Tour de France 2018

Wie verhält man sich im Peloton? Der „Kodex für Radsportjünger“ klärt auf: „Führ dich nicht wie ein Idiot auf !“

(Foto: Reuters)

Literatur Fünf aktuelle Bücher, um über die Tour de France mitzureden

Noch Fragen offen zu den Serpentinen bei L’Alpe d’Huez? Dem stilechten Outfit? Oder den schönsten Anekdoten? Diese Bücher lassen Sie im Nu über Radsport fachsimpeln.
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DüsseldorfSeit einigen Tagen rollen sie wieder durch Frankreich: sportliche Halbgötter auf Carbon und 23 Millimeter breiten Reifen, die Profis der Tour de France. Viele Jahre hatte der Radsport in Deutschland aufgrund von Dopingskandalen das Image eines Schmuddelkindes.

Aber das hat sich gewandelt, peu à peu: dank intensiver Mühen und nachhaltiger Regeln für einen sauberen Sport, dank einer neuen, erfolgreichen Radsportgeneration um Stars wie den Zeitfahrspezialisten Tony Martin oder Sprinter wie Marcel Kittel und André Greipel und nicht zuletzt dank des „Grand Départ“ – des Tour-de-France-Starts – 2017 in Düsseldorf.

Neben Eurosport überträgt auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen wieder von der Tour, sodass auch die deutschen Zuschauer wieder live miterleben können, wie sich zum Beispiel die Fahrer der deutschen Teams Bora-Hansgrohe und Sunweb im Zeitfahren schlagen oder Monumente wie den Col du Tourmalet oder L’Alpe d’Huez erklimmen.

Wer nicht nur die grandiosen Bilder im Fernsehen verfolgen möchte, sondern die sportlichen Höchstleistungen der Radsportler selbst einordnen oder vielleicht mitfachsimpeln möchte, der kann in diesem Jahr auf diverse Neuerscheinungen zurückgreifen, die einen höchst unterhaltsam mit Hintergründen und Details versorgen, um beim Fachsimpeln nach der Rennradtour im Freundeskreis zu glänzen – oder die sich ganz hervorragend auf dem heimischen Sofatisch machen.

Tipp 1: 14 berührende Biografien

Eine wunderbare Kompilation hat der italienische Radsportexperte und Blogger Giacomo Pellizzari vorgelegt. Hintergründig und anekdotenreich erzählt er von 14 eindrucksvollen und höchst individuellen Charakteren, die die Radsportwelt in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben.

Giacomo Pellizzari: Der steile Anstieg zum Olymp – Vierzehn legendäre Radfahrer und ihre Geschichten
Piper Verlag
München 2018
272 Seiten
22 Euro
ISBN: 978-3492058520

Zuweilen etwas pathetisch, aber immer auch selbstironisch und vor allem mit dem sportjournalistischen Gespür für historische Momente, bringt er dem Leser die Eigenheiten des großen Miguel Indurain oder des unersättlichen Eddy Merckx nahe. Jedem der Fahrer, angefangen beim großen italienischen Allrounder Gianni Bugno, schließend bei Lance Armstrong, ordnet er eine bestechende Eigenschaft zu.

Nun könnte man beim Blick auf das Inhaltsverzeichnis, wo sich „Rockstar“, „Unsympath“ sowie „Beau“ finden, ja fragen, was da viel Neues zu lesen sei: Wer wusste denn noch nicht, dass Lance Armstrong ein „Großkotz“ ist und Peter Sagan, der gerade bei der Tour de France mal wieder um das grüne Trikot des besten Sprinters kämpft und sich schon mal für seinen Griff an das Gesäß einer Hostess auf dem Podium entschuldigen musste, ein „Draufgänger“?

Doch auch für langjährige Liebhaber der Szene hält Pellizzari noch unbekannte Anekdoten und Einordnungen bereit. Einziges Manko aus deutscher Sicht: Offenbar weist aus Sicht des italienischen Autors kein deutscher Sportler genügend Charakter auf, um in seiner Auswahl aufzutauchen.

Tipp 2: Die Regeln fürs Rad

Ein wahres Muss für Rennradfahrer und Radsportfans sind „Die Regeln – Kodex für Radsportjünger“. Herausgegeben hat die deutsche Übersetzung der Bielefelder Covadonga-Verlag – ein kleines Haus, das sich großer Radsportliteratur verschrieben hat. Der Kodex ist eine Mischung aus Ratgeber und Bibel über Marotten, Trainings- und Verhaltens-Grundlagen dieses doch sehr auf Eleganz und Traditionen bedachten Sports.

Velominati: Die Regeln – Kodex für Radsportjünger
Covadonga Verlag
Bielefeld 2018
312 Seiten
14,80 Euro
ISBN: 978-3957260277

Allem unterzuordnen ist laut Kodex-Regel Nummer 5: „Beiß verflucht noch mal auf die Zähne“, soll heißen: Fahr’, fahr’, fahr’! Aber auch, wer nur auf der Couch sitzen, aber wissen will, warum sich Rennradfahrer Beine rasieren, weiße Socken das Nonplusultra und Rückspiegel am Lenker das absolute No-Go sind, wieso im Rennen die Startnummer 13 auf den Kopf gestellt ans Trikot zu heften und der Sprint stets im Unterlenkergriff (überhaupt, was ist das?) zu fahren ist, wird hier fündig.

Anekdotenreich und versehen mit einer ordentlichen Portion schwarzen Humors, geht es um Stilfragen (Nummer 32: „Höcker sind für Kamele: Keine Trinkrucksäcke“), Anstand (Nummer 19: „Stell dich vor“, respektive die allumfassende Lebensweisheit: Nummer 43: „Führ dich nicht wie ein Idiot auf“) technische Ausstattung (Nummer 54: „Kein Aerolenker am Rennrad“) und Ernährung (Nummer 56: „Nur Espresso oder Macchiato“).

Der Einzelhandel kommt im Wortsinne ebenfalls auf seine Kosten, da laut Regelwerk der örtliche Radladen dem Internet unter allen Umständen vorzuziehen und dessen Existenz, beachtet man Regel Nummer 12, gesichert ist: „Die korrekte Anzahl Räder, die man besitzen sollte, lautet N+1, wobei N für die Zahl der derzeit im Besitz befindlichen Räder steht.“ Manches ist vielleicht auch nicht ganz ernst gemeint, wie Nummer 57 („Aufkleber stinken“) und Regel Nummer 25: „Die Räder auf dem Dach deines Autos sollten mehr wert sein als das Auto.“

Wobei – doch, eigentlich meinen die Autoren das genau so. Verfasser sind die „Velominati“, ein internationales Kollektiv begeisterter Rennradfahrer, Radsportliebhaber und Reporter, die sich der Huldigung der Radkultur verschrieben haben. Kein Wunder, dass ihr Werk in der englischsprachigen Szene längst zum literarischen Kult aufgestiegen ist.

Tipp 3: Eine philosophische Annäherung

Vielen Unwissenden aber gilt der Radsport ja als Barbarei, Schinderei, als unendliche Abfolge der immer selben monotonen Pedalumdrehung, betrieben von Menschen, die eher Maschinen denn Lebewesen gleichen. Diesen Stereotypen versucht der Franzose Olivier Haralambon entgegenzuwirken in „Der Radrennfahrer und sein Schatten: Eine kleine Philosophie des Straßenradsports“.

Olivier Haralambon: Der Radrennfahrer und sein Schatten
Covadonga Bielefeld 2018
166 Seiten
16,80 Euro
ISBN: 978-3957260284

Der Autor, selbst ehemaliger Rennfahrer, nimmt die Leser mit auf eine poetische Tour durch die Welt des Sports. Angefangen von seiner kindlichen Begeisterung für die Pedale, über die Erregung bei steilen Abfahrten und den Nervenkitzel bei Rennen, über Berge und Täler, Stürze und Schmerzen bis hin zu der Erkenntnis: Radrennfahren macht schlau, denn es lehrt einen die heilsame Tugend der Enttäuschung.

Dem in 14 Kapiteln gegliederten Büchlein merkt man an, dass der Autor auch Philosoph ist. Und so hieß es in der französischen Sportzeitung „L’Équipe“ gar: „Eine der besten Erzählungen über den Radsport, die zu lesen uns bisher vergönnt war.“

Tipp 4: Die kompakte Kulturgeschichte

Einen kompakten, dennoch detail- und lehrreichen Blick auf die Historie des Fahrrads hat wiederum Hans-Erhard Lessing vorgelegt, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Kulturgeschichte von Zweirädern befasst und auch bei der jährlichen „International Cycling History Conference“ mitwirkt. Humorvoll und doch hintergründig erzählt er von der Euphorie, die das Rad bei seiner Erfindung auslöste und von der dann rasanten Entwicklung zum am weitesten verbreiteten Verkehrsmittel, von dem Schätzungen zufolge bis zu 14 Milliarden Stück gebaut wurden.

Hans-Erhard Lessing: Das Fahrrad – Eine Kulturgeschichte
Klett-Cotta Verlag
Stuttgart 2018
255 Seiten
20 Euro
ISBN: 978-3608913422

Lessing ist habilitierter Physiker, Technikhistoriker, Museumskonservator. Doch er widmet sich nicht nur den technischen Neuerungen, die über die verschiedenen Radtypen bis hin zum E-Bike führten. Anschaulich geht er auf die (internationalen) gesellschaftlichen Veränderungen ein, die zum Beispiel die Erschwinglichkeit des Fahrrads für jedermann erst möglich machten.

Hier und da würde man sich zwar mehr Fotos wünschen, aber das ist auch dem begrüßenswert handlichen Format dieses 255-Seiten-Werks geschuldet. Es ist auf jeden Fall ein schönes Buch für alle, die oft oder gern mit dem Rad unterwegs sind und sich etwas über Geschichte und Hintergründe erlesen möchten.

Tipp 5: Der ganz eigene Blick auf die Szene

Pünktlich vor dem Start der Tour de France ist auch eine weitere Biografie in Druck gegangen: „Zugtiere in Trägerhosen“, die Erzählung des ehemaligen Radprofis Phil Gaimon, wie er seinen „Traum vom Radprofi lebte“. Nun gibt es Radsport-Biografien zuhauf: Doping-Beichten, Heldengeschichten, Sachbücher oder so unglaubliche Krimis wie Thomas Dekkers „Unter Profis“. Gaimons Schilderungen entbehrungsreicher Amateurjahre – in denen Nächte im Auto und Billigessen ihre Rolle spielen – und brutaler Trainingseinheiten sind aber etwas Besonderes, weil hier einer aus dem Bauch heraus und ohne Ghostwriter an die Öffentlichkeit geht, der schreiben kann.

Phil Gaimon: Zugtiere in Trägerhosen – Wie ich meinen Traum vom Radprofi lebte
Covadonga Verlag
Bielefeld 2018
378 Seiten
16,80 Euro
ISBN: 978-3957260314

Der in Georgia aufgewachsene Amerikaner hat früh angefangen zu bloggen und Social Media für sich zu nutzen, nicht zuletzt war er manche Jahre darauf angewiesen, sich durch Tests und Beiträge für Magazine und Websites wie „Velonews“, „Bicycling“ oder „Sports Illustrated“ etwas hinzuzuverdienen.

Obendrein hat der Sohn eines Professorenehepaars, das nichts mit Radsport zu tun hatte und die Ambitionen ihres Sohnes kopfschüttelnd unterstützte, auch studiert und kam erst spät zum Sport. Er bringt im Gegensatz zu vielen anderen Profis, die von klein auf in die Radsportwelt und ihren Habitus hineinwuchsen, eine andere Sicht ein. Manchmal ist sein Ton etwas flapsig, aber der Blick auf ehemalige Teamgefährten, Manager und Konkurrenzkämpfe ist ungeschminkt und so authentisch, wie es nur einer aufschreiben kann, der keine Karriere als Funktionär oder im Teammanagement anstrebt.

Das Radfahren kann er bis heute nicht lassen, regelmäßig ist er unterwegs, motiviert andere (Ex-)Profis zu Charity-Ausfahrten und nennt sich selbst scherzhaft „unprofessional cyclist“.

Und so ist sein Buch nicht nur die x-te Aneinanderreihung von Episoden aus dem Radsport, sondern die intime Geschichte eines Glücksuchenden, der jahrelang zwischen Dumping-Löhnen und unmoralischen Verhandlungen oft unterhalb des existenziellen Minimums für das eine große Ziel kämpft, das er schließlich erreicht: einen Profivertrag bei einem der besten Radteams der Welt.

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