Festival of Speed

Sehen und gesehen werden: Die Supersportwagen lassen es beim Start qualmen.

(Foto: Goodwood Festival of Speed)

Besuch in Goodwood Ascot für Autos – Wie das „Festival of Speed“ hunderttausende Besucher begeistert

Goodwood gilt Auto-Enthusiasten als Pilgerstätte. Das „Festival of Speed“ ist eine inoffizielle britische Motorshow – und ein höchst englisches Gesamterlebnis.
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WesthampnettNach rund 50 Sekunden ist das Abenteuer vorbei. „Slow“ steht auf Schildern am Straßenrand als Erinnerung daran, dass das Rennen an diesem Punkt wirklich vorüber ist. Der 570 PS starke V8-Motor des giftgrünen McLaren 570S Spider röhrt beim schnellen Runterschalten noch einmal auf. Die knappe Minute zuvor brüllt er regelrecht. Kurze Gerade, harte Kurve, Hochgeschwindigkeitspassage, Links-Rechts-Kombination, Gas, Bremse, immer wieder schnelle Züge an der Schaltwippe, ständig bergauf. Zuschauertribünen fliegen vorbei, Bäume, Strohballen, Begrenzungssteine.

Tatsächlich fliegt der Sportwagen an ihnen vorbei, die Fahrt mit Profirennfahrer Charlie Hollings am Steuer lässt keinen Raum, über solche Feinheiten nachzudenken. Während der Pilot schon lässig die Streckenposten grüßt, holt einen als Beifahrer erst nach der Ziellinie das Adrenalin ein. Herzklopfend, angespannt und ausgelassen wie nach einer Achterbahnfahrt.

Das Ziel liegt an einem Hügel in Südengland, das Rennen nennt sich „Hill Climb“, Bergrennen, und der Ort ist das „Goodwood Festival of Speed“. Eine Marke, die über die Passion für Automobile und Legenden längst selbst zu einer geworden ist. Seit 1993 treffen auf dem alten Landsitz der Dukes of Richmond Motorsportikonen auf Auto-Enthusiasten, Fahrzeugklassiker auf PS-Protze. „Silberhochzeit“ feiere das Event 2018, heißt es scherzhaft. Ganz ernst genommen werden darf die Bezeichnung Bergrennen auch nicht, der Hügel kommt auf eine maximale Steigung von 4,9 Prozent.

VW im Geschwindigkeitsrausch und eine Sau auf der Piste
Quietschende Reifen vor traditioneller Kulisse
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100 Kilometer südwestlich von London trifft sich einmal im Jahr die Autowelt im ländlichen Goodwood, um die Geschwindigkeit zu feiern. In diesem Jahr feiert der Duke of Richmond die 25. Auflage seiner beliebten PS-Party und mehr als 200.000 Gäste kamen zu dem weltweit größten Event dieser Art.

VW fährt vorne weg
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Volkswagen trat in Goodwood an, um mit dem 500 kW/680 PS starken Elektrorenner „I.D. R Pikes Peak“ das zweite Bergrennen in Folge zu gewinnen. Nach dem Erfolg am Pikes Peak holte der zweimalige Le-Mans- und viermalige Pikes-Peak-Sieger Romain Dumas auch hier mit 43,8 Sekunden den Siegerpokal. Dabei hätte der Franzose fast noch den Allzeit-Rekord von Nick Heidfeld (41,6 Sekunden) unterboten, der 1999 in einem McLaren-Formel-1-Rennwagen gewann.

Gefahrene Geschichte
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Besonders für Autotraditionalisten ist das Goodwood Festival of Speed ein Mekka. Seltene Modelle mit großer Tradition gehören hier dazu. Unter anderem dieser Jaguar XK 120.

Jubiläum für Porsche
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Porsche feierte auch in Goodwood sein 70-Jahre-Sportwagen-Jubiläum. Mit einer Reihe von spektakulären Auftritten...

Im Himmel angekommen
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Besondere Ehre: Sechs historisch wertvolle Porsche-Fahrzeuge wurden in die extra für das Festival of Speed geschaffene, 52 Meter hohe und Tonnen schwere, Stahl-Skulptur des Londoner Künstlers Gerry Judah integriert.

Die Sau auf der Piste
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Unten auf den Rennstrecken staunt das begeisterte Publikum dann über die vielen erfolgreichen Porsche. Allen voran rasen der 919 Hybrid Evo mit Neel Jani am Steuer und der Le-Mans-Klassensieger 911 RSR in rosa, respektvoll mit historischem Vorbild “die Sau” genannt.

Britischer Stolz
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Auf dem Heimatfestival zeigen auch die britischen Marken, was sie können. Aston Martin heizte unter anderem mit dem 800-PS-Rennauto Vulcan AMR Pro über die Strecke.

Ins Leben gerufen hat es der aktuelle Duke, Charles Henry Gordon-Lennox, Earl of March and Kinrara – für Eilige „Lord March“.  Eine Mischung aus „Großer Preis von Monaco und Ascot“ nannte die „Sunday Times“ das Festival einmal. Sehen und gesehen werden, das gilt für nicht unerhebliche Teile des Publikums. Bis zu 200.000 Besucher finden sich jährlich an vier Tagen im Juli am rund drei Jahrhunderte alten Goodwood House ein, um Motorengeräusche und Benzingeruch zu inhalieren.

Sehen und gesehen werden gilt noch viel stärker für Automobilhersteller, Rennställe, Zulieferer und private Sammler, die hier ihre Schätze und Produkte erlebbar machen. „Es geht darum, wie es sich anfühlt“, kommentiert Tracey Greaves, Marketingchefin des Veranstalters, der „The Goodwood Estate Group“. Alles soll eine „Experience“ sein, ein Erlebnis. Und Hersteller, Aussteller und Veranstalter setzen viel daran, dass die Sehnsuchtsorte der Autoenthusiasten bis auf wenige Millimeter greifbar werden.

Das Festival of Speed ist so etwas wie ein inoffizieller Autosalon. In England findet keine bedeutende Motorenmesse statt, die Hersteller tummeln sich in Detroit, Genf, Frankfurt, Tokio. Goodwood ist jedoch Heimspiel für die britischen Branchengrößen. Englischer könnten die in West Sussex zwischen Örtchen wie Chichester, Westhampnett und Upwaltham gelegenen 5.000 Hektar Land nicht sein. Golf wird hier gespielt, es gibt Pferderennen und neben dem Festival of Speed das Oldtimer-Festival „Revival“, bei dem alle Besucher im 60er-Jahre-Outfit kommen. Die Wiesen und Wälder ringsum könnten lebendige Vorlage für die Lackfarbe „British Racing Green“ sein. Ein Hauch Rosamunde Pilcher umweht die Landschaft.

Jaguar Land Rover, Aston Martin, Bentley, Rolls Royce, McLaren, sie alle präsentieren sich mit aufwendigen Pavillons. Rolls Royce unterhält wenige Kilometer vom Anwesen entfernt ein Werk, McLaren muss nur knapp 65 Kilometer bis zum Firmensitz in Woking überbrücken. Als Platzhirsche dürfen sich beide Unternehmen nah am Kern des Geländes, dem Goodwood House selbst, präsentieren.

Porsche feiert, das Festival of Speed feiert: Vor und im Goodwood House ist eine Menge los. Quelle: Alexander Möthe
Doppeltes Jubiläum

Porsche feiert, das Festival of Speed feiert: Vor und im Goodwood House ist eine Menge los.

(Foto: Alexander Möthe)

BMW darf einige Modelle bei den alten Stallungen herzeigen; Porsche feiert mit viel Aufwand 70. Geburtstag, hat über Tage immer wieder das alte Anwesen für Pressetermine geblockt und darf die zentrale Kunstinstallation vor dem Haus stellen: eine dem Vernehmen nach eine Million Pfund teure, 52 Meter hohe Skulptur, von der aus sechs Porsche sternförmig in den Himmel ragen. Offizielle Zahlen der Hersteller gibt es nicht, hinter den Kulissen gilt es als wahrscheinlich, dass zum Teil zweistellige Millionenbeträge in die vier Tage in Südengland investiert werden. Die Goodwood Group selbst setzt pro Jahr rund 100 Millionen Euro um, der Vorsteuergewinn lag zuletzt bei etwa vier Millionen Euro. Auch ein Luxushotel nebst Restaurant gehören zur Anlage.

Die Rennstrecke teilt das Gelände wie ein Fluss aus Asphalt. Hier das Anwesen, dort die Haupttribüne. Über den Lauf des Hill Climb führt eine Brücke, auf der Fußgänger nichts sehen, aber sich wegen des Lärms die Ohren zuhalten. Wer hinüber will, muss damit leben, dass ihm auch einmal ein Motorradfahrer auf der Treppe entgegenkommt.

Hinter der Haupttribüne haben die übrigen Automobilkonzerne ihre Stände. Honda ist da, Mercedes, Maserati, Ford, Toyota, selbst Tesla, das nachweislich keine Verbindung zum Motorsport hat. Festival of Speed heißt, seine Fahrzeuge erlebbar zu machen. Goodwood heißt, nah am begeisterungswilligen Kunden zu sein. Das gilt nicht nur für Neuwagen: Während des Festivals hält das Auktionshaus Bonhams eine der spektakulärsten Oldtimer-Versteigerungen des Jahres ab.

Das Publikum ist ein Querschnitt der britischen Gesellschaftsklischees. Hier die wohlgekleideten Madams und Sirs, die vom Balkon des Goodwood House grüßen und bei fast 30 Grad im Schatten Meeresfrüchte am Stand eines großen Champagnerherstellers bestellen. Dort Frauen und Männer mit kurzer Hose und T-Shirt, die es mit Shephard’s Pie und London Pride halten. Alles durchmischt sich, ein Wochenendticket kostet 183 Euro, das Tagesticket fängt bei rund 60 Euro an. Wer auf das Parkplatzticket noch draufzahlt und einen in einer Liste aufgeführten Sportwagen fährt, darf sein Gefährt direkt am Fahrerlager abstellen. Ein britischer Kollege schmuggelt seinen geliehenen Kia dort hinein und hat seinen Spaß.

Die meisten Besucher zelten auf einem riesigen Campinggelände. Wer es luxuriöser möchte, kann sich auch bei einem aus Zelten errichteten Pop-up Hotel in der Nähe einmieten. Dort gibt es kein Bad en Suite, dafür eine Champagnerbar und zwei Restaurants. Geöffnet hat es nur zweimal im Jahr: Zum Festival of Speed und dem Revival.

Neben „Experience“ ist „Heritage“ das meist gebrauchte Schlagwort in Goodwood. Erbe, Abstammung heißt es wörtlich übersetzt, hier passt die Interpretation als Traditionsbewusstsein. Klassiker aller Jahrgänge tummeln sich auf dem Gelände in absoluter Selbstverständlichkeit. Das gilt für Autos wie Fahrer. Stirling Moss, Jochen Mass, Martin Brundle, Bruno Senna sind einige der großen Namen, die in Goodwood aufkreuzen. Als „Familientreffen“ bezeichnet des Profipilot Charlie Hollings, als Gelegenheit, zwischen dem Abreißen von Testkilometern, Rennen und Reisen zu reden, Erfahrungen auszutauschen und Spaß zu haben.

Im Fokus stehen jedoch die Automobillegenden. Museumsstücke stehen neben modernsten Sportwagen, und oft genug stehen sie nicht nur, sondern nehmen an den Rennen teil. Mercedes lässt einige historische Silberpfeile antreten; wenn Porsche im Fahrerlager den Motor eines Anfang der 80er in Le Mans siegreichen Modells 956 aufheulen lässt, ziehen Lärm und blauer Dunst die Zuschauer magisch an. „Wir sehen hier Eltern mit ihren Kindern, Großeltern mit Enkeln“, sagt Tracey Greaves auf die Frage, ob sie die Befürchtung hat, das Festival könne sich überholen. „Die jüngeren Generationen sind nicht mehr so sehr an Besitz interessiert“, attestiert sie weiter, „aber an Erfahrungen.“ „Experience“ und „Heritage“ treffen auch beim Motorsportfan zu.

Die Zuschauer warten, die Fahrer auch: „Teuerster Stau der Welt“ wird die Prozession vor dem Hill Climb scherzhaft genannt. Quelle: Alexander Möthe
Warteschlange vor dem Start

Die Zuschauer warten, die Fahrer auch: „Teuerster Stau der Welt“ wird die Prozession vor dem Hill Climb scherzhaft genannt.

(Foto: Alexander Möthe)

Goodwood hat das Festival of Speed in der Vergangenheit schon etwas mehr auf Zukunft getrimmt. Das „Revival“ im September fokussiert sich auf Autos vor Baujahr 1970. Dem Festival gibt das die Möglichkeit, dem Ausblick mehr Raum zu geben. Zum einen stellen die Hersteller hier immer wieder neue Modelle vor. McLaren präsentierte in diesem Jahr den 600LT auf der Strecke, für das Unternehmen das neue Spitzenmodell der eigenen Einstiegsklasse.

Medien und Zuschauer durften das 600 PS starke Gefährt erstmals auf dem Rennkurs bestaunen. Die komplette Führungsetage des Unternehmens zeigte sich gesprächsfreudig, auch der Gastgeber, Lord March, ließ sich blicken und verfolgte das Debut aus der ersten Reihe. Derlei Präsentationen sind ein geschickter Kniff, um die Fachpresse nach Goodwood zu locken. Denen geht es vorrangig um Neuvorstellungen. Und auch, wenn der ein oder andere Kollege etwas Missmut äußert, dass beim Festival nicht die Neuerscheinungen, sondern das Fahrerlebnis im Vordergrund steht – Journalisten sind reichlich vor Ort.

Das Thema Zukunft umfasst in der Automobilbranche unweigerlich die Punkte: Elektromobilität, autonome Auto, vernetztes Fahren. Inmitten eines Events, bei dem unzählige Liter Benzin verbrannt werden, kündigte McLaren an, in den kommenden Jahren voll auf Hybridtechnologie setzen zu wollen. Die Rennserie Roborace machte mit einem selbst fahrenden Elektroauto Eigenwerbung. Und Siemens ließ einen alten Ford Mustang selbstlenkend den Hügel hinauffahren. Die „Welt“ degradierte das zu einer „missglückten PR-Aktion“, schimpfte über mangelndes Motorengefühl und ausbleibende Geschwindigkeit.

Flugdemonstration auf dem Festival. Im Hintergrund: Die Skulptur aus Porsches. Quelle: Goodwood Festival of Speed
Jetpack

Flugdemonstration auf dem Festival. Im Hintergrund: Die Skulptur aus Porsches.

(Foto: Goodwood Festival of Speed)

Innovation kann eben auch Einstellungssache sein: James Brighton von der Universität Cranfield, dessen Team das Projekt umgesetzt hat, ist sich durchaus klar, dass das mit Serienreife nichts zu tun hat: „Wir wollten zeigen, was möglich ist – und jungen Ingenieuren zeigen, dass die Arbeit Spaß macht.“ Er spricht auch von der Herausforderung, mit einem klassischen Automobil zu arbeiten. Das „interessante Fahrverhalten“ stellt der Mustang später unter Beweis, als er auf der Strecke einen Strohballen touchiert und Brighton am Steuer eingreifen muss.

Einen Schritt weiter geht das „FutureLab“, was die Goodwood Gruppe zusammen mit großen Partnern wie Samsung, Vodafone, Siemens und der DHL errichtet. Eine „Kathedrale der Technologie“, wie Lord March sagt. Im Pavillon geht es weniger um die Zukunft des Autofahrens, als um die Zukunft der Fortbewegung. Raumfahrt, Robotik, Flug. Auf dem Festivalgelände treibt daher auch ein Pilot mit Jetpack sein Unwesen. „Wir zeigen Technologien, die das Leben beeinflussen und die Mobilität weiterentwickeln“, sagt Tracey Greaves. Die Automobilbranche verwachse zusehends mit anderen Industriezweigen. Ihre Kernfrage: „Wenn mein Auto von alleine fährt: Was mache ich denn dann die ganze Zeit?“

In Goodwood wird in absehbarer Zeit das Fahren mit den Händen fest am Lenkrad im Mittelpunkt stehen. Das funktioniert so gut, dass das Unternehmen sich sogar Gedankenspielen hingibt, das Festival of Speed zu exportieren. In West Sussex funktioniert das Zusammenspiel von Tradition und Forschungsdrang, Form und Funktion, Kommerz und Herzensblut nach 25 Jahren durch und durch. „Noch weitere 300 Jahre“ möchte die Gruppe das Anwesen, in Anspielung auf das Baujahr des ersten Gebäudes, erfolgreich halten. Es dürfte in erster Linie ein Rennen mit und nicht gegen die Zeit werden.

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