Jürgens Wein-Kolumne Warum der Bordeaux des Jahrgangs 2017 gut ist, Sie aber nicht zu viel dafür zahlen sollten

Die Angst, der Bordeaux-Jahrgang 2017 wäre ein typischer „7er“-Wein, war groß. Doch der Rote ist wider Erwarten gelungen – das treibt den Preis.
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Weine aus dem Bordeaux zählen zu den großen und besten Roten – auch preislich. Quelle: Reuters
Spitzenwein zu Spitzenpreisen

Weine aus dem Bordeaux zählen zu den großen und besten Roten – auch preislich.

(Foto: Reuters)

DüsseldorfWenn Experten den Bordeaux-Jahrgang 2017 beurteilen, dann ist das Thema Weisheiten wie an der Börse nicht weit. „Außer 1947 waren alle 7er-Jahrgänge verregnet, zumindest sehr schwierig“, meint Giuseppe Lauria, Chefredakteur des auf Fine Wine spezialisierten Fachmagazins Weinwisser, das seit mehr als 25 Jahren die großen Weine aus den weltweit renommiertesten Weinregionen bewertet.

Der aktuelle Jahrgang hat diese unrühmliche Tradition fortgesetzt, manche meinten sogar im Vorfeld, der Jahrgang 2017 setzt einen neuen Tiefpunkt. Die Bedingungen waren extrem schwierig: Hitze im März mit früher Knospenbildung und beschleunigter Blüte, anschließend Minustemperaturen mit beträchtlichen Frostschäden. Ende April dann wieder Hitze mit extremer Trockenheit und Regen während der Lesezeit waren große Herausforderungen für die Winzer. Vor allem der 27. April 2018 dürfte vielen noch lange in Erinnerung bleiben. In dieser Nacht fielen die Temperaturen teilweise unter minus sechs Grad. Die beiden folgenden Nächte waren nicht besser.

„Glück und Unglück lagen hier sehr nahe beieinander“, berichtet Lauria, „durch die Frostschäden gab es bei manchen Winzern komplette Ausfälle.“ Dabei blieben die flussnahen Top-Terroirs weitestgehend verschont. Es traf eher die ohnehin schlechteren Lagen. Und wie schmecken die Bordeauxs des Jahrgangs 2017? „Wenn man es in einem Satz charakterisieren will: Schöne Frucht, blaubeerig frisch mit feinen Veilchennoten, einer schönen Säure und kräftigen Tanninen und mäßigem Alkoholgehalt“, meint Michael Grimm, Inhaber der Bacchus-Vinothek, einem Fachgeschäft für feine und rare Weine. „In jedem Fall ist der Jahrgang besser als die Erwartungen.“

Das sehen Giuseppe Lauria und sein Expertenteam ähnlich: „2017 ist auch das Jahr der großen Überraschung. Vielerorts haben wir sehr gute bis herausragende Weine probiert, die zwar nicht an die großen vorherigen Jahrgänge wie 2016 und 2015 anknüpfen können, aber viel besser als befürchtet ausgefallen sind.“ Entsprechend hat das Magazin getitelt: „Ein (sehr guter) Jahrgang zwischen Himmel und Hölle“.

Winzer in Bordeaux müssen – im Gegensatz zu anderen Regionen der neuen Weinwelt wie Kalifornien oder Australien – mit erheblichen Jahrgangschwankungen leben. Und ein guter bis sehr guter Jahrgang steht natürlich im Schatten von ganz großen, die oft Jahrhundertjahrgang genannt werden. Beispiele in der jüngeren Vergangenheit sind dafür der Jahrgang 2001 nach dem 2000er, 2011 nach den hochbewerteten 2009er/2010er und jetzt aktuell 2017 nach den hervorragenden Weinen der Jahre 2015/2016. Aber dass der Jahrgang 2017 wider Erwarten gut ist, rechtfertigt nach Meinung von Grimm jedoch „in keinem Fall hohe Preise“.

Denn die französische Region Bordeaux ist nicht nur die größte Anbaufläche für Spitzenweine weltweit, sondern auch dafür bekannt, Spitzenpreise für die leckeren Tropfen zu nehmen. Diese Preise sind früher von Jahrgang zu Jahrgang fast immer gestiegen – teilweise drastisch, als die großen Jahrgängen 2000 sowie 2009/2010 auf den Markt kamen. Doch in den vergangenen Jahren hat sich der Markt etwas gedreht.

Die ersten Auswertungen für den Jahrgang 2017 zeigen, dass die Châteaus ihre Preise bis zu 15 Prozent gesenkt haben. Das hat Ron Freund, Vorstandschef von Winestocks, errechnet und mittlerweile alle sogenannten En-Primeur-Preise aufgelistet. Das Unternehmen sammelt weltweit die Preise, die auf Weinauktionen erzielt werden, bildet daraus Indizes und analysiert Wertbeständigkeit und Perspektiven von Weinpreisen.

Entscheidend für die Preisbildung ist vor allem die Bewertung von Robert Parkers Magazin „Wine Advocate“. Der weltweit einflussreichste Weinkritiker hat sich bereits aus dem Geschäft zurückgezogen, doch sein Bewertungssystem mit einer maximalen Zahl von 100 Punkten ist immer noch führend. Ebenfalls Einfluss haben, wenn auch mit Abstand, das Magazin „Weinwisser“, das der Schweizer Weinkritiker Rene Gabriel gegründet hat, sowie ausländische Publikationen wie „Decanter“ und „Wine Spectator“. Von denen arbeiten einige mit einem 20-Punkte-Bewertungssystem.

„Manche 2017er-Bewertungen erreichen beinahe eine perfekte Marke von 20 respektive 100 Punkten. Da kann man wahrlich nicht von einem schwachen Jahrgang sprechen“, erläutert Diplom-Önologe Grimm. Aber neben der Qualität spiele natürlich der Preis eine Rolle. Wenn es von 2015 oder 2016 noch Verfügbarkeiten gibt, beispielswiese bei einem Pape Clement Rouge, dann lasse sich ein 2017er mit annähernd identischem Preis mit seriösen Argumenten eben nicht empfehlen. Auch wenn der Wein sehr gut sei.
Grimm empfiehlt eher auf die Preis-Leistungs-Sieger des Jahrgangs 2017 zu setzen: Etwa einen Lafon la Tuilerie aus der Teilregion St.-Émilion oder ein Meyney aus St.-Estèphe. Beide Weine liegen im Preissegment um die 30 Euro. Zum Vergleich: Eine Flasche Pape Clement 2017 kostet in der Subskription 85,50 Euro. Die Top-Bordeaux-Weine des aktuellen Jahrgangs laut dem Fachmagazin „Weinwisser“ finden Sie in der oberen Liste.

Subskription ist eine Besonderheit in der Weinwelt und typisch für teure Bordeaux-Weine. In der Sprache der Börsenwelt wäre es ein Terminkontrakt. Gezahlt wird jetzt, der Wein aber erst zwei Jahre später geliefert. Derzeit bieten die Châteaus den 2017er an. Wer kaufen will, muss sofort zahlen und erhält die Weine erst Anfang 2020.

Die Subskription war jahrelang eine Win-win-Situation für Winzer und Weinliebhaber. Die Weingüter kamen schneller an Geld, der etwas geringere Flaschenpreis beim Terminkontrakt war bei Weinfreunden beliebt - vor allem bei denjenigen, die mit dem späteren Verkauf ihrer Weine etwas Geld oder einen Teil ihrer Subskription verdienen wollten.

Doch dieses Szenario ist längst vorbei. „Ich kaufe Bordeaux-Weine während der Subskription, gehe also in Vorleistung, lagere die Flaschen und verdiene dann nach fünf bis sechs Jahren mit dem Verkauf 25 bis 30 Prozent, das ist nicht mehr realistisch“, meint Ron Freund von Winestocks. „Dafür sind die Preise ab Château mittlerweile zu hoch.“ Aus diesem Grund sieht er nur wenig Wachstumspotenzial beim Handel mit Bordeaux-Weinen.

Ein Blick auf die Indizes von Wine-Stocks anhand der weltweiten Auktionspreise bestätigt diese Ansicht: Das Auswahlbarometer der 50 wichtigsten Weine aus dieser französischen Region hat sich in den vergangenen zwei Jahren lediglich seitwärts bewegt. Auch der variable Index, bei dem nicht die Bewertung, sondern die meistgehandelten Weine stärker berücksichtigt werden, zeigt ein ähnliches Bild.

Eine andere Wertentwicklung weisen die Indizes anderer Weinregionen auf: Der Champagner-Index stieg in den vergangenen zwei Jahren um rund zehn Prozent, die Preise für die wichtigsten 50 Burgunder klettern in diesem Zeitraum um mehr als 20 Prozent.

„Im Burgund sind die Mengen begrenzter und es ist schwieriger, Weine von Meo Camuzet, René Engel, Domaine des Lambrays oder Romanée-Conti zu kopieren als eben einen klassischen Bordeaux der mittleren Kategorie“, erläutert Diplom-Sommelier Freund.

Unbestritten ist unter Experten aber: Bordeaux-Weine zählen, vor allem nach einigen Jahren Lagerung, sicherlich zu den besten Tropfen, die die Weinwelt zu bieten hat. „Andere Regionen holen aber stark auf“, meint der Index-Experte. „Wir haben in den vergangenen Monaten viele Rotweine aus Österreich, Neuseeland, Kalifornien, Oregon aber auch aus dem Priorat, Südafrika und sogar aus der Türkei getrunken. Alle aus den 90er-Jahren und alle haben noch ein enormes Alterungspotenzial.“

Der Umkehrschluss für Freund ist: Diese Weine werden zwangsläufig mehr nachgefragt – und damit auch im Preis nachziehen.

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