Nelson Mandela Briefe aus dem Gefängnis – Wo der „Mythos Mandela“ entstand

In diesem Monat wäre Nelson Mandela 100 Jahre alt geworden. Zu seinem Geburtstag erscheinen nun bislang unveröffentlichte Briefe aus seiner Zeit als politischer Häftling.
Kommentieren
Der Architekt des neuen, demokratischen Südafrikas wäre Mitte Juli 100 Jahre alt geworden. Quelle: dpa
Nelson Mandela im Jahr 2005

Der Architekt des neuen, demokratischen Südafrikas wäre Mitte Juli 100 Jahre alt geworden.

(Foto: dpa)

KapstadtMandela, das ist „Madiba“, der Held und Übervater Südafrikas – Freiheitskämpfer gegen das Apartheidregime, 27 Jahre in politischer Haft, Friedensnobelpreisträger und erster schwarzer Präsident Südafrikas. Sein Name fällt gerne zusammen mit dem von Mahatma Gandhi oder des Dalai Lamas.

Und so kommt es, dass viele der bislang veröffentlichten Biografien – oft waren es Autobiografien – aus Mandelas Leben ein Heldenepos machten. Sein 100. Geburtstag, fünf Jahre nach seinem Tod, hätte Anlass dazu sein können, das bislang Veröffentlichte um eine kritische, balancierte Charakterstudie der Polit-Ikone zu ergänzen.

Mit dem aktuell veröffentlichten Werk, Mandelas „Briefen aus dem Gefängnis“, erscheint jedoch ein weiteres Buch auf dem Markt, in dem der Widerstandskämpfer vor allem selbst zu Wort kommt: in Briefen an die Gefängnisbehörden, an seine Mitstreiter, seine Gegner, die Angehörigen des Apartheidstaates, und immer wieder an seine damalige Frau Winnie und ihre gemeinsamen Kinder.

Für Mandela-Kenner dürfte auf den mehr als 700 Seiten wenig Überraschendes stehen, was auch daran liegt, dass alle politischen Äußerungen Mandelas in den Jahren seiner Haft von 1962 bis 1990 einer scharfen Zensur des Apartheidregimes unterlagen.

In Teilen erinnert die Briefe-Sammlung an das Mandela-Buch „Bekenntnisse“ aus dem Jahr 2010, das ebenfalls viele bis dahin unbekannte Briefe und Tagebuchaufzeichnungen veröffentlichte. Lohnenswert ist die Lektüre des neuen Mandela-Werks trotz allem. Die posthum veröffentlichten wichtigen Dokumente helfen vor allem, den Menschen Mandela besser zu begreifen.

So beschreiben die gut 250 Schriftstücke die Einsamkeit und Unmenschlichkeit der mehr als 10 000 Tage Haftzeit. Die Leser können sich vorstellen, wie er aus seiner winzigen Kerkerzelle mit der Nummer 5 auf der Sträflingsinsel Robben Island fast lyrische Zeilen wie diese schrieb: „Ich bin überzeugt, dass selbst wahre Fluten persönlicher Katastrophen einen entschlossenen Revolutionär nicht hinwegschwemmen können, noch ihn das Elend ersticken kann, das eine Tragödie mit sich bringt.“

Die Grausamkeiten, die Mandela erlebte, stehen in den Briefen oft nur zwischen den Zeilen – die staatliche Zensur strich großzügig Passagen, deren Inhalt die Gefängnismauern nicht verlassen sollte. So sind es vor allem persönliche Momente aus Mandelas Familienleben, die den Leser bannen: Mandela, der sich bei seinen Töchtern entschuldigt, dass sie Weihnachten allein und ohne Geschenke feiern müssen, weil zu dieser Zeit sowohl er als auch seine Frau Winnie im Gefängnis saßen.

Nelson Mandela – Briefe aus dem Gefängnis
C. H. Beck
München 2018
752 Seiten
28 Euro
ISBN: 978-3406718342

An anderer Stelle betrauert er den Tod seiner geliebten Mutter und seines erstgeborenen Sohnes Thembi, der bei einem Autounfall starb. Mandela ist verzweifelt, dass er bei den Beerdigungen nicht dabei sein kann, um seine Familie zu unterstützen. „Beide Male wurde mir die Möglichkeit verwehrt, meinen Liebsten die letzte Ehre zu erweisen“, schreibt er und tröstet sich selbst mit den Worten: „Alle meine Mitstreiter taten ihr Möglichstes, um meinen Schmerz zu lindern.“

Christo Brand, damals Mandelas Aufseher auf Robben Island, der sich in den Folgejahren mit ihm anfreunden sollte, hat einmal gesagt, dass er Mandela in all den Jahren nur ein einziges Mal weinen gesehen habe – aus Verzweiflung darüber, dass er seinen von Ehefrau Winnie mitgebrachten kleinen Enkel nicht halten durfte. Trickreich gelang es Brand, dass Mandela das Baby zumindest kurz in den Arm nehmen konnte. „Er küsste den Kleinen, schmiegte ihn fest an sich – und musste doch gleich wieder von ihm lassen. Tränen liefen ihm übers Gesicht“, erzählt der einstige Aufseher.

Leben mit der Einsamkeit

Auf Robben Island, wo Mandela ab 1964 in Isolationshaft saß, entsteht auch der Heldenmythos um ihn. 13 Jahre arbeitet der spätere Friedensnobelpreisträger dort in einem Steinbruch. Das grelle Licht und der Staub schädigten seine Tränendrüsen so sehr, dass er sich nach seiner Freilassung bei Presseterminen vor Blitzlichtgewitter schützen muss. Und er gewöhnt sich an die Einsamkeit.

In seiner Zelle waren Zeitung lesen und Radio hören genauso tabu wie Unterhaltungen. Auch Besuch war für die Häftlinge nur alle sechs Monate erlaubt. Dass Mandela trotz vieler Freunde und Millionen von Bewunderern auch nach seiner Freilassung häufig allein war, dürfte in genau diesen Jahren begründet liegen, aus denen die Briefe erzählen. Er lernte in dieser Zeit, seine Gefühle in einzigartiger Weise zu beherrschen. Die Gefängnisjahre machten Mandela zum Pragmatiker. 

Und zum Versöhner: In einem Brief an seine Frau Winnie aus dem Jahr 1970 schreibt er: „Seid im Umgang mit Menschen, ob Freund oder Feind, stets höflich und freundlich. Wir können freimütig und unverblümt sprechen, ohne dabei rücksichtslos oder beleidigend zu sein, können höflich sein, ohne kriecherisch zu sein, wir können den Rassismus und seine Übel attackieren, ohne feindselige Gefühle zwischen verschiedenen rassischen Gruppen zu fördern.“

Was würde Südafrikas Held wohl dazu sagen, dass fünf Jahre nach seinem Tod sein Erbe akut bedroht ist? Teile der neuen schwarzen Elite im Land haben sich in der Post-Mandela-Ära bereichert und scheinen die Ideale ihres Idols vergessen zu haben.

Vieles deutet darauf hin, dass sich Südafrika den Traum von einer hautfarbenunabhängigen Demokratie nicht im ersten Anlauf erfüllen wird. Vor allem der korrupte und vor ein paar Monaten vorzeitig abgelöste Präsident Jacob Zuma hat den steten Niedergang des einstigen afrikanischen Hoffnungsträger-Staates weiter beschleunigt. Auch unter seinem Nachfolger Cyril Ramaphosa geht die Spaltung im Land weiter voran. Eine Heldengeschichte bräuchte Südafrika jetzt

Startseite

Mehr zu: Nelson Mandela - Briefe aus dem Gefängnis – Wo der „Mythos Mandela“ entstand

0 Kommentare zu "Nelson Mandela: Briefe aus dem Gefängnis – Wo der „Mythos Mandela“ entstand"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%