Sammlung Wemhöner Mit dieser App können Sie Videokunst auf Ihrem Smartphone anschauen

Heiner Wemhöner hat die Filme und Videos seiner Kunstsammlung in einem interaktiven Buch publiziert. Es macht den Leser zum Zuschauer bewegter Bilder.
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Standbild der Videoarbeit „When the Tree Blooms (Ten Thousand Waves)“ aus dem Jahr 2010 (Endura Ultra Photograph). Quelle: Isaac Julien / Sammlung Wemhöner
Isaac Julien

Standbild der Videoarbeit „When the Tree Blooms (Ten Thousand Waves)“ aus dem Jahr 2010 (Endura Ultra Photograph).

(Foto: Isaac Julien / Sammlung Wemhöner)

DüsseldorfWo gibt es denn so was? Ein Buch, das den Leser in einen User verwandelt. „Geben Sie den Namen ‚Sammlung Wemhöner‘ im App Store oder Google Play Store ein, und installieren Sie die App auf Ihrem Smartphone. Öffnen Sie die App, und halten Sie Ihr Smartphone auf die mit >0:00 gekennzeichneten Flächen.“

Heiner Wemhöner sammelt zwar schon seit 20 Jahren Kunst. Aber auf die Idee, auch Filme und Videokunst zu erwerben, kam der westfälische Unternehmer erst vor acht Jahren in der ShanghART Gallery in Schanghai. Dort sah er in einem verdunkelten Raum Isaac Juliens Videoinstallation „Ten Thousand Waves“ (2010).

Das war die Initialzündung. Perplex habe er vor neun Bildschirmen gestanden und sich gefragt: „Wer hat schon so einen Raum? Andererseits möchte man die Sachen aber auch mal sehen“, sagte er sich. „Aus diesem Grund gibt es jetzt dieses Buch“, erinnert sich Wemhöner.

„Die App ist meines Wissens nach ein Novum“, erklärt der Herausgeber Philipp Bollmann, der auch die Sammlung betreut. Im Kunstbuch-Bereich habe diese neue Technik jedenfalls noch keine Verwendung gefunden. „Es wurde in den letzten Jahren ja des Öfteren mit QR-Codes gearbeitet. Aber das erschien uns nicht bedienerfreundlich genug“, ergänzt der Kunsthistoriker.

Wenn Heiner Wemhöner Kunst entdeckt, dann sieht er eine Geschichte, die ihn berührt, weil er daraus etwas für sich ableiten kann. So erzählen die Werke auch etwas dem Unternehmer, der von Herford aus die Geschicke der Wemhoener Surface Technologies steuert. Die Maschinen- und Anlagenbau-Firma ist auf die Veredelung von Holzoberflächen spezialisiert und mit einem weiteren Produktionsstandort in China aktiv.

Die in Schwarzweiß gedrehte Fünfkanal-Videoinstallation „New Women“ des chinesischen Filmemachers Yang Fudong erregte deshalb seine Aufmerksamkeit, weil nackte Frauen, wie sie dort gezeigt werden, „in der chinesischen Öffentlichkeit eigentlich gar nicht vorkommen“. Wer sich Passagen auf der App anschaut, sieht fünf unbekleidete, nur Make-up und Schmuck tragende Protagonistinnen, die sich in scheuer Zurückhaltung mit Requisiten beschäftigen.

Dass ihr ambivalentes Auftreten mit dem gleichnamigen, in den frühen 1930er-Jahren gedrehten Film von Cai Chucheng in Verbindung steht, lässt sich dem Katalog entnehmen. Wie Yang Fudongs Videoarbeit ist er in einer Übergangszeit angesiedelt, in der sich Kunst, Kultur und politische Freiheit mit der Brutalität und Dekadenz der neuen Zeit vermischen.

Das Cover des Buches, herausgegeben von Philipp Bollmann und erschienen im Distanz Verlag, Berlin 2018 Quelle: Distanz Verlag
„Sichtspiele. Filme und Videokunst aus der Sammlung Wemhöner“

Das Cover des Buches, herausgegeben von Philipp Bollmann und erschienen im Distanz Verlag, Berlin 2018

(Foto: Distanz Verlag)

„Von der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise wurde auch ich persönlich hart getroffen“, berichtet Wemhöner mit Blick auf das Video „Playtime“ (2014). Zwar trieb ihn der Crash nicht in den Ruin wie die Protagonisten in Juliens Video. Aber mit einem Mal vor dem Nichts zu stehen konnte er sich nun gut vorstellen.

Nur 23 Werke behandelt das bis ins Detail durchdachte Buch. Doch jedes einzelne wird ausführlich beschrieben, eingeordnet und von einer so großen Zahl an Standbildern begleitet, dass sich schon beim Lesen eine Vorstellung im Kopf bildet, die mit Hilfe der Bewegtbilder auf der App präzisiert werden kann.

Dass die App die Betrachtung des authentischen Werks nicht ersetzen kann, macht Alexandra Ranners Arbeit „Ich habe genug“ (2005) klar. Dabei handelt es sich um ein Holzhaus mit integriertem Video, das inzwischen in Herford unter einem großen Baum Aufstellung gefunden hat. Dort kann es auch von zufällig vorbeikommenden Passanten entdeckt werden. Und wenn sie einen Blick durch ein Fenster werfen, dürften sie erschrecken über einen abgeschlagenen Männerkopf, der, Bach-Arien singend, auf einem Fluss durch eine zerstörte Landschaft treibt.

Die Kunst versucht – ähnlich wie das Spiel – Ordnung in das verworrene Leben zu bringen. Deshalb hat das Spiel „eine gewisse Neigung, schön zu sein“, schreibt der Kulturtheoretiker Johan Huizinga über den „Homo ludens“. Wemhöners „Sichtspiele“ betiteltes Buch fordert uns auf: „Spielen Sie mit!“

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