Wirtschaftsbuchpreis Shortlist Ein Rettungsring für den Euro

Die Ökonomen Clemens Fuest und Johannes Becker wollen die andauernde Euro-Krise ein für alle Mal beenden. Ihr Fünf-Punkte-Plan ist eine gute Idee, bräuchte ergänzend aber einen sechsten. Ein Euro-Stabilisierungsplan.
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Der Odysseus-Komplex - Ein pragmatischer Vorschlag zur Lösung der EurokriseHanser, 285 Seiten, 24 Euro
Johannes Becker, Clemens Fuest

Der Odysseus-Komplex - Ein pragmatischer Vorschlag zur Lösung der Eurokrise
Hanser, 285 Seiten, 24 Euro

BerlinDer Anspruch ist hoch. „Ein pragmatischer Vorschlag zur Lösung der Euro-Krise“ haben die Ökonomen Clemens Fuest und Johannes Becker ihr Buch „Der Odysseus-Komplex“ untertitelt. Ein Fünf-Punkte-Plan soll den Euro dauerhaft stabilisieren, die seit 2010 andauerende Krise endgültig beenden.
Mit Radikalforderungen wie der Rückkehr zur D-Mark, dem Nord-Euro oder dem Grexit setzen sich die beiden Autoren dabei bewusst nicht auseinander – beurteilen all das als politisch unrealistisch.

„Der Odysseus-Komplex bietet das erste realistische Programm zur Lösung der Euro-Krise“, wirbt der Verlag. Damit liegt die Latte sehr weit oben – nur der elegante Sprung hinüber will leider nicht ganz gelingen. Dennoch kann die Lektüre des Buchs für viele Leser gewinnbringend sein. Einer der Gründe: Die beiden Ökonomen lassen in der Beschäftigung mit dem Fünf-Punkte-Plan ihren Blick bewusst über die Modellwelt hinaus in die praktische Regierungspolitik schweifen: Kenntnisreich zeichnen sie die Entstehung der Krise aus dem Lehman-Schock und der Überschuldung von Banken und Staaten nach, verzetteln sich dabei nicht in ökonomischem Wunschdenken.

Fuest leitet als Nachfolger von Hans-Werner Sinn das Münchener Ifo-Institut, Becker – ‧Fuests einstiger Doktorand – das Institut für Finanzwissenschaft der Universität Münster. Als Autorenteam ist es den Ökonomen gelungen, sich dem Tenor vieler Bücher – düstere Prophezeiungen und das Ende der Gemeinschaftswährung – nicht anzuschließen. Das ist wohltuend.
Fuest und Becker plädieren für eine gemeinsame Währung mit starken, zentralen Institutionen. Dafür sei eine starke Selbstbindung der Staaten an Regeln nötig. Das erklärt den Titel: Odysseus ließ sich an den Mast seines Schiffes binden und seinen Gefährten die Ohren verstopfen, um nicht dem Gesang der Sirenen zu erliegen. Der Sirenengesang ist die Analogie zum Ausweichen in Schulden – leider im Verlauf des Buchs ein wenig überreichlich genutzt.

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Aber zurück zum Euro-Stabilisierungsplan: Neben der unabhängigen Europäischen Zentralbank (EZB), fordern Fuest und Becker, müssten die in den Krisenjahren entstandenen Institutionen – der Rettungsfonds ESM und die Europäische Bankenaufsicht – unabhängiger und stärker werden. Gleichzeitig müsse die Wirtschafts- und Finanzpolitik strikt in nationaler Verantwortung liegen. „Entscheidungen sollten entweder in den Nationalstaaten verbleiben oder in europäischen technokratischen Institutionen getroffen werden.“
Eine Vergemeinschaftung von Risiken soll auf den Katastrophenfall beschränkt werden: Dann jedoch soll der ESM nach festgelegten Regeln kraftvoll eingreifen – ohne lange Nachtsitzungen in Brüssel und wochenlange Debatten, während die Staatsschuldenkrise eskaliert. Das Rettungsprogramm: Gleichzeitig zu den Rettungskrediten würden zur Ablösung anstehende Anleihen automatisch um drei Jahre verlängert. Ist die Krise dann immer noch nicht vorbei, gibt es einen Schuldenschnitt.
Auch unabhängig von Notfällen soll es eine neue Schuldenregel geben: Ein Land, dessen Haushaltsdefizit über 0,5 Prozent vom BIP steigt, soll zusätzliche Schulden nur als nachrangige Bonds – „Verantwortungsbonds“ – ausgeben dürfen. Die Zinsen dafür würden am Markt steigen, die EU-Kommission könnte sich ihre Schuldenkontrollverfahren nach dem Maastricht-Vertrag künftig ersparen.

Was die beiden Autoren anstrebten, ist eine langfristig angelegte Lösung der Probleme der Euro-Zone. Die Probleme des Übergangs, vor allem für Länder mit hohen Schuldenständen wie Italien, benennen sie jedoch nicht. Somit ist unterm Strich ihr Vorschlag für Deutsche und andere Nordeuropäer wohl akzeptabel; für den Süden vermutlich aber nicht.
Es ist schade, dass sich die beiden Ökonomen nicht trauen, die hierzulande eingespurten Denk-Loipen zu verlassen. Dennoch: In der Analyse zeichnen sie kundig nach, wie es zur Dauerkrise kam. „Die Kapitalflucht verschärfte sich angesichts der Zögerlichkeit und Uneinigkeit der Euro-Gruppe“, beschreiben sie die Anfangsphase der Krise. Eine gewisse Beruhigung habe erst eingesetzt, „als die Europäische Zentralbank Mitte 2012 zusichert, die Staatsanleihen der Krisenstaaten notfalls unbegrenzt aufzukaufen“.

Daniel Drezner – The Ideas Industry. How Pessimists, Partisans, and Plutocrats Are Transforming the Marketplace of Ideas
Oxford University Press
Großbritannien 2017
360 Seiten
ISBN: 978-0190264604
24,99 Euro
Sprache: Englisch

„Eine attraktive Weltwährung braucht gebündelte und strukturierte Staatsanleihen“, stellte kürzlich Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institute, fest. Also eine Form von Euro-Bonds. Den Anspruch „Weltwährung Euro“ müssten die Europäer durchsetzen, wenn sie die Lücke im Welthandelsgefüge füllen wollen, die Trumps Protektionismus gerade aufreißt. Der Fünf-Punkte-Plan von Fuest und Becker ist damit nicht vollständig. Er bräuchte wohl einen sechsten Punkt – gemeinsame Staatsanleihen –, um die Krise tatsächlich zu beenden.

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