Kunstmarkt Neue Kunst in alten Mauern – Riga hat eine neue Biennale

Riga hat seit diesem Sommer eine eigene Biennale. Das Leitmotiv: Die großen gesellschaftspolitischen Veränderungen unserer Zeit.
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Arbeiten, auch im Sonntagsstaat, lautet die Botschaft der Installation "Sacred Work Fashion Collection" (2016-2018). Quelle: Vladimir Svetlov, RIBOCA
Hannah Anbert

Arbeiten, auch im Sonntagsstaat, lautet die Botschaft der Installation "Sacred Work Fashion Collection" (2016-2018).

(Foto: Vladimir Svetlov, RIBOCA)

RigaEtwas kleiner als Bayern ist Lettland und seine Hauptstadt Riga gerade mal 250 Kilometer von den russischen Nachbarn entfernt. Fast dreißig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist die lettische Kapitale heute Schauplatz einer Biennale für zeitgenössische Kunst.

Das Leitmotiv ist der Wandel. Nicht nur in der Geschichte erleben Letten Veränderung. Ein Rundgang zeigt den Touristen davon einiges, wie die wieder aufgebauten Renaissance-Stadtpaläste in der malerischen Altstadt. „Everything Was Forever, Until It Was No More“ lautet das treffliche Motto der ersten Ausstellung, die alle zwei Jahre stattfinden soll.

Alles schien auf ewig zu sein, bis es nicht mehr da war. Das trifft auf viele wichtige Themen der Zeit zu: die Wiedergeburt der Nationalismen in Europa und den USA, den Brexit, aber auch Digitalisierung, Klimawandel und Artensterben. „Die Biennale geht von einem spezifischen geopolitischen Ort aus“, charakterisiert Chefkuratorin Katerina Gregos die erste Riboca, Riga International Biennial of Contemporary Art. „Dann aber beleuchtet sie den Wandel, der uns alle betrifft.“

Ohne Worte, Schrift und Bücher hätte die Welt keine Geschichte. So bringt der Katalogtext die Installation des griechischen Künstlers auf den Punkt. Quelle: Andrejs Strokins/RIBOCA
Nikos Navridis

Ohne Worte, Schrift und Bücher hätte die Welt keine Geschichte. So bringt der Katalogtext die Installation des griechischen Künstlers auf den Punkt.

(Foto: Andrejs Strokins/RIBOCA)

An einem der acht Ausstellungsorte hat die Litauerin Indre Serpytyte einen kleinen Raum mit vielen Reihen brusthoher Regale gefüllt. Darauf stehen Modellbauten, etwas größer als die für die Modelleisenbahn. Ihre Maße und der Stil des biederen, längst überholten sozialistischen Realismus verstören die Betrachtenden.

Videoinstallation beeindruckt

Doch der Titel „NKWD, KGB“ klärt auf: Es ist ein Archiv von Geheimdienstbauten der Sowjets, das die Fotografin Serpytyte aufgebaut und dann dreidimensional von traditionellen Schnitzern in Holz umsetzen ließ. Wandel heißt eben auch: Die bauliche Hülle verhasster Überwachungsstätten bleibt, nur ihre Funktion ändert sich.

Eine Videoinstallation, die sich tief ins Gedächtnis eingräbt, ist „In the Land of Drought“ von Julian Rosefeldt. Der Wahlberliner hat zu Joseph Haydens verfremdeter „Schöpfung“ ein Mahnmal gefilmt über die Selbstauslöschung der Menschheit. Im „Land der Dürre“ packen Close-ups von tristen Tagebaulandschaften im Rheinischen Braunkohlerevier mit ihrem grafisch markanten Streifenraster genauso wie eine verlassene Ritterburg in der marokkanischen Wüste. Menschen in Schutzanzügen beschwören ein postapokalyptisches Szenario herauf.

Der Film geht dem Besucher nahe. Denn Rosefeldt entwirft sein Schreckensszenario nicht dokumentarisch, sondern visuell ansprechend. Dem Hässlichen könnte man sich entziehen, dem Blick durch Künstleraugen nicht. So bedrückend das Skript ist, so berauschend suggestiv sind Rosefeldts Filmbilder, Schnitte, Rhythmen und Perspektiven. Das ist großes Kino im Kunstkontext. Gefilmt hat Rosefeldt übrigens ausschließlich mit einer Drohne. Sensationell.

So sahen die Gebäude der russischen Geheimdienste NKVD, MVD, MGB und KGB im Modell aus. Ihre Hüllen existieren noch, die Funktion ist eine andere geworden. Quelle: Courtesy of the artist and Parafin, London / RIBOCA
Indrė Šerpytytė

So sahen die Gebäude der russischen Geheimdienste NKVD, MVD, MGB und KGB im Modell aus. Ihre Hüllen existieren noch, die Funktion ist eine andere geworden.

(Foto: Courtesy of the artist and Parafin, London / RIBOCA)

Von ähnlicher Wucht bei entgegengesetzten ästhetischen Mitteln ist Aslan Gaisumovs minimalistisches Video „People of No Consequence“. Man sieht uralte Menschen aus Grosny (Tschetschenien) in einem Saal Platz nehmen. Sehr langsam, erst die schwankend gehenden Männer, dann die wackeligen Frauen, die hinten Platz nehmen. Keiner sagt ein Wort, denn erklären müssten sich die Täter, nicht die Opfer, meint der Künstler. Er spricht für die Betagten.

Die Greise in kaukasischer Tracht sind Überlebende einer nationalen Katastrophe. 1944 ließ Stalin eine halbe Million Tschetschenen und Inguschen wegen angeblicher Kollaboration nach Kasachstan deportieren. Nie wurde der Willkürakt aufgeklärt, stets international verschwiegen. Kunst im Wandel der Zeit ist bisweilen eben auch Rehabilitation.

„Katerina Gregos’ kuratorische Entscheidungen zeigen ihr tiefes Verständnis und ihre Sensibilität gegenüber diesem überaus interessanten Teil von Europa“, lobt Daniel Hug. Der Direktor der Kunstmesse Art Cologne war zur Eröffnung eigens angereist. „In Riga verschmelzen verschiedenste Kulturen miteinander. Die Stadt fühlt sich skandinavisch, russisch und westlich an – alles zur gleichen Zeit“, ergänzt Hug.

Blick auf die Präsentation der Videoarbeit "In the Land of Drought" (Im Land der Dürre, 2016). Quelle: Julian Rosefeldt, VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Julian Rosefeldt

Blick auf die Präsentation der Videoarbeit "In the Land of Drought" (Im Land der Dürre, 2016).

(Foto: Julian Rosefeldt, VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Enttäuscht war der Messemacher und Kunstkenner – wie viele andere Gäste auch – „von der zu geringen Sichtbarkeit der Biennale in der Stadt“. Hier fehlt es schlicht an Werbung und der Resonanz auf politischer Ebene. „Eine Biennale von diesem Kaliber passiert ja nicht einfach so, sie braucht aktive Unterstützung und Bestätigung“, erklärt Hug auf Anfrage des Handelsblatts.

Finanzspritze eines Mäzens

Die fehlende politische Unterstützung mag eine Kinderkrankheit der Debütausstellung sein. Sie könnte aber auch der Entstehungsgeschichte der Riboca geschuldet sein. Die junge Agniya Mirgorodskaya hat ihr Faible dafür entdeckt, Künstlern beim Kunstmachen unter die Arme zu greifen. Deshalb hat sie einer großen kommerziellen Galerie in London den Rücken gekehrt und im Norden die Riga Biennial Foundation gegründet.

Ihr Vater ist Gennady Mirgorodsky. Als Produzent von TV-Filmen gelangte er zu Reichtum, den er heute von Russland aus mit einer Flotte für Krabbenfang mehrt. Ihm wird im Katalog an erster Stelle gedankt. Von Mirgorodsky dürfte die Anschubfinanzierung des Drei-Millionen-Budgets stammen, die durch viele nationale Kunststiftungen aufgestockt wurde.

Die Mäzenin Agniya Mirgorodskaya trägt mit der Etablierung einer neuen Biennale in Riga sicherlich dazu bei, die Sichtbarkeit der vitalen baltischen Kunstszene zu erhöhen und das Baltikum auf der Landkarte für zeitgenössische Kunst zu verorten.
Zurück zur Ausstellung. Bücher und leere Bibliotheksregale spielen mehrfach eine wichtige Rolle bei der ersten Riboca. Der Grieche Nikos Naviridis hat für „All of old. Nothing else ever” Hunderte von Büchern raumhoch so aufgestellt, dass die geöffneten Buchdeckel hinten befestigt sind. Abertausende von Seiten spreizen sich flatterhaft in den Raum, ohne lesbar zu sein. „Ohne Worte, Schrift und Bücher hätte die Welt keine Geschichte. Sie hätte keinen Begriff für Humanität“, heißt es dazu in dem gut gemachten Katalog.

Der Künstler im Jahr 2016 bei den Aufnahmen eines schmelzenden Grönland-Gletschers für seine Soundinstallation "MELT". Quelle: Galleri Tom Christoffersen, Copenhagen RIBOCA
Jacob Kirkegaard

Der Künstler im Jahr 2016 bei den Aufnahmen eines schmelzenden Grönland-Gletschers für seine Soundinstallation "MELT".

(Foto: Galleri Tom Christoffersen, Copenhagen RIBOCA)

Während die Kataloge anderer Großausstellungen Seiten mit überflüssigen „Diskursen“ füllen, die keiner liest, weil die Werke, die es zu beschreiben gälte, zu spät fertig werden, liegt der Guide in Riga rechtzeitig vor: Als Taschen-Katalog in drei Sprachen, samt den Beschriftungen der Kunstwerke und den Plänen zum Auffinden der versteckten Locations. Das ist leider keine Selbstverständlichkeit mehr bei internationalen Megaschauen.

Chefkuratorin Katerina Gregos, eine gefragte freie Kuratorin, hat in Riga ihr Meisterstück abgegeben. 114 Arbeiten von 104 Künstlern und Künstlerkollektiven, darunter 49 Auftragswerke, galt es, in der Stadt und auf dem Hafengelände sinnvoll zu platzieren. Mit einem überzeugenden Konzept und perfekter Organisation empfiehlt sich die gebürtige Griechin, die in Brüssel lebt, als Kuratorin für anspruchsvolle Großprojekte, etwa die nächste Documenta in Kassel.

Sosehr ein aktuelles Thema wie der Wandel eine Ausstellung profiliert und konturiert, am vierten, fünften oder sechsten Spielort mag sich so mancher Besucher nach Kunstwerken sehnen, die nicht primär durch ihre Thematik, sondern mit starker Ästhetik oder gelungenem formalem Experiment überzeugen.

Lifestyle statt Kunst

Die Riboca zeigt nur sehr wenig Malerei. Schade, denn die in Schichten auf Holz gemalten, wagemutigen Abstraktionen des Schweizers Christoph Bucher hätten gut gepasst. Lassen sie sich doch auch als Sinnbild für unser alltägliches Chaos lesen, das wir zu verwandeln haben wie der Maler die mit dem Zufallsgenerator gebildeten geometrischen Formen.

Enttäuscht hat die Außenstation der Riboca im Betonbahnhof von Dubulti, vor den Toren Rigas an der Küste gelegen. Dort ist eine den Sinnen gewidmete Sonderschau eingerichtet. Das um den Bernstein kreisende „Ambereum“ von Viron Erol Vert ist so platt wie das „Floristaurant“ von Marisa Benjamim, wo es um essbare Wildpflanzen geht. Lifestyle statt Kunst.

Zu journalistisch, zu wenig künstlerisch verdichtet wirkt gelegentlich die Fotokunst. Etwa wenn Eve Kiiler den Zeitläufen mit mal mehr, mal weniger modernisierten Datschen in kleinformatigen, in Vierergruppen präsentierten Aufnahmen nachspürt. Oder wenn Erik Kessels Ausschnitte jener insgesamt 675 Kilometer langen Menschenkette zeigt, die die baltischen Staaten 1989 gegen die „illegale Besetzung des Baltikums durch die Sowjetunion“ bildeten. Seine Fotowand „Chain of Freedom“ ist vielleicht 20 Meter lang und steht in einem wüsten Hof im Businesscenter Sporta2.

Mit Humor und Ironie geht der Schöpfer des Brexit-Souvenir-Shops mit dem Thema Wandel um. Quelle: mauritius images
Michael Landys 'Brexit Kiosk'

Mit Humor und Ironie geht der Schöpfer des Brexit-Souvenir-Shops mit dem Thema Wandel um.

(Foto: mauritius images)

Ganz anders ein Motiv, das das Zeug hat, zum Symbol der Riboca zu werden: die moderne Tech-Variation der Bremer Stadtmusikanten, die am Hafenbecken steht. Der Belgier Maarten Vanden Eynde hat für die Skulptur „Pinpointing Progress“ einen alten Bus, einen Kleinbus, ein Mofa, ein Fahrrad, eine Radio-Truhe, ein Transistorradio, ein Telefon und ein Handy auf einer zentralen Achse aufgespießt und damit ein eingängiges Bild für Fortschritt und industrielle Evolution geschaffen.

Feinsinnig kombinierte Vanden Eynde Fortbewegungsmittel und Telekommunikation. Denn im Ostblock war es üblich, seine Gesprächspartner ohne Vorankündigung zu besuchen. Wenn eine Privatperson überhaupt einen Telefonanschluss besaß, lief sie Gefahr, abgehört zu werden.

Der Ausflug zum Hafen an der Andrejostasiela 29 lohnt auch, weil in einer Halle dramatische Videos über Fluchten und Meeresgewalten gezeigt werden. Auch steht mitten im Gras ein Viehtransporter. Man übersieht dieses skulpturale Kunstwerk leicht, doch es dringen bedrohliche Geräusche an das Ohr.

Der ehemalige Cattle Trailer bebt, es rumpelt und knallt, als erwehrte sich ein unsichtbares Wesen seiner Gefangenschaft. Der Este Jevgeni Zolotko hat nicht nur den Tierschutz im Sinn, sondern auch Menschen, die in käfigkleinen Behausungen leben müssen, etwa in Hongkong.

Von heiter ironischem Umgang mit dem Wandel zeugt der „Brexit“-Souvenir-Pavillon von Michael Landy. Weil Großbritannien nach dem Ausstieg aus der EU stärker denn je auf Handelspartner angewiesen ist, bietet Landy dort English Breakfast Tea, Scones und Zeitungen zum Brexit an.

Die Dänin Hannah Anbert kombiniert Arbeitskleidung mit dem eleganten Schnitt des Sonntagsgewandes. Ein humorvoller Hinweis darauf, dass die Arbeit uns dominiert und nicht mehr gottgefälliges Handeln.

Es braucht Ausdauer für die Riboca, so viel Kunst ist zu entdecken. Weil sich die Anfahrt lohnt, fährt Messedirektor Daniel Hug noch ein zweites Mal hin.

„Riboca. Riga International Biennial of Contemporary Art“, bis 28. Oktober 2018 an acht verschiedenen Orten in der lettischen Hauptstadt.

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