Kunstmesse Frieze Zeitgenössische Kunst macht Sammler wieder heiß

Der Crash ist vorbei. Auf der Londoner Frieze befeuern Angebot und Nachfrage den Konsum wie in besten Zeiten. Die Messe ist ein Fest für Sammler, Agenten, Partysüchtige und Zaungäste.
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Verrückt gekleidete Besucherin der Londoner Frieze: Die Kunstmesse ist auch ein Fest für Partysüchtige und Zaungäste. Quelle: Reuters

Verrückt gekleidete Besucherin der Londoner Frieze: Die Kunstmesse ist auch ein Fest für Partysüchtige und Zaungäste.

(Foto: Reuters)

LONDON. Konkurrenz oder symbiotische Zusammenarbeit? Messen wurden in den letzten Jahren so groß, weil sich Händler gegen die Macht der Auktionshäuser wehren wollten. Nun zeigt sich, dass sich im engeren Zusammenrücken noch bessere Geschäfte machen lassen.

Auktionsbetrieb, Messebetrieb und Galeriebetrieb waren noch nie so eng verzahnt wie in dieser Frieze-Woche. Kunstfreunde, aufgeregte Agenten, Schlepper und Vermittler, Zaungäste und Partysüchtige zogen von Vernissagen zu Auktionen zu Messen und wieder zurück. Auktionen versteigern Kunst für 95 Mio. Euro, das Warenangebot der Frieze wird auf 300 Mio. Euro geschätzt. Angebot und Nachfrage befeuern den Kunstkonsum wie in besten Zeiten.

Mittags spazierte Auktionator Simon de Pury über die Frieze und stellte erfreut fest: „Da ist wieder richtig Sog drin.“ Abends stand er auf dem Podium und hatte die beste Londoner Auktion seit dem Juni 2008: „Heiße Contemporary-Künstler bringen wieder Weltrekorde“, freute er sich.

Auf der Frieze-Messe wurden am Nachmittag vier aus Altmetall zusammengeschweißte Skulpturen des in Deutschland geborenen Sterling Ruby aus Los Angeles für Preise zwischen 40 000 und 90 000 Dollar verkauft. Am Abend versteigerte de Pury ein 2008 gemaltes Riesenformat des Künstlers für 193 250 Pfund – ein Auktionsrekord.

Mitten im Trubel der Frieze-Eröffnung fand „die erste Auktion auf einer Kunstmesse“ statt. Die Galerie „A Gentil Carioca“ aus Rio de Janeiro hatte Christie’s Auktionator Hugh Edmeades engagiert, um eine aus Geldscheinen genähte Fahne des brasilianischen Künstlers Lourival Cuquinha zu versteigern – krönender Abschluss des „Jack Pound Financial Art Project“: 42 „Kunstinvestoren“ hatten Lourival gegen eine Gewinnbeteiligung engagiert, aus 1 000 Pfund in Fünfer- und Zehnerscheinen eine Geldfahne zu nähen, die nun vor einem Grüppchen Schaulustiger versteigert wurde. Eine beherzte Sammlerin bezahlte 16 000 Pfund und zeigte so das Wertschöpfungspotenzial von Kunst.

Eine Besucherin betrachte auf der Messe ein Werk von Thomas Houseago. Quelle: Reuters

Eine Besucherin betrachte auf der Messe ein Werk von Thomas Houseago.

(Foto: Reuters)

Gefeilscht wird nicht mehr lange

Der Markt zeigte auch sonst Flagge. Die Preise sind nicht mehr ganz so verrückt. „Die Zeiten sind vorbei, wo man bei 20 000 Euro nicht nachgefragt hat“, bedauert Jari Lager von der Union Gallery beim Messebummel.

Aber von der ersten Stunde an werden Verkäufe gemeldet, und gefeilscht wird nicht mehr lange. Während White Cube den Verkauf der großen Damien-Hirst-Vitrine mit Fischen in Formaldehyd für 3,5 Mio. Pfund an einen asiatischen Sammler bestätigte, liefen am Stand gerade die Verhandlungen über die kleine Katharina-Fritsch-Figur „The Giant“ für 32 000 Euro an, ein Mini-Herkules, der verdächtig nach einem betagten, dickbäuchigen Kunstsammler aussieht.

Amerikaner, angeführt von Hedge-Fonds-Supersammler Steven Cohen, hatten sich durch die Warnungen ihres Präsidenten vor europäischen Terrorgefahren nicht abhalten lassen. Die Zahl der Asiaten, die den Weg nach London fanden, ist spürbar gestiegen. Londoner Großsammler wie Lawrence Graff oder Saatchi waren selbstverständlich unter den Ersten auf der Messe.

Sie kommen, um neue Künstler zu entdecken. „Dies ist die wichtigste Messe in der Welt für neue Künstler“, sagt Galerist François Gehbaly aus Los Angeles und kann es immer noch nicht fassen, dass er als Nachwuchsgalerie für den Projektplatz „Frame“ ausgewählt wurde. Er will Besuchern die Installation „Documents are Flat“ des algerischen Künstlers Neil Beloufa erklären, aber dafür hat niemand Zeit. Das Gedränge ist groß wie nie, und man spürt überall schon wieder die Angst, etwas zu verpassen.

Junge Kunst und große Namen

„Heute beginnt der Aufstieg von Ricarda Roggan“, verkündet Verkaufstalent Gerd-Harry Lybke von Eigen + Art und bietet ihre großen Baumfotografien für 48 000 Euro an. Bruno Brunnet von Contemporary Fine Arts ist voll des Lobes für das Londoner Messepublikum. Er hat zwei der neuen Vitrinen von Max Frisinger mitgebracht und auf Anhieb verkauft (35 000 Pfund). „Auch Baselitz ist ein Junger“, sagt er und zeigt auf eine große Papierarbeit für 500 000 Euro.

Die Kunst der Jungen wird bei den Großen mit gewichtigen Werken aufgewogen: Auch White Cube hat einen Baselitz für 500 000 Pfund, bei der Galerie Werner kann man das Streifenbild „Two Dogs Upward“ für 2 Mio. Dollar haben. Ein großes Rasterbild von Sigmar Polke wurde hier für 2 Mio. Dollar verkauft. Zwirner nebenan hat einen großen Chris Ofili von 1998 für 1,5 Mio. Dollar im Angebot. Ursula Krinzinger zeigt zwei Werke der Turner-Preis-Kandidatin Angela de la Cruz, die Wandskulptur kostet 50 000 Euro.

Fundstücke als ein Trend

Wie steht es mit Trends? Die einen setzen auf neue Kitschromantik – bei Victoria Miro schillernde Feenmalerei von Wangechi Muti – auf der anderen Seite sieht man mehr „found art“ denn je. Frisingers Vitrine, in der Matratzen, Holzstücke, Klappmöbel, Bettroste zu einer dreidimensionalen Abstraktion werden, ist ein Beispiel.

Bei der Hamburger Produzentengalerie hat Andreas Slominski eine makellose Garagentür aus dem Baumarkt an die Wand geschraubt. Eine minimalistische Wandskulptur, die für 28 000 Euro nach drei Messestunden verkauft war. Henrik Olesen bei Buchholz hat einen Drucker säuberlich zerlegt und die Teile auf eine Wandtafel geklebt.

Nicht alle Fundstücke sind echt. Die Zitronen, die bei Presenhubers ganz Ugo Rondinone überlassenem Stand auf dem Boden liegen, sind aus bemalter Bronze und kosteten 40 000 Euro. Auch die Mangos, die Subodh Gupta bei Hauser und Wirth in eine Kiste packt, sind aus bemalter Bronze.

Es ist, als hätte es die Krise nie gegeben

Ein eigenes Kraftfeld entwickelt der phosphor-rosa leuchtende PAD (Pavilion of Art and Design) am Berkley Square. Eine Parallelmesse, „keine Satellitenmesse“, beschreibt Mathias Rastorfer von der Züricher Galerie Gmurzynska die Messe, die 50 Moderne-Händler im Kreuzungspunkt von Kunst und Design zeigt. Seinen Stand ließ er von Zaha Hadid entwerfen: eine exklusive Wand mit Frauenbildern von Picasso bis Mel Ramos und Bronzen von Julio Gonzales und Brancusi.

Gabrielle Amman, die Kölner Händlerin, hat den schneeweißen „Snowdrift Chair“ in Form süffiger Linienschwünge von Zaha Hadid. Hélène Binets Diptychon von Peter Zumthors Therme Vals verschmilzt Kunst und Architektur in ästhetischer Perfektion zu einem jener Momente, wo mitten im Trubel einer Messe die Zeit zum Stillstand kommt (15 000 Euro).

London ist zum Bersten voll mit Vernissagen, Satellitenmessen, Privatausstellungen. Hauser & Wirth haben mit den Stoffarbeiten von Louis Bourgeois die neueste und größte kommerzielle Galerie in der Savile Row eröffnet – ihre dritte in London. Graham Southern und Harry Blain fangen nach ihrem Ausstieg bei Haunch of Venison mit einer neuen Galerie in der Dering Steet wieder an. Es ist, als hätte es eine Krise nie gegeben.

FRIEZE ART FAIR

Die Kunstmesse Frieze Art Fair findet traditionell in einem großen weißen Zelt im Regent’s Park, London, statt. Sie läuft bis zum 17. Oktober und ist täglich von 11 bis 19 Uhr, am 17. Oktober bis 18 Uhr geöffnet. Es nehmen 173 Aussteller aus 29 Ländern teil. Beworben haben sich ca. 500 Teilnehmer. Hauptsponsor ist die Deutsche Bank.

www.friezeartfair.com

Die Auktionen mit Nachkriegskunst und zeitgenössischer Kunst sind am 15. und 16. Oktober noch in vollem Gang. Christie’s versteigert am 15. Post War and Contemporary Art. Sotheby’s veranstaltet am selben Tag seine 20th-Century-Italian-Art-Versteigerung. Es folgt die Abendauktion für zeitgenössische Kunst. Die Tagauktion findet am Samstag, den 16. Oktober statt. Phillips de Pury & Company hat bereits am 14. Oktober versteigert.

www.christies.com


www.sothebys.com


www.phillipsdepury.com

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