Demografie in Deutschland Zwischen Landflucht und Mietpreishorror

Kleine Dörfer schrumpfen, große Städte wachsen: Die Landflucht ist, so sagen Experten, ein unumkehrbarer Trend. Doch mit der Bevölkerung wachsen auch die Probleme. Für manche Familien macht das das Dorf wieder reizvoll.
5 Kommentare
In Großstädten wie Frankfurt ist Lebensraum begehrt – und teuer. Quelle: dpa
Wenig Platz fürs Familienidyll

In Großstädten wie Frankfurt ist Lebensraum begehrt – und teuer.

(Foto: dpa)

GreifswaldDeutschland ist in Bewegung. Jedes Jahr wechseln Hunderttausende ihren Wohnort. Metropolen wie München, Frankfurt und Berlin wirken wie Magnete. Manche Dörfer dagegen veröden. Driftet Deutschland auseinander? Sprechen Städter und Dorfbewohner überhaupt eine Sprache, zum Beispiel wenn sie von Heimat reden? Eine Spurensuche bei drei Familien in drei sehr unterschiedlichen Orten.

Ein Kuschelsofa steht im Wohnzimmer – bei Familie Wagenrad auf dem Dorf genau wie bei den Pfanners in der Großstadt. Am Esstisch kommen Eltern und Kinder zusammen. Viele Rituale gleichen sich zwischen Alpen und Küste. Auch wenn für die einen die Geräusche des Stadtverkehrs zum Heimatgefühl gehören und für die anderen das Rauschen der Blätter.

Wir starten in Frankfurt am Main. Die Stadt mit ihren mehr als 720.000 Einwohnern wächst: 2015 um mehr als 42 Menschen pro Tag. Jedes Jahr gewinnt die Metropole zahlenmäßig quasi eine Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern dazu. Das bringt Probleme. Mietpreise explodieren, Plätze für die Kinderbetreuung werden knapp.

Ulrike Stock und Daniel Pfanner sind dennoch überzeugte Städter. Wenn die Söhne schlafen, setzen sich die Eltern im Sommer auf die Dachterrasse der Mietwohnung. Sie genießen den Sound der City. „Ich höre lieber die Geräusche der Stadt als Grillenzirpen“, sagt der 44-jährige Professor für Bauingenieurwesen.

Seine Ehefrau Ulrike (43) schätzt die kurzen Wege. „Alles ist in zehn Minuten zu erreichen“, rechnet sie vor. Ob es die Schule von Laurens, dem großen Sohn, ist, oder Valentins Kindergarten.

Wie die Landflucht Deutschland prägt
Bevölkerungsentwicklung
1 von 7

Deutsche Großstädte locken Menschen an. Die stärksten Bevölkerungsrückgänge zwischen 2000 und 2015 verzeichneten dagegen die mittelgroße Stadt Suhl (minus 22,1 Prozent) in Thüringen und der Kreis Oberspreewald-Lausitz in Brandenburg (-21,7). Dagegen konnten sich München (plus 20,5 Prozent), Potsdam (+19,6) und die kreisfreie Mittelstadt Landshut (Bayern/+17,8) über die höchsten Zuwächse freuen.

Alter
2 von 7

Deutschlandweit sind 21 Prozent der Menschen älter als 65 Jahre, in Großstädten nur 19,8 Prozent. Doch es gibt auch hier Unterschiede: Nach einer Analyse des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung vom Herbst 2016 liegt das Medianalter, bei dem die Hälfte der Bevölkerung älter und die andere jünger ist, etwa in Heidelberg (Baden-Württemberg) bei 38,1 und in Chemnitz (Sachsen) bei 48,9 Jahren. Grundsätzlich gilt: Der Osten ist älter. Der Altersdurchschnitt in den ostdeutschen Bundesländern liegt – so das Statistische Bundesamt – jeweils bei mehr als 46 Jahren, bundesweit bei 44,3 Jahren.

Geburten
3 von 7

In Deutschland kamen 2015 im Schnitt 1,5 Kinder je Frau auf die Welt – so viele wie seit 1982 nicht mehr. Am höchsten war der Wert in Sachsen (1,59), am niedrigsten im Saarland (1,38). Da junge Menschen nicht nur in Großstädte zuwandern, sondern teils auch bleiben, gibt es dort mittlerweile mehr Geburten als auf dem Land.

Hotel Mama
4 von 7

Sechs von zehn jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren lebten 2015 noch bei ihren Eltern - vor allem in ländlichen Gebieten. In Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern hatten 78 Prozent noch ein Zimmer im elterlichen Haushalt, in Großstädten ab 500.000 Einwohnern lediglich 45 Prozent. Der Bundesschnitt blieb mit 62 Prozent im Vergleich zu den zehn Jahren zuvor nahezu unverändert.

Binnenwanderung
5 von 7

Manche Regionen sind beliebter als andere – gerade das Berliner und Hamburger Umland zieht viele Menschen aus anderen Bundesländern an. Bei Umzügen innerhalb Deutschlands war 2015 unterm Strich Brandenburg mit 11.440 mehr Zu- als Fortzügen am attraktivsten, gefolgt von Schleswig-Holstein (+7093).

Einkommen
6 von 7

Wer mehr verdienen will, muss oft in eine Stadt ziehen. In Wolfsburg lag das sogenannte Mediangehalt 2015 bei 4610 Euro brutto - das heißt, dass die eine Hälfte der sozialversicherungspflichtigen Vollzeit-Arbeitnehmer mehr, die andere Hälfte weniger erhielt. Damit war das Monatseinkommen in der niedersächsischen VW-Stadt am höchsten. Auch am Audi-Standort Ingolstadt (Bayern/4545 Euro), in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz/4491) und Erlangen (Bayern/4486) bekam man einen richtig guten Lohn.

Das geringste Einkommen gab es im sächsischen Erzgebirgskreis (2036), in Vorpommern-Rügen (2057), im brandenburgischen Elbe-Elster-Kreis (2060) und im sächsischen Görlitz an der polnischen Grenze (2068). Bei Berechnungen des Medianwertes hatte ein Beschäftigter in diesen Gebieten einen halb so hohen Lohn wie die Menschen in den einkommensstärksten Städten.

Mietkostenn
7 von 7

Die Miete in den deutschen Großstädten steigt deutlich. Während in Berlin im ersten Halbjahr 2016 die Preise in Inseraten um 5,5 Prozent höher waren als ein Jahr zuvor, kletterten sie in München sogar um 7,6 Prozent. In Kleinstädten hingegen, die abseits der Ballungsräume liegen, drohen bei andauernder Abwanderung Preisrückgänge. Während etwa in Wunsiedel im bayerischen Fichtelgebirge der Quadratmeter durchschnittlich für 4,24 Euro Kaltmiete angeboten wurde, waren es in München 15,52 Euro.

Wer ihnen am Esstisch gegenübersitzt, erlebt ein entspanntes Paar. Auch wenn der Alltag oft Stress bedeutet: „Es ist anstrengend, den Spagat hinzubekommen zwischen Beruf, Familie und Partnerschaft, dass nichts auf der Strecke bleibt“, sagt Ulrike Stock.

Wichtig scheint beiden vor allem das Gefühl, dass die Stadt brummt vor Angeboten: Kino, Theater, Hoffeste mit Nachbarn. Selbst wenn sie nicht alles nutzen. In einen Vorort oder aufs Land zu ziehen, „das war nie eine Option“, sagt Daniel Pfanner.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Ist die Oberschicht erst weg, wird es eng
Seite 1234Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Demografie in Deutschland - Zwischen Landflucht und Mietpreishorror

5 Kommentare zu "Demografie in Deutschland: Zwischen Landflucht und Mietpreishorror"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @ Lothar Bitschnau
    Du musst ein Landei sei ... bei so einem Post. Flieg mal nach Singapur ... kannste dein Dorf in die Tonne kloppen. Um Karriere zu machen gehts in die Städte.

  • Wenn du im Sauerland in einem Dorf lebst ... bist du lebendig begraben. Da nutzen auch die Wälder nichts!!!

  • Das Image des langweiligen Landes verflüchtigt sich durch die digitale
    Revolution. Und das digitale "LEBEN" benötigt letztentlich Erholung ..
    in analoger Welt.

  • Sorry, unter falschem Artikel gepostet, @ HB kann gelöscht werden, danke! MfG

  • amazon (Börsenwert: 341 Mrd. US-$), Apple (Börsenwert: 683 Mrd. US-$) , ebay, Paypal, facebook (Börsenwert: 340 Mrd. US-$) , google (Börsenwert: 510 Mrd. US-$) usw.

    Fast jeder benutzt oder kauft Produkte diese Konzerne, obwohl alle ihre Firmensitze in Luxemburg oder anderen Steueroasen haben.
    Diese Unternehmen vernichten weltweit Jobs und schaffen Billigjobs, das ist die Wahrheit und wir unterstützen sie noch als Kunden und mit unserem Geld, WARUM?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%