Theaterkritik „Jedermann (stirbt)“ Geld, Macht und der Tod

Die umjubelte Uraufführung von „Jedermann (stirbt)“ des österreichischen Autors Ferdinand Schmalz im Wiener Burgtheater ist ein sprach- und bildgewaltiges Epos und eine gelungene Neuinterpretation eines Stückes Weltliteratur.
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Markus Hering (M) als Jedermann sowie Elisabeth Augustin (l) als Jedermanns Mutter und Oliver Stokowski als armer Nachbar während einer Probe des Stückes „Jedermann (stirbt)“. Quelle: dpa
„Jedermann (stirbt)" am Burgtheater in Wien

Markus Hering (M) als Jedermann sowie Elisabeth Augustin (l) als Jedermanns Mutter und Oliver Stokowski als armer Nachbar während einer Probe des Stückes „Jedermann (stirbt)“.

(Foto: dpa)

WienDie 100-Euro-Geldscheine wirbeln in das Parkett des Wiener Burgtheaters. Viele der Zuschauer in den vorderen Reihen greifen nach den lindgrünen, täuschend echten Blüten. „Bedenke, dass Zeit Geld ist, und umgekehrt. Bedenke, dass Geld einen zeugungsfähigen Charakter hat. Geld zeugt Geld zeugt Geld…“ schleudert Mammon (Mavie Hörbiger) den Gästen der Uraufführung von „Jedermann (stirbt)“ des österreichischen Autors Ferdinand Schmalz ins Gesicht.

Im Auftrag des Burgtheaters hat der 32-jährige Dramatiker aus der Steiermark das berühmte Spiel vom Sterben eines steinreichen Mannes für das 21. Jahrhundert fortgeschrieben. Vor zwei Jahren hatte ihn die deutsche Burgtheater-Chefin Karin Bergmann gefragt, ob er den Stoff um den maßlosen Krösus bearbeiten möchte. Sich an den legendären Text der österreichischen Schriftstellerikone Hugo von Hofmannstahl zu wagen, ist ein mutiger Schritt von Ferdinand Schmalz. Denn schließlich stellt das Werk ein Stück Weltliteratur dar. Bei den Salzburger Festspielen ist der „Jedermann“  in jedem Sommer das Hochamt der deutschsprachigen Theatergemeinde. Die Theaterbilder, die Jahr für Jahr auf dem Salzburger Domplatz erzeugt werden, brennen sich über Generationen ein. Bereits seit 1920 ist das Stück ein Publikumsmagnet in der Stadt der Salzach. Daher hat es eine Neuinterpretation naturgemäß sehr schwer dagegen anzukommen.

Das riskante Spiel der Neuinterpretation hat das Burgtheater mit seinem Autor gewonnen. Denn Ferdinand Schmalz hat den Stoff tatsächlich zeitgemäß und sprachgewaltig bearbeitet – ohne dass die beißende Ironie fehlt und die Komplexität des Stoffes leidet. Sein Jedermann (Markus Hering), bei der der Unternehmer in seinem Garten bei Wien ein Fest abhält, meißelt Erkenntnisse in die Gehirne der Zuschauer wie „Glück ist eine Illusion, erfunden, um Pauschalurlaube zu verkaufen“. Und natürlich fehlt auch die Kapitalismuskritik am Humankapital nicht: „Ich könnt euch alle kaufen, wieder verkaufen oder besser verleihen. Könnt euch zu Aktienbündeln machen, zu Bündeln fauler Kredite, weil eure Leben, eure einzelnen kleinen Leben, die werfen halt nichts ab. Da investiert man rein in so ein Menschenleben und kriegt nichts dabei raus.“ Schmalz rechnet mit der Wirtschaft und dem Geld knallhart ab, bisweilen auch ein wenig klischeehaft.

Markus Hering (M) als Jedermann sowie (l-r) Sebastian Wendelin als dünner Vetter, Katharina Lorenz als Jedermanns Frau und Elisabeth Augustin als Jedermanns Mutter während einer Probe des Stückes „Jedermann (stirbt)“. Quelle: dpa
„Jedermann (stirbt)" am Burgtheater in Wien

Markus Hering (M) als Jedermann sowie (l-r) Sebastian Wendelin als dünner Vetter, Katharina Lorenz als Jedermanns Frau und Elisabeth Augustin als Jedermanns Mutter während einer Probe des Stückes „Jedermann (stirbt)“.

(Foto: dpa)

Der junge Autor baut aber dennoch keine binäre Dramaturgie auf. In seinem „Jedermann“ gibt es kein Schwarz und Weiß, keine Null und keine Eins. Der renditeorientierte Geschäftsmann alias Jedermann ist Täter und Opfer zugleich. Am Ende muss er als auf Grund seines Reichtums, seiner Macht als Sündenbock einer verlogenen, zynischen Gesellschaft trotz heftiger Gegenwehr sterben.

Doch es ist nicht der Text, in dem der amtierende Ingeborg-Bachmann-Preisträger geschickt mit Klischees, Anspielungen und Überhöhungen spielt, sondern die Inszenierung selbst, die in ihrer minimalistischen Art fasziniert. In einer drehbaren Röhre mit einem Durchmesser von nicht einmal drei Metern, eingebaut in einer goldenen, haushohen Metallwand, bewegt sich Jedermann mit seiner Frau (Katharina Lorenz), seiner Mutter (Eilsabeth Augustin), der Buhlschaft Tod (Barbara Petritsch) und den anderen. Eine körperliche Herausforderung für die Mimen. Der Schweizer Regisseur und Intendant des Schauspiels Köln, Stefan Bachmann, lässt das Ensemble tanzen, flüstern, schreien, gestikulieren, erstarren oder sich wie in Zeitlupe bewegen. Zusammen mit den Musikkompositionen von Sven Kaiser, den metaphorischen Kostümen Esther Geremus und dem raffinierten Licht von Friedrich Rom wird daraus ein theatralisches Gesamtkunstwerk der Sonderklasse.

In den vergangenen Jahren war das Burgtheater als eines der angesehensten Bühnen deutsche Sprache nicht gerade mit großartigen Inszenierungen verwöhnt. Die österreichische Staatsbühne machte mehr durch die Finanzskandale und Streitereien von sich reden, als durch künstlerische Glanzstücke. Mit der Neuinterpretation des „Jedermann “  bringt das Burgtheater allerdings ein Meisterstück auf die Bühne. Text, Regie, Design und Schauspielkunst fügen sich exakt und intelligent zueinander und erreichen damit Verstand und Herz gleichermaßen. Ein eindrucksvoller Abend in der „Burg“. Nach 105 Minuten: großer Jubel, viele Bravos.

 

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