Photo Week London Für Fotografie-Liebhaber fährt Englands Kapitale ein geballtes Programm auf

Die Messe „Photo London“ lockt Kenner und Neukunden an. Die Auktionshäuser hingegen setzen vor allem auf bezahlbare Fotografie.
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Gelungenes Spiel mit dem Idyll am Stand der See Gallery auf der „Photo London“. Quelle: Huang Xioliang
Huang Xiaoliang „Untitled #201705“

Gelungenes Spiel mit dem Idyll am Stand der See Gallery auf der „Photo London“.

(Foto: Huang Xioliang)

LondonWer zur „Frieze Week“ im Oktober nach London fährt, vergisst leicht, dass die Stadt eine Vielzahl von Kunstwochen anzubieten hat. Da gibt es die Asiatika-Woche, die Design-Woche und auch das Mayfair-Kunstwochenende Ende Juni.

Seit einiger Zeit versucht sich auch die Fotoszene zu etablieren, angeregt durch die junge, 2014 gegründete Messe „Photo London“. Trotz erstklassiger Fotografie-Sammlungen im British Museum und im V&A hat sich Fotografie als Sammlungsschwerpunkt und auch als Markt in London bislang recht schwergetan.

Versuche, Fotomessen zu gründen, verliefen schnell wieder im Sand. Bis Michael Benson und Fariba Farshad, Gründer der Kunstagentur Candlestar, die auch seit Jahren den Fotopreis Prix Pictet ausrichtet, die Photo London ins Leben riefen.

Mithilfe der vereinten Kräfte aller in der Fotoszene Beteiligten ist es ihnen gelungen, langsam und stetig London auch in der Fotografie ins Scheinwerferlicht zu rücken. Die „Photo London“ selbst schafft in den ehrwürdigen Räumen des Somerset-Hauses 111 Ausstellern eine Plattform, Arbeiten aus allen Sparten und Jahrhunderten oftmals zu Einsteigerpreisen feilzubieten.

Futter für die Augen

Die internationalen Aussteller zeigen durchaus auch Trends auf, wie das Interesse an moderner japanischer Fotografie, aber auch an experimentellen Positionen mit dem Fokus auf Unikate.

Man kann die Messe zwar (noch) nicht mit dem Branchenprimus, der Paris Photo, vergleichen, doch sie bringt frischen Wind in die Fotografie- und Kunstszene, der London gut tut. Denn neben der Messe bieten Galerien, Museen und die Aktionshäuser in der Photo Week ein Programm, das nicht nur Spezialsammlern, sondern allen Fans der Fotografie mehr als genug Futter zum Sehen, Lernen und Kaufen gibt.

Eröffnete die neu renovierte Hayward-Galerie bereits im Januar mit einer umfassenden Retrospektive des deutschen Superstars Andreas Gursky, so ist es zurzeit die in Berlin lebende Engländerin Tacita Dean, der in London der Hof gemacht wird. Gleich in drei Museen sind Projekte der erfolgreichen Künstlerin, die sich immer wieder dem Thema Film und Fotografie widmet, zu sehen.

Fotokünstler wie Anita Witek erobern seit 2017 den Raum. Quelle: Graham Carlow Photography
Anspruchsvoller Messestand von L’Etrangère

Fotokünstler wie Anita Witek erobern seit 2017 den Raum.

(Foto: Graham Carlow Photography)

Unter dem Begriff Landschaft stellt Tacita Dean in der Royal Academy ihren neuesten Film „Antigone“ (2018) vor, der aus zwei synchronisierten, mit 35-mm-Film gedrehten Elementen besteht. Porträts von Ikonen des 20. Jahrhundert zeigt sie in der National Portrait Gallery, vor allem auch ihre umfangreiche Fotoserie „GAETA (fifty photographs plus one)“, die sie im Atelier von Cy Twombly aufnahm.

Auch die Präsentation der Auswahl zum Deutsche Börse Fotopreis in der Photographer’s Gallery macht wieder deutlich, dass sich Film und Fotografie in der Auffassung der Künstler nicht mehr scharf voneinander trennen lassen. Mathieu Asselin, Rafal Milach, Batia Suter und Luke Willis Thompson widmen sich kritisch dem Visuellen in seiner mechanischen und technischen Manipulation; mit traditioneller Fotografie hat das allerdings nur noch wenig zu tun.

Preisträger wurde der Neuseeländer Thompson mit seinem Stummfilm „autoportrait“, der auf die Trauer und das Leid von Diamond Reynolds reagiert, nachdem ihr Partner Philando Castile während einer Verkehrskontrolle von der Polizei in den USA erschossen worden ist.

Das originale Video ging damals via Facebook um die Welt, der Film hingegen thematisiert die Frage nach Polizeigewalt überzeitlich auf eindrucksvolle Weise.Ebenfalls politisch motiviert sind die Arbeiten des Franzosen Mathieu Asselin, der für seine Publikation „Monsanto – A Photographic Investigation“ nominiert wurde.

Dafür ging er fünf Jahre lang den Machenschaften des Biotechnologiekonzerns nach, um die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu dokumentieren. Die Ausstellung wird später im Jahr auch im MMK in Frankfurt zu sehen sein.

Im Handel sieht man von der Aufsprengung des Mediums allerdings recht wenig. Galerien und Auktionen konzentrieren sich entweder auf Pioniere der Fotografie, wie Hauser & Wirth mit August Sander oder Hamiltons mit Daido Moriyama, oder auf Modefotografie.

Sotheby’s Serie von Helmut-Newton-Fotos kann wenig über die mangelnde Qualität der Auktion hinwegtäuschen, in der einzig ein seltenes Portfolio von Richard Avedon „Avedon/Paris“ von 1978 erwähnenswert ist. Geschätzt auf 150.000 bis 200.000 Pfund, erbrachte es 237.000 Pfund und machte damit als eines der 72 angebotenen Lose fast 20 Prozent des Umsatzes von 1,3 Millionen Pfund aus.

Günstiges in der Auktion

Auch Christie’s bietet in London in der Mai-Auktion eher niedrigpreisige Ware an. Jude Hull, Fotoexpertin des Hauses, betont, dass der Fokus immer noch auf Paris im November liege, wo die Szene anspruchsvoller sei. In London versucht sie, neue Fotografen in den Sekundärmarkt zu bringen, um auch Einsteigern frische Arbeiten anzubieten und so neue Kunden zu werben.

Phillips versteigert Fotografie hingegen in Europa nur in London: Eine Strategie, die voll aufgeht. Als einziges Haus bot es eine Abendauktion unter dem Label „Ultimate“ an. Hier wurden nicht nur seltene Meisterwerke versteigert, sondern auch kühne Vorstöße in den Primärmarkt in Form von „One-off Kollaborationen“ vorgestellt.

Zusammen mit der Tagesauktion setzte Phillips erstaunliche 3,5 Millionen Pfund um, davon alleine zwei Millionen in der Abendauktion mit nur 27 Losen, von denen alle bis auf eins verkauft wurden. Im Durchschnitt kostet eine Fotografie bei den Tagauktionen zwischen 10.000 und 15.000 Pfund. In Phillips’ Abendauktion indes lag der Durchschnittspreis diesmal bei 80.000 Pfund.

Höhepunkt das Abends war unbestritten Robert Mapplethorpes „Double Tiger Lily“. Das unikate Diptychon brachte 297.000 Pfund (Taxe 150.000 bis 250.000 Pfund). Der aktuelle Trend zum Unikat war auch bei anderen Losen evident und von Phillips bewusst als Marketingstrategie eingesetzt.

Bonhams brachte sich erstaunlicherweise nicht ein, das Haus versteigert Fotografie nur in Hongkong und Los Angeles. Dennoch braucht es sich im Augenblick nicht um Aufmerksamkeit zu sorgen. Das Gerücht, dass es nach Profitsteigerungen nun einmal wieder einen Käufer sucht, bewegt die Gemüter.

Laut der „Sunday Times“ ist die Firma NM Rothschild beauftragt, einen Käufer für das 225 Jahre alte Haus zu finden, das sich zurzeit im Besitz des ehemaligen Rennfahrers Robert Brooks und der Louwmans-Familie aus Holland befindet. 2014 wurde schon ein Verkauf an Poly Auctions aus China erwogen, der damals nicht zustande kam. Vielleicht klappt es damit jetzt.

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