappard. Quelle: Hotel Drouot
Vincent van Gogh

Handgeschriebener Brief mit Illustration an Anthon van Rappard.

(Foto: Hotel Drouot)

Paris„Des einen Leid ist des andren Freud“, höhnt das Sprichwort unerbittlich. Auf der einen Seite stehen rund 18.000 geschädigte Investoren, auf der anderen das Pariser Auktionshaus „Hôtel Drouot“, wo Claude Aguttes die skandalträchtige Sammlung von Aristophil federführend versteigert.

Tausende Investoren hatten Anteile an 130.000 Manuskripten, Briefen oder Büchern bei der Aktiengesellschaft Aristophil erworben. Angelockt durch eine angekündigte Jahresrendite von mehr als acht Prozent. Aristophil aber soll die Zahlungen der Neueinsteiger für die Entschädigung der Erstanleger verwendet haben. Eine Art Schneeballsystem, wie es bereits Bernie Madoff Kopf und Kragen gekostet hatte.

Gérard Lhéritier – Spitzname „Madoff der Manuskripte“ – gründete Aristophil im Jahr 1990. Später öffnete der Franzose Niederlassungen in Belgien, England, der Schweiz, Luxemburg und Österreich. Nach der im Jahr 2015 gerichtlich verordneten Auflösung von Aristophil und deren Tochtergesellschaften, der Sperrung sämtlicher Konten und Beschlagnahme der von Aristophil eingelagerten Investmentobjekte schlossen sich die geschädigten Anleger in mehreren Vereinen zusammen. Sie gehen zivil- und strafrechtlich gegen Lhéritier und sieben weitere Angeklagte vor.

Die Anklage lautet auf irreführende kommerzielle Praktiken, Veruntreuung sowie Geldwäsche im Zusammenhang mit bandenmäßigem Betrug. Im Jahr 2017 entschieden das Handelsgericht und das Landgericht in Paris die Versteigerungen der erworbenen Kulturgüter, um wenigstens einen Teil des investierten Kapitals den Geprellten zurückzuerstatten. Die von den Opfern investierten Summen liegen zum Großteil zwischen 1.500 bis 300.000 Euro, reichen aber in einigen Fällen bis zu einer Million Euro.

In den Sälen des Auktionshauses Hôtel Drouot sind innerhalb von sechs bis zwölf Jahren 300 Auktionen zu verschiedenen Themen geplant. Trotz des langen Zeitraums fürchten Marktkenner eine Überflutung des Marktes und daraus resultierend zu niedrige Preise.

Das Hôtel Drouot ist eine Aktiengesellschaft, die 61 Auktionshäusern gehört. Sie versteigern in dem Neubau in 19 Sälen auf eigenen Namen. Das im Hôtel Drouot aktive Auktionshaus Aguttes verantwortet die Versteigerungen, unterstützt von den Auktionshäusern Ader-Nordmann, Artcurial und Drouot-Estimation.

Auktionator Claude Aguttes beschloss die einheitliche grafische Gestaltung der Kataloge, die gleichen Experten und den Versteigerungsort Hôtel Drouot. Während sich die dort organisierten Auktionatoren und Experten über die anteiligen Honorare und die lange Laufzeit freuen können, wissen die Anleger nicht, ob und wie viel sie von ihrem Investment wiederbekommen.

Denn die erste Auktion am 20. Dezember 2017 war ein Desaster. Von den erwarteten zwölf bis 16 Millionen Euro stagnierte das Gesamtergebnis bei knapp drei Millionen Euro. Das französische Kulturministerium hatte fünf Lose – unter anderem vom Marquis de Sade und von André Breton, auf 8,5 bis 11,5 Millionen Euro geschätzt – als „staatliches Kulturgut“ erklärt.

Die Folge: eine 30-monatige Ausfuhrsperre, in der der Staat eine Finanzierung für den Ankauf auftreiben muss. Diese Preisverhandlungen sind komplex, denn die den Investoren zuvor von Aristophil berechneten Preise sollen völlig abgehoben vom Markt gewesen sein.

Versteigert für 4,3 Millionen Euro. Quelle: Aguttes
Stundenbuch von Petau (1495)

Versteigert für 4,3 Millionen Euro.

(Foto: Aguttes)

Aristophil bot zwei Kategorien von Investitionen an: erstens Objekte, deren Status individuelles Eigentum vorsah; zweitens das Gemeinschaftseigentum mehrerer Investoren am gleichen Gegenstand. Erstere sind einfacher zu handhaben. Ihre Versteigerungen wurden vom Pariser Handelsgericht beschlossen.

Komplizierter ist der Status der vom Pariser Landgericht mithilfe eines Insolvenzverwalters überwachten Briefe, Archivblätter, Zeichnungen, antiquarischen Bücher, Fotografien, die mehrere Investoren beanspruchen können. Denn die Anwälte der Geschädigtenverbände konstatieren, dass sich unter Umständen 60 Miteigentümer ein einziges Objekt teilten. Für die Versteigerungen muss die Zustimmung aller eingeholt werden.

Nebenbei errechneten die Opfer, dass ihnen der Ankaufspreis von Aristophil im Durchschnitt um 149 Prozent überhöht berechnet worden sei. Gérard Lhéritier hatte sich die Verwahrung der Handschriften und Stundenbücher gesichert. Anleger konnten sie allerdings zu Gesicht bekommen, wenn sie das von ihm gekaufte prunkvolle Pariser Schrift- und Manuskriptmuseum besuchten. Dort lud Lhéritier gerne Politiker und Schriftsteller, Journalisten und Fotografen ein.

Überhöhte Schätzungen

Als erstklassiger Kommunikator informierte Lhéritier in seinen Anfängen die Presse, bevor er im Hôtel Drouot ein Manuskript zum Rekordpreis ersteigerte. Später stützte er sich auf Pariser Antiquare und Experten für Manuskripte, die – laut der Anklage – angeblich überhöhte Schätzungen abgaben. Ein Pariser Antiquar zählt zu den acht Angeklagten.

Im Juni und Juli fanden acht thematische Versteigerungen statt, die insgesamt 20,9 Millionen Euro einbrachten. Die erste Auktion der Serie, mit frühen Manuskripten und Stundenbüchern, überraschte am 16. Juni mit dem hohen Zuschlag für das den katholischen Kalender enthaltende Stundenbuch der Familie Petau von 1495.

Ein mutiger Telefonbieter bewilligte 4,3 Millionen Euro dafür. Das mit kostbaren Miniaturen versehene Manuskript hatte in der Nachlassauktion des Air-France-Gründers Paul-Louis Weiller 2011 ebenfalls im Hôtel Drouot 2,3 Millionen Euro eingefahren.

So sah der Künstler seine Galeristin Iris Clert. Quelle: Aguttes/Drouot / VG-Bild, Bonn, 2018
Chaissac Gaston

So sah der Künstler seine Galeristin Iris Clert.

(Foto: Aguttes/Drouot / VG-Bild, Bonn, 2018)

Ein Deckfarbenblatt von Gaston Chaissac mit dem Porträt der Galeristin Iris Clert von 1961 fand am 18.6. für 33.800 Euro einen Interessenten in der Auktion „Werke und Korrespondenz der Maler“. Ein holländisch geschriebener Brief von Vincent van Gogh vom 5. März 1883 an den niederländischen Maler Anthon van Rappard mit fünf Federzeichnungen erreichte 533.000 Euro in der gleichen Sitzung.

Unergründlicher Schaden

Die große Menge an gleichzeitig angebotenen Manuskripten hat zu Rückgangsquoten über den üblichen Prozentsätzen geführt. Negativ wirkte, dass sehr viel Archivmaterial von geringem Interesse versteigert werden sollte. Der Präsident eines Expertenverbandes, Frédéric Castaing, kritisiert die Gesamtabwicklung, die für ihn keineswegs den Versuch darstellt, den Skandal zu lösen. „Der Skandal betrifft unser schriftliches Kulturerbe und fällt auf den gesamten französischen Markt zurück.“

Nach dem Zeitpunkt des Urteils befragt, informiert Rechtsanwalt Philippe Julien von der Pariser Anwaltskanzlei PDGB, die 700 Oper vertritt, das Handelsblatt, der Schaden sei im Hinblick auf die Anzahl der Geschädigten „quasi unergründlich. Inklusive der Zinsen übersteigt er eine Milliarde Euro.“

Sofern die gerichtlichen Untersuchungen Ende 2018 beendet seien, könnten die ersten Plädoyers im Zivilverfahren 2019/2020 gehalten werden. Die Strafrechtsklagen dauern länger.

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