Tefaf Realistisch bewertet

Die Tefaf ist die Kunstmesse mit den höchsten Qualitätsanforderungen. Dass dieser Anspruch nicht automatisch mit Höchstpreisen einhergehen muss, zeigen unsere Beispiele aus verschiedenen Sammelgebieten.
Kommentieren
Giovanni Battista Fogginis Kampf mit Löwe, Pferd und Bulle steht am schönsten Stand der Messe, dem der Tommasso Brothers. (Foto: Tefaf/Mark Niedermann)
An der Antike orientiert

Giovanni Battista Fogginis Kampf mit Löwe, Pferd und Bulle steht am schönsten Stand der Messe, dem der Tommasso Brothers. (Foto:

Tefaf/Mark Niedermann)

MaastrichtDie Messe der Tefaf, The European Fine Art Foundation, in Maastricht ist weiterhin auf gutem Weg. Nicht nur die neue großzügige Architektur macht sie noch attraktiver. Auch die Methode, die Eröffnung zu splitten, hat sich ausgezahlt. Zum Eröffnungstag wurden 5.000 VIP-Gäste eingeladen, zum zweiten Tag noch einmal 7.000 etwas weniger elitäre Besucher, was nicht nur den Run auf das Buffet entzerrte, sondern den Ausstellern auch echte Kundengespräche bescherte. Entsprechend gelöst war die Stimmung schon nach dem ersten Wochenende, das vor allem den Altmeisterhändlern eine erstaunlich gute Resonanz bescherte.

Auch der Auftritt der Tefaf in New York hat nach Aussage mehrerer Händler der Muttermesse eher genützt statt, wie zunächst befürchtet, ihr das Wasser abgegraben. Es scheint eher, der amerikanische Ableger habe wie geplant den Appetit auf Maastricht noch gefördert. Amerikanische Museen und ihre Trustees sind „mehr denn je in Entscheidungsstärke“ erschienen, wie Konrad Bernheimer betont, der für den Stand von Colnaghi neben Skulpturen den Verkauf des dreieinhalb Millionen Euro teuren „Johannes“ von Valentin de Boulogne und einer „Mater Dolorosa“ von Murillo zu Protokoll gibt. Zum ersten Mal wurde an diesen zwei Tagen, so der Altmeister-Händler Bob Haboldt, „weniger über Geld als über die Kunst gesprochen“.

Bei den Tommaso-Brüdern sind die den Eingang des Standes flankierenden Marmorskulpturen von Giovanni Battista Foggini (zwei Löwen, die ein Pferd und einen Bullen reißen) für 1,7 Millionen Euro verkauft. Bei Gertrud Rudigier ist das Hauptexponat, eine dreibändige Sammlung von Kohlezeichnungen des österreichischen Malers Georg Caspar von Prenner (1720-1766) mit 226 Kohlezeichnungen berühmter Zeitgenossen der Aufklärungsepoche von Casanova bis Piranesi an ein Museum vergeben. Im unteren Preissektor lockt hier ein um 1800 entstandenes Miniaturporträt des musischen Hohenzollernprinzen Louis Ferdinand von Preußen des Pastellmalers Ernst von Valentini für 16.500 Euro. Dass es auch hier, unter hochdotierten Objekten immer wieder Exponate gibt, deren Preise konsumfreundlich sind, zeigt sich in vielen Sammelgebieten. 

Jacopo Zucchi, The Holy Family with the Infant Saint John the Baptist. (Foto: Bob P. Haboldt)
Alter Meister

Jacopo Zucchi, The Holy Family with the Infant Saint John the Baptist. (Foto: Bob P. Haboldt)

Preiskontraste bei den Alten Meistern 

Auf dem Altmeistersektor ist es für diese Ausgabe der Messe charakteristisch, dass hier mehr marktfrisches denn aus Auktionen bekanntes Material zu sehen ist. Und auch da, wo es unvermeidlich ist, gibt es starke Preiskontraste. So erscheint etwa bei de Jonckheere (Genf-Monaco) die makellose niederrheinische „Passion Christi“ wieder, die im November 2016 bei Lempertz für 322.000 Euro zugeschlagen wurde und jetzt 800.000 Euro kosten soll. Gering ist der Aufschlag für die porzellanmalerisch feine „Heilige Familie“ des florentinischen Barockmalers Alessandro Rosi, das im Juli 2017 bei Christie's 233.000 Pfund realisierte und jetzt von Jean-Luc Baroni (London) für 390.000 Euro angeboten wird.

Sogar bei der als preisfordernd bekannten Pariser Kunsthandlung Kugel gibt es Werke, die maßvoll bewertet sind. Dazu gehört ein Paar Kabinettbilder des französischen Hofmalers L.J. Lagrenée mit der „Keuschen Susanne“ und „Joseph und Potiphars Weib“, das auf 140.000 Euro angesetzt ist. Gegenüber bei Richard Green (London) ist ein klassisches Frühstücksstilleben des vor zehn Jahren noch mehr als doppelt so hoch bewerteten Holländers Floris van Schooten mit 320.000 Euro bewertet, während am selben Stand eine auf Cézanne fußende Landschaft des Post-Impressionisten Henri Manguin schon mit 730.000 Euro beziffert ist. Es scheint, als ob jetzt mit Meistern dieser zweiten Garnitur eine ähnlich forsche Aufwertung betrieben wird wie mit den niederländischen Romantikern vor 20 Jahren.

Ungeheuer modern wirkt eine von pastoser Gewandmalerei dominierte Darstellung zweier Frauen des Bolognesers Giuseppe Maria Crespi, das bei Coatalem (Paris) 160.000 Euro zu haben ist. 875 000 Euro kostet bei Bob Haboldt (Paris) die museale, auf Kupfer gemalte „Heilige Familie“ des Florentiner Manieristen Jacopo Zucchi mit Medici-Provenienz. 

Museen kaufen hier

Dass auch im Hochpreissektor Preise vernünftig kalkuliert sein können, zeigt sich am Stand der Münchner Firma Daxer & Marschall. Hier hängt ein sturmbewegtes Sonnenblumenbild von Emil Nolde für 1,1 Millionen Euro. Berlins Schlösser und Gärten haben hier zwei frühe Hackert-Gemälde mit Ansichten des Berliner Tiergartens, die einst in Schloss Sanssouci hingen, reserviert. An das Museum Chicago hat Marcus Marschall eine der seltenen Kreidezeichnungen von Georges Seurat verkauft. Ein Prachtbild der Wiener Galerie St. Lucas ist ein lupenreines Großformat des Flamen Hendrick de Clerck mit dem Urteil des Paris, das für 1,2 Millionen Euro angeboten wird.

Lebensgroße Tang-Figur eines "Himmlischen Königs", bei Vanderven für 950.000 Euro (Foto: Vanderven)
Beeindruckende Keramik

Lebensgroße Tang-Figur eines "Himmlischen Königs", bei Vanderven für 950.000 Euro (Foto: Vanderven)

Auch im Bereich der Zeichnung gibt es starke Kontraste. So ist bei Day & Faber die im Katalog abgebildete Boucher-Zeichnung „Mütter und Kinder“ mit bester Provenienz für 9.500 Euro zu haben, während hier das aquarellierte Blatt einer jungen Orientalin von Eugène Delacroix 225.000 Euro kostet.

Mit 680.000 Euro ist die große Bronze „St. Georg und der Drache“ von Niccolo Roccatagliata keineswegs überbewertet. Dieses Paradebeispiel der „malerischen“ Barockskulptur venezianischer Prägung steht bei Proust (London). Als überzogener Preis erscheinen dagegen die 1,3 Millionen Euro, die D. Katz (London) für das Terracotta-Relief der „Borghese-Tänzerinnen“ des napoeleonischen Bildhauers Joseph Chinard verlangt.

Die farbige spanische Barockplastik hat sich in den letzten fünf Jahren einen wachsenden Markt erobert. Zu den charakteristischen Werken gehören die Büsten „Christus“ und „Mater Dolorosa“ des Südspaniers Pedro de Mena, die bei Colnaghi für 800.0000 Euro angeboten werden.

Sammelwürdiges zu moderaten Preisen gibt es auch im Bereich der Druckgraphik, die bei Rumbler (Frankfurt) ihre stärkste Bastion hat. Wie immer sind hier die Geschmackssäulen Rembrandt und Dürer mit herausragenden Blättern auch der Preisregion über 100.000 Euro vertreten. Weniger im Trend, aber nicht weniger sammelwürdig sind die hier in exzellenten Abdrucken vertretenen Blätter von Stefano della Bella (um 4.000 bis 5.000 Euro), und der „Genius“ von G.B. Castiglione, der mit 9.000 Euro notiert.

Die "Heilige Familie" von Alessandro Rosi am Stand von Jean-Luc Baroni.
Verblüffend modern

Die "Heilige Familie" von Alessandro Rosi am Stand von Jean-Luc Baroni.

Rückzug der Möbelhändler

Auf der Messe nehmen weniger Möbelhändler denn je teil. Charakteristisch ist die Dominanz des Klassizismus. In diesem Bereich ist der bayerische Kunsthändler Peter Mühlbauer stark aufgestellt. Eines seiner Hauptexponate ist eine mit 320.000 Euro bezifferte große Architektur-Uhr (Berlin 1797), die von Marmorsäulen flankiert und marmorner Urania bekrönt wird. Die Antikenhändler bieten wie immer ein so attraktives wie breites Programm, in dem ägyptische und römische Skulptur vorherrschen.

Auch im Altertum lässt sich die Moderne entdecken, wie eine etwa 50 cm hohe schwarzbraune Terracottavase (Ägypten um 4000 – 3200 v.Chr.) zeigt, die bei Harmakhis (Brüssel) für 9.500 Euro zu erwerben ist. Auch die römische Kleinbronze einer Venus Pudica aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert ist hier mit 95.000 Euro vernünftig ausgepreist. Dasselbe gilt für eine attische Kratervase des 6. vorchristlichen Jahrhunderts bei Ede (London) mit großem Kampfwagen, der dem Antimanes-Maler zugeschrieben ist und 195.000 Euro kosten soll.

In der ostasiatischen Abteilung begeistert die 1,80 Meter hohe museale Tang-Figur eines „Himmlischen Königs“, die bei Vanderven ('s-Hertogenbosch) für 950.000 Euro steht. Der imperiale Glanz, der vielen alten Stücken dieser Messe das Gepräge gibt, muss nicht immer mit Phantasiepreisen einhergehen. Das kann man nicht oft genug betonen angesichts der Überfülle millionenschwerer später Picasso-Gemälde und bunter Chagalls, die ein anderes, vom Mainstream der Märkte geprägtes Bild dieser Messe sind. (Die Tefaf-Messe läuft noch bis einschließlich Sonntag 18.3. im MECC.)

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Tefaf - Realistisch bewertet

0 Kommentare zu "Tefaf: Realistisch bewertet"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%