Sexuelle Übergriffe, Rücktritte, Protest Wie Schwedens Nobelpreis-Akademie sich selbst zerlegt

Die Schwedische Akademie steckt in der schwersten Krise ihrer Geschichte. Nach den jüngsten Rücktritten ist sie nicht mehr handlungsfähig.
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Literaturnobelpreis wird 2018 nicht vergeben Quelle: AFP
Alfred-Nobel-Museum in Stockholm

Die Schwedische Akademie kämpft weiter mit der größten Krise ihrer Geschichte.

(Foto: AFP)

StockholmEigentlich sah alles wie immer aus an diesem Donnerstagabend in der Stockholmer Altstadt. Doch während die letzten Touristen durch die von schmiedeeisernen Laternen in sanftes Licht getauchte „Gamla stan“ wanderten, hatten es einige ältere Herren und wenige Frauen sehr eilig. Das Gebäude Källargränd 4 direkt am größten Platz in der Altstadt war ihr Ziel.

Hier residiert die Schwedische Akademie, die 1786 vom König Gustav III. gegründet wurde und die sich um die Förderung der schwedischen Sprache, vor allem aber um die alljährliche Auswahl des Literaturnobelpreisträgers kümmert. An den besorgten Gesichtern der Männer und Frauen ließ sich der Ernst der Lage ablesen. Denn die Akademie steckt in der Krise, der wohl schwersten seit ihrer Gründung vor 232 Jahren.

Hinter verschlossenen Türen stritten die Akademiemitglieder rund drei Stunden lang, dann trat die Ständige Sekretärin, Sara Danius, vor die Mikrofone und erklärte ihren Rücktritt. „Es war der Wunsch der Akademie, dass ich mein Amt niederlege und den respektiere ich“, erklärte Danius. Sie gibt nicht nur ihr Amt als Ständige Sekretärin auf, sondern auch ihren Sitz. „Ich hätte gerne weitergemacht, aber es gibt ja noch so viel anderes im Leben“, kommentierte die 56-jährige.

Sie war die erste Frau, die die Schwedische Akademie führte. Und auch die erste Chefin der altehrwürdigen Institution, die für mehr Transparenz eintrat. Jetzt musste sie gehen, die Mehrheit der Akademiemitglieder sprach sich gegen den neuen Kurs aus.

Und damit nicht genug. Auch Akademiemitglied Katarina Frostenson räumt ihren Stuhl bis auf Weiteres. Sie ist die Ehefrau Jean-Claude Arnaults, eines französisch-schwedischen Fotografen und Regisseurs. Arnault ist wiederum der Auslöser der schwersten Krise der Akademie, in der es um sexuelle Übergriffe, um finanzielle Ungereimtheiten und um Geheimnisverrat geht. Und um Eitelkeiten, Missgunst und Selbstüberschätzung.

Position für sexuelle Übergriffe ausgenutzt

Im vergangenen Herbst hatten 18 Frauen Arnault sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Er soll seine Position als Kulturschaffender und Betreiber des Kulturvereins „Forum“ bei seinen ausgenutzt haben. Das alles habe zum Teil in den Räumen der Akademie oder in von dieser angemieteten Wohnungen in Stockholm und Paris stattgefunden.

Schlimmer noch: Mehrere Akademie-Mitglieder sollen von den groben Übergriffen gewusst, aber nichts unternommen haben. Der Beschuldigte wies alle Vorwürfe zurück und spricht bis heute von einer „Hexenjagd“ auf ihn.

Nach Belästigungs-Skandal: Vorsitzende der Schwedischen Akademie tritt zurück

Danius beauftragte eine Stockholmer Anwaltskanzlei, die Vorwürfe zu untersuchen. Das Ergebnis ist bislang nicht veröffentlicht worden, sondern wurde nur intern vor einer Woche diskutiert. Dabei kam es zur Eskalation. Denn einige Akademiemitglieder wollten Frostenson ausschließen und wie von den Juristen empfohlen, Anzeige gegen den Kulturverein erstatten.

Frostensen, die seit 1992 Mitglied der Akademie ist, wird beschuldigt, ihrem Mann mehrfach den künftigen Literaturnobelpreisträger vorab genannt zu haben. Der habe dann vor Außenstehenden mit seinem Wissen prahlen können.

Außerdem wird ihr Vorteilsnahme vorgeworfen, denn sie habe verschwiegen, dass sie an dem Kulturverein ihres Mannes zur Hälfte beteiligt sei. Genau dieser Verein hat in den vergangenen Jahren immer wieder finanzielle Unterstützung der Schwedischen Akademie erhalten.

Eine Mehrheit der anwesenden Akademiemitglieder lehnte den Ausschluss von Frostenson ab. Daraufhin erklärten drei Akademiemitglieder ihren Rücktritt. Das war vor einer Woche. Mittlerweile haben mit Danius und Frostenson zwei weitere Mitglieder ihre Arbeit niedergelegt.

Von den ursprünglich 18 Stühlen der Akademie sind nun nur noch elf besetzt, da bereits vor mehreren Jahren zwei Mitglieder die Akademie verlassen hatten. Das Problem: Bislang wurden die Mitglieder auf Lebenszeit gewählt. Doch mit nur noch elf aktiven Mitgliedern ist die Akademie, die bis zum Oktober den diesjährigen Literaturnobelpreisträger auswählen muss, nicht mehr handlungsfähig.

Der König schaltet sich ein

Als Schutzpatron der Akademie ist deshalb der schwedische König Carl Gustav aktiv geworden. Er erklärte am Mittwoch, dass er eine Änderung der Satzung der Institution erwäge. Die alten Regeln müssten überdacht werden, ein Austritt aus der Akademie möglich sein, so der Monarch. Die Zerreißprobe innerhalb der Akademie nannte er „eine sehr, sehr traurige Entwicklung“. Er steht damit nicht allein: Seit Längerem fordern Kulturschaffende in Schweden eine Modernisierung der Satzung.

„Die Akademie löst sich derzeit selbst auf“, urteilt Svante Weyler, einer der bekanntesten Verleger und Publizisten Schwedens. Die Literatur-Professorin Ebba Witt-Brattström macht sich ebenfalls Sorgen über die Akademie. „Das hier ist nicht nur ein schwerer Schlag, es ist ein Beben, das die gesamte Institution zusammenbrechen lassen kann“, erklärte sie.

Bis zu einer Neuordnung in der Akademie wird Anders Olsson die Rolle des Ständigen Sekretärs übernehmen. Am Freitag sprach er mit dem König über die weitere Vorgehensweise. „Wir arbeiten jetzt mit der Rekonstruktion der Akademie in einer Situation, die enorm kritisch ist“, erklärte er.

Viele Kulturschaffende und Politiker im In- und Ausland fordern einen umfassenden Neuanfang. „Die starke Frau, die eine Erneuerung der Akademie versucht hat, wird zum Verlassen gezwungen. Ich bin völlig sprachlos über dieses beispiellose Vorgehen. Aber Danius geht mit erhobenen Haupt“, erklärte Annie Lööf, Vorsitzende der schwedischen Zentrumspartei.

Und sie bekommt Unterstützung von einem Akademiemitglied. „Zwei Frauen wurden geopfert“, entrüstete sich Per Wästberg. „Es ist eine Schande für die Akademie, über die nicht hinweggegangen werden kann. Und alles wegen eines Sexsüchtigen“.

Die Krise der Akademie, da sind sich die meisten Beobachter einig, ist noch lange nicht überwunden. Sie hat gerade erst angefangen.

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