Opfer der Mafia

Auf den Treppen sind die Gesichter zweier Richter, die von sizilianischen Mafiosi ermordet wurden.

Organisierte Kriminalität Mörder, Erpresser, Drogenhändler – neue Einblicke in das Innenleben der Mafia

Von Cosa Nostra in Italien bis Yakuza in Japan: Der Kriminologe Federico Varese zeigt, wie die Parallelökonomie der Unterweltclans funktioniert.
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DüsseldorfSie sind Mörder und Erpresser, kassieren Schutzgeld und Gewinne aus Drogen, Waffen- und Menschenhandel, verdienen an illegaler Giftmüllbeseitigung oder Glücksspiel. Wäre die organisierte Kriminalität ein Land, dann stünde sie auf der Liste der zwanzig größten Volkswirtschaften der Welt, schätzen die Vereinten Nationen.

Schon allein die ökonomische Dimension der schmutzigen Geschäfte schüchtert ein. Was dann hilft, ist vielleicht ein Gedanke, des italienischen Untersuchungsrichters Giovanni Falcone, den die Cosa Nostra einst vor Palermo aus dem Leben bombte. Die Mafia, sagte Falcone, sei höchst menschlich. Und wie alles Menschliche habe sie einen Anfang und ein Ende.

Quelle: C.H. Beck
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(Foto: C.H. Beck)

Die Mafia, deren Name bis heute synonym für organisiertes Verbrechen insgesamt verwendet wird, entstand im 19. Jahrhundert, als sich verelendete sizilianische Bauern mit Privatmilizen und Verbrecherbanden verbündeten.

In der einstigen Sowjetunion wiederum wurde in den Straflagern des Gulag eine geheimnisvolle Bruderschaft mächtig, die sich Wory w Sakone, kurz Wory, nannte. Die Häftlinge mit den Aluminiumkreuzen um den Hals knechteten ihre Mithäftlinge und unterwandern bis heute die russische Gesellschaft.

Und die japanische Mafia, die Yakuza? Nicht zufällig erstarkte sie zur Stunde Null, als 1945 Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki fielen. Wenige Tage darauf eröffnet der erste Schwarzmarkt in Tokio – fest in der Hand von Berufsverbrechern. Soviel zu den Anfängen.

Obwohl die kulturellen Unterschiede groß sein mögen, die Strukturen der organisierten Kriminalität rund um den Globus sind fast identisch. Das beschreibt Autor Federico Varese, Kriminologe an der Universität Oxford, in seinem Buch „Mafia-Leben“.

Tief verankertes Misstrauen gegenüber Frauen

In knapp betitelten Kapiteln wie „Geburt“, „Liebe“, „Selbstbilder“ bis hin zum „Tod“ gewährt er seltene Einblicke hinter die Kulissen des verordneten Schweigens, der Omertà, das überall auf der Welt zum Organisierten Verbrechen gehört.

Dessen Machenschaften nähert sich Varese mit dem analytischen Blick des Wissenschaftlers, stützt sich auf Recherchen vor Ort, Akten der Staatsanwaltschaft sowie auf Abhörprotokolle der Polizei. Akribisch arbeitet er sich durch seinen Forschungsgegenstand: die sizilianische Cosa Nostra, die italo-amerikanische Mafia, die japanischen Yakuzas, die Triaden von Hongkong und die russischen Wory.

„Mit diesem Buch möchte ich den menschlichen Aspekt krimineller Verschwörungen in den Vordergrund rücken“, beschreibt er seine Motivation. Varese gelingt es, für seine Recherche nah genug heran zu kommen und gleichzeitig Distanz zu den selbst ernannten „Ehrenmännern“ zu wahren, die allzu gerne ihre Gottesfürchtigkeit zur Schau stellen und ihre bizarren Rituale voll pseudoreligiöser Symbolik pflegen.

Wie anmaßend das mafiöse Selbstverständnis ist, erfährt der Leser auch aus den geschilderten Aufnahmeritualen, der „Wiedergeburt“. Da bestreicht etwa der Novize ein Heiligenbild mit seinem Blut, das im Anschluss verbrannt wird und den Kontrakt auf Leben und Tod besiegelt. Das macht den gewöhnlichen Kriminellen zum vermeintlichen „Ehrenmann“.

Besondere Einblicke in das Leben von Berufsverbrechern gewährt auch das Kapitel „Liebe“, denn starke Gefühle bedrohen die kontrollierte Welt aus Befehl und Gehorsam. Wohl deshalb ist Mafiabossen ein tief verankertes Misstrauen Frauen gegenüber zu eigen. Das weibliche Geschlecht gefährde „jede Unternehmung, die eine totale Hingabe an die Sache verlangt“, wie Varese schreibt.

Das musste auch jener Cosa-Nostra-Führer erfahren, der entgegen interner Regeln über seine Geschäfte mit einer Frau sprach, nicht ahnend, dass die Polizei in der gemeinsamen Wohnung Abhörgeräte installiert hatte. Auch diese Polizeiprotokolle lagen Varese vor und belegen, dass der ermordete Untersuchungsrichter Giovanni Falcone Recht hatte: Die Mafia ist menschlich.

Es kann gelingen, sie erfolgreich zu bekämpfen. Daher fordert Varese einen aufmerksamen Staat, der keine rechtsfreien Räume zulässt. Denn erstarken könne das organisierte Verbrechen nur in Gesellschaften, in denen der Staat versagt.

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