Interview mit Ex-LVMH-Weinchef Prats „Bordeaux-Weine sind absolut nicht zu teuer“

Jean-Guillaume Prats, neuer CEO von Chateau Lafite Rothschild, über die Preisentwicklungen hochwertiger Weine und neue attraktive Regionen.
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Das Weingut Château Lafite Rothschild in Bordeaux.
Gute Lage

Das Weingut Château Lafite Rothschild in Bordeaux.

DüsseldorfJean-Guillaume Prats ist einer der interessantesten Gesprächspartner der Weinbranche. Er spricht stets in druckreifen Sätzen und besitzt extrem viel Erfahrung im Wine-Business. Zuerst managte er in Bordeaux das Weingut Chateau Cos d'Estournel, stieg danach zum Chef der Weinsparte innerhalb des internationalen Luxuskonzerns LVMH Louis Vuitton Moët Hennessy auf, dem Marktführer in der Luxusgüterindustrie mit 15 Weingütern in acht Ländern. Seit dem 31. März 2018 arbeitet er wieder für ein Bordeaulaiser Weingut im Familienbesitz, dem Château Lafite Rothschild. Als neuer CEO und Präsident der Gruppe Domaines des Barons de Rothschild (BDR) begleitet er gleichzeitig einen Generationenwechsel: Baronin Saskia de Rothschild hat von ihrem Vater Éric de Rothschild die Position des Chairmans der BDR-Gruppe übernommen. Das alles in einem geschichtsträchtigen Jahr: Die Rothschild-Familie hat das Bordeaux-Weingut vor 150 Jahren erworben, am 8. August 1868. Das Interview wurde telefonisch geführt.

Hallo Herr Prats, ist es in Bordeaux ähnlich heiß wie in Deutschland? Das wäre doch eine gute Voraussetzung für ein erfolgreiches Weinjahr 2018.
Unglücklicherweise hatten wir in der Region Mitte Juli einen heftigen Sturm, vor allem die südlich gelegenen Weingüter waren betroffen. Einige Häuser verloren bereits einen Teil ihrer Ernte in den Bordeaux-Regionen Blaye, Cotes de Bourg und Sauternes. Unser Weingut Château Rieussec war nicht betroffen. Jetzt ist harte Arbeit angesagt, um die Verluste in Grenzen zu halten. Wenn sich das Wetter nicht bald ändert, dürfte es ein herausforderndes Jahr werden. Gleichwohl ist die Lage seit Anfang August ungewöhnlich und erinnert mich an Jahrgänge wie 1989 und 2003 – aber es ist noch zu früh, um es genau vorherzusagen.

Aber der Jahrgang 2017 war bereits schwierig.
Ersten Schätzungen zufolge dürfte die Menge 20 bis 30 Prozent unter der des Jahres 2017 liegen – dabei war die Erntemenge im vergangenen Jahr schon nicht groß.

Warum sind sie eigentlich von einem großen internationalen Konzern wieder zu einem vergleichsweise kleinen Familienweingut gewechselt?
Ich hatte außergewöhnliche Jahre bei LVMH mit einem tollen Team und tollen Marken. Aber ich bin zu meinen Wurzeln zurückgekehrt. Ich bin in der Region St. Estephe geboren, habe dort auch in der Kirche geheiratet, die nur zwei Minuten vom Weingut Baron Rothschild Lafite entfernt ist. Was auch eine Rolle gespielt hat: Lafite ist im Vergleich zu LVMH klein, ist aber kein kleines Weingut. Allein in Bordeaux besitzt die Lafite-Gruppe BDR inklusive Rothschild Lafite vier Güter, die ihre Weine weltweit verkaufen. Mein Job dort ist mit meiner Tätigkeit bei LVMH vergleichbar.

Ist es also ihre Hauptaufgabe bei Lafite, die Internationalisierung weiter voranzutreiben?
Das ist wohl der Grund, warum ich gefragt wurde, Saskia de Rothschild zu unterstützen. Sie hat seit März dieses Jahres das Weingut von ihrem Vater Baron Eric de Rothschild übernommen.

Baronin Saskia de Rothschild und Jean-Guillaume Prats leiten seit dem 31. März dieses Jahres die Geschicke der Rothschild-Gruppe.
Gruppe Domaines des Barons de Rothschild

Baronin Saskia de Rothschild und Jean-Guillaume Prats leiten seit dem 31. März dieses Jahres die Geschicke der Rothschild-Gruppe.

Was ist geplant?
Was wir nicht verändern wollen, ist das Management des Weingutes. Das ist schon extrem hoch, ebenso wie die Qualität der Weine. Wir werden unseren Spitzenwein nicht verändern. Es wird keine Optimierungen bei der Qualität und des Stils geben, sondern ein Feintuning bei den wirtschaftlichen Aspekten.

Und die wären?
Wir wollen expandieren mit unseren Aktivitäten in der französischen Region Languedoc, wo wir mit Domaine d´aussieres seit 2008 ein Gut besitzen, und auch in Chile. Dort bauen wir seit 1988 Trauben an und verkaufen den Wein unter dem Namen Los Vascos aus der außergewöhnlichen Region Colchagua. Wir haben auch ein starkes, aber ausbaufähiges Portfolio von verschiedenen Bordeaux-Weinen, in Deutschland unter der Marke „Legende“ bekannt. Wir sind sehr gut vertreten in der Region Asien/Pazifik, können aber noch besser werden in Nordamerika. Und der Verkauf in den Duty-Free-Shops ist auch ein wichtiges Thema. Wir stehen also vor vielen Herausforderungen.

Wäre eine Flasche des Spitzenweins von Baron de Rothschild Lafite vom Jahrgang 2017 eine Kaufgelegenheit? Derzeit kostet eine Flasche in der Subskription, also Kauf jetzt und Lieferung in knapp zwei Jahren, rund 580 Euro.

Weltweit betrachtet ist der Jahrgang 2017 der preiswerteste überhaupt eines Lafite Rothschild. Solch eine Subskription ist natürlich in erster Linie interessant für Sammler, die jeden Jahrgang einlagern und erst später öffnen wollen. Schließlich haben Lafite-Weine ein sehr gutes Alterungspotenzial, im Laufe der Jahre entwickeln sich in dem Wein komplexere Aromen. Weinliebhaber sollten eins nicht vergessen: Wenn man einen Wein erst zehn Jahre danach kauft, weiß man nicht, wie und wo er in dieser Zeit gelagert wurde.

Lassen Sie uns über das Bordeaux als Region für Weininvestments reden. Das Magazin „Drink Business“ hat vor einigen Jahren in dem Zusammenhang getitelt: „Bye, Bye Bordeaux“. Und ein Blick auf die Auktionen weltweit zeigt: Die Preise für Weine aus den Regionen Burgund oder Champagner sind deutlich gestiegen, während die für Bordeaux eher stagnieren.

Da bin ich anderer Meinung.

Die müssen Sie mir erklären.
Man muss sich die Preisentwicklung in den Regionen genauer anschauen. Es stimmt: Die Preise für Champagner steigen. Das betrifft aber nur wenige Marken, die auch nur begrenzte Mengen anbieten. Es gibt vielleicht fünf oder sechs Marken, auf deren Wertentwicklung sie spekulieren können – wie beispielsweise Krug oder Dom Perignon. Im Burgund sind die Preise extrem hoch. Doch für diese Region müssen sie wissen: Die Mengen sind extrem klein.

Von der Größe her sind die beiden Regionen natürlich nicht mit Bordeaux und seiner Fläche von rund 120.000 Hektar zu vergleichen.

In der Bordeaux-Region gibt es nicht nur eine viel größere Anzahl von Weingütern. Auch die dortigen Spitzenweingüter verkaufen ihren Kunden vergleichsweise höhere Mengen.

Die Preisentwicklung für Bordeaux-Weine auf Auktionen insgesamt stagniert aber.
Das stimmt, weil die Zahl der Weingüter in Bordeaux halt größer ist. Aber wenn Sie nur die Top-Weingüter aus den drei Regionen vergleichen, gibt es diesen Unterschied nicht mehr. Die Preise für Spitzen-Bordeauxs sind vermutlich höher als für Weine aus dem Burgund und der Champagne.

Sind Ihrer Ansicht nach Bordeaux-Weine, auch der von Rothschild Lafite, nicht zu teuer?
Nein, absolut nicht. Es gibt eine weltweit starke Nachfrage und im Vergleich zu Burgundern erscheinen sie bezahlbar. Ganz abgesehen von den Weinen aus Napa Valley, die ebenfalls auf einem hohen Preisniveau liegen. Das ist typisch für einen Markt von Luxusprodukten. Da sind die Preise hoch, wenn es sich um handgemachte Produkte handelt, die extrem begehrt sind. Das gilt zum Beispiel auch für viele andere handwerklich hergestellten Luxusprodukte.

Bei ihrem Handelsblatt-Besuch als LVMH-Weinchef haben Sie erwähnt, dass die Anbauregion Central Otago in Neuseeland, die südlichste Weinregion der Welt, das Potenzial für den besten Pinot Noir habe.
Nein, nicht für die beste Region, sondern Central Otago könnte zur besten Alternative für Pinot-Noir-Liebhaber im Vergleich zu Burgund werden.

Gibt es noch andere Regionen, die solch ein Potenzial haben?
Napa Valley in Kalifornien mit dem Cabernet Sauvignon. Dort wurde viel investiert, die Weine haben in den vergangenen zehn Jahren viel an Harmonie und Finesse gewonnen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prats.

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