Messe für Gegenwartskunst Schwacher Jahrgang – Art Basel bietet kaum neue Trends

Bei der Messe für zeitgenössische Kunst zeigen sich erste Schatten. Auf der Art Basel konkurriert das schon zu oft Gesehene mit dem Dekorativen.
Kommentieren
Die Installation „I miss socialism, maybe...“ ironisiert das Thema Überwachung. Quelle: AFP, Sebastien Bozon
Nedko Solakov

Die Installation „I miss socialism, maybe...“ ironisiert das Thema Überwachung.

(Foto: AFP, Sebastien Bozon)

BaselAlle Galeristen wollen hin, denn nur nach Basel reisen wirklich alle maßgeblichen Sammler, Museumsleute, Kuratoren und Vermittler aus der mittlerweile messemüden Kunstszene. Aber nur 290 der besten Galerien aus allen Kontinenten erhalten ein „Ja“ vom Zulassungsausschuss der weltweit wichtigsten Messe für zeitgenössische Kunst, der Art Basel in Basel. Den Ort muss man deshalb tatsächlich betonen, weil die Marke Art Basel inzwischen auch höchst erfolgreiche Ableger in Miami Beach und Hongkong hat.

Wie immer ist die Stadt voll mit flachbeschuhten Kunstfreunden, trotz der Staffelung der VIP-Kunden in drei Gruppen. Der erste Eindruck: Die Ausgabe 2018 ist ein eher schwächerer Jahrgang. Es ist, als ob die Fragilität der Welt einen leichten Schatten über den Kunstkonsum legte. Ob alle Topsammler aus den USA wohl anreisen werden, hat sich so mancher Galerist im Vorfeld gefragt.

Als Indikator für den schwächeren Jahrgang dient die Sektion Art Unlimited, die großformatige Installationen und Videos in einer eigenen Halle zeigt, weil sie den Rahmen der Messekojen sprengen würden. Diesmal ist viel schon oft Gesehenes oder Dekoratives dabei wie die fahnenartige Malerei von Claude Viallat, die wie Tücher präsentierten Leinwände von Sam Gilliam oder die vergoldeten Eierkartons mit einem Ei in der Mitte von He Xiangyu.

Oft Gesehenes und Dekoratives

Yoko Ono, die in ihren Achtzigern aus dem übermächtigen Schatten der John-Lennon-Witwe herausgetreten ist und wieder als Künstlerin wahrgenommen wird, lässt die Besucher basteln: Sie dürfen zerdeppertes Porzellan mit Klebeband und Schnüren zu Kunstwerken zusammensetzen.
Im Gedächtnis hängen bleiben nur wenige Arbeiten. „I miss socialism, maybe…“ bekennt der Bulgare Nedko Solakov ironisch in einer Installation von 2010, die viele Jahre vor der fragwürdigen Praxis von Cambridge Analytica die Überwachung thematisiert.

Chinesische Schriftzeichen formen den Titel als Sitzgelegenheiten, Fernseher zeigen den Künstler: „Einst war es nur ein Augenpaar des großen Bruders, der überall zugeschaut hat, heute sind es viele Augen, die überwachen.“ Der Künstler hat seinen Traum von einer besseren Welt offenbar aufgegeben. Die Galerie Continua erwartet für die Installation 300.000 Dollar.

Wie ein Störer in der glamourösen Welt der Kunst wirkt der zweite Film, den der Ire Richard Mosse gedreht hat. „Incoming“ ist ein Dreikanal-HD-Video, das das Thema Flucht und Migration mit den Mitteln von Frontex aufgreift. Mosse filmt mit einer militärischen Wärmebildkamera, die menschliche Körper noch in 30 Kilometer Entfernung entdecken kann. Der preisgekrönte Film geht tief unter die Haut. In einer Achterauflage produziert, kostet er bei der Galerie Carlier Gebauer 175.000 Dollar.

„Untitled, 2018“ gefällt dem Sammler Christian Boros offenbar sehr. Quelle: Stefan Pangritz
He Xiangyu

„Untitled, 2018“ gefällt dem Sammler Christian Boros offenbar sehr.

(Foto: Stefan Pangritz)

Die Frage, ob wir heute nicht auf dem Vulkan tanzen, stellt Barbara Bloom in einer Installa‧tion aus Weltraumschrott und Geschirr mit dem Schriftzug der RMS Titanic (für 270.000 Dollar bei Gisela Capitain). Und der konzeptuell arbeitende Performer Jürgen Klauke unterstreicht die Debatte um das dritte Geschlecht mit der fulminanten 13-teiligen Fotoserie „Dr. Müllers Sex-Shop oder so stell ich mir die Liebe vor“ (1977), die er 2018 erstmals nur komplett abgibt (für 380.000 Euro bei Thomas Zander).

Der zweite Eindruck ist: Das Wichtigste sieht man nicht. Die Art Basel hat ihren Ausstellern nämlich erstmals einen Verhaltenskodex auferlegt. Der soll nicht nur in der Messewoche, sondern das ganze Jahr über gelten. Galerien, die in ein Strafverfahren verwickelt sind, sei es wegen Hehlerei, Geldwäsche oder gefälschter Kunst, müssen sich künftig vor einem Compliance-Beirat der Messe verantworten.

Ein richtiger Schritt, um das durch Skandale verlorene Vertrauen beim Kunden wiederzugewinnen. Unter der Voraussetzung, dass nicht nur mittlere Galerien ihre Messekoje verlieren, sondern auch die mächtigen Größen der Branche, wenn sie sich schuldig gemacht haben.

Dem finanziell gut gestellten Sammler mit Repräsentationsbedürfnis bietet die Ausgabe 2018 in Halle 2 auf zwei Etagen wie gewohnt viel „Trophy Art“, also Kunst der großen Namen wie etwa von Pablo Picasso, von dem Helly Nahmad nur flaue, graue Bilder bietet. Die Galerie Neugerriemschneider füllt ihren Stand mit einem „Iron Tree Trunk“ von Ai Weiwei, dessen schrundiger Stamm fast die ganze Länge einnimmt. Sammler, die von diesem symbolischen Holz nur eine kleine Skulptur unterbringen können, wählen zwischen kleinen Auskopplungen.

Verspiegelter Pillenschrank

Sofort wiedererkennbar ist auch David Hockney. Die Pace Gallery hat sein Chrysanthemen-Stillleben für 2,5 Millionen Dollar gleich bei der Vernissage verkaufen können.

Bei Larry Gagosian ist alles versammelt, was momentan hoch im Kurs steht: ein comicartig gemaltes Girl von Roy Lichtenstein, eine kleine Figuration des späteren Abstrakten Willem de Kooning, Figurenbilder von Georg Baselitz auf dem Kopf, ein verspiegelter Pillenschrank von Damien Hirst, ein in zweierlei Rottönen leuchtender Mark Rothko und ein Landschaftsbild von Gerhard Richter.

Das Werk vermittelt den Eindruck, unter Wasser oder im Weltraum zu sein. Die Unterseiten der Schalen sind mit Bildern des Titanic-Wracks auf dem Meeresboden bedruckt. Quelle: Stefan Pangritz
Barbara Bloom „The Tip of the Iceberg“

Das Werk vermittelt den Eindruck, unter Wasser oder im Weltraum zu sein. Die Unterseiten der Schalen sind mit Bildern des Titanic-Wracks auf dem Meeresboden bedruckt.

(Foto: Stefan Pangritz)

Für Letzteres muss der Kunstfreund acht Millionen Dollar aufbringen. Kein Stand ist während der „First Choice“-Stunden der VIPs so stark besucht wie der von Gagosian. Doch der Großgalerist sitzt lässig auf der Bank im Gang, schaut dem Geschäftemachen seiner Direktoren mit Vergnügen zu.

Bei der Galerie Michael Werner stößt der Messebesucher auf das einstürzende Brandenburger Tor, ein Großformat gemalt von Jörg Immendorff im Jahr 1981. Das prophetische Bild mit dem Titel „Weltfrage I“ soll 750.000 Dollar kosten. David Zwirner wartet mit einer der derzeit höchst begehrten Abstraktionen von Joan Mitchell auf und einem brauntonigen, riesigen Gemälde von Sigmar Polke, das Cowboys zeigt: „Ik mach dass schon, Je$s“ aus dem Jahr 1972.

One-Man-Shows sind rar auf der Art Basel. Galerien wollen möglichst viele Künstler, verschiedene Stile und damit ihre ganze Potenz zeigen. Marlborough geht einen anderen Weg. Die Galerie mit Sitzen in London, New York und Spanien konzentriert sich auf den Maler Werner Büttner. Sie mischt seine mit widerständigem Pinsel gemalten Großformate und Collagen aus den 1980er-Jahren mit neueren Bildern und hinterfängt sie mit je einem Werk von Max Beckmann, Oskar Schlemmer, Emil Nolde und Lyonel Feininger.

„Ein Weckruf für die Dringlichkeit von Kunst in schwierigen Zeiten“, sagt Marlborough-Chef Gilbert Lloyd. Den Ruf haben verschiedene Museen und Sammler vernommen, man verhandelt.

Museen aus Holland und Mexiko griffen auch bei von Bartha zu. Die in Basel ansässige Galerie konnte gleich am ersten Tag etwa ein großes Spiegelobjekt von Adolf Luther und mehrere Arbeiten von Imi Knoebel abgeben. Ein konstruktivistisches Bild von Sophie Taeuber-Arp aus dem Jahr 1939, das seit 20 Jahren nicht mehr auf dem Markt war, gelangt aus einer Schweizer Sammlung über von Bartha in eine Schweizer Sammlung.

Der dritte Eindruck: Das Gros des Messeangebots ist ermüdend nah an dem, was in Auktionen Höchstzuschläge bringt, und an dem, was gerade in Museen gefeiert wird. Wirkliche Entdeckungen sind kaum zu machen. Denn die Art Basel umarmt und vereinnahmt alles. So findet sich stringent nicht als Warenkorb präsentierte Kunst eher an ihren Rändern und in den Sektionen Features und Statements.

Der Kolumbianer Antonio Caro reflektiert Amerikas Imperialismus mit dem Schriftzug „Colombia“ in der Coca-Cola-Type. Diese Arbeit zu 45.000 Dollar stellt die Galerie Casas Riegner aus Bogota in eine gelungene Übersicht innovativer Künstler aus Kolumbien (Bis 17.6.).

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Messe für Gegenwartskunst - Schwacher Jahrgang – Art Basel bietet kaum neue Trends

0 Kommentare zu "Messe für Gegenwartskunst: Schwacher Jahrgang – Art Basel bietet kaum neue Trends"

Bitte bleiben Sie fair und halten Sie sich an unsere Community Richtlinien sowie unsere Netiquette. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar. Wir behalten uns vor, Leserkommentare, die auf Handelsblatt Online und auf unser Facebook-Fanpage eingehen, gekürzt und multimedial zu verbreiten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%