Rath checkt ein Citizen M London: Ist das Luxus, oder kann das weg?

Das Hotelkonzept Citizen M wirbt offen mit „Luxury for less“. Eigentlich ein Widerspruch in sich. Steht der Luxus im Mittelpunkt oder doch eher das „less“?
  • Carsten K. Rath
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LondonLondon ist für seine Wandlungsfähigkeit berühmt: Die britische Hauptstadt verändert sich so schnell, dass auch regelmäßigen Besuchern nie langweilig wird. Das gilt auch für die Hotelszene: Vom altehrwürdigen Grand Hotel bis zum Design-Palast, von traditionell bis durchdesignt gibt es in diesem Melting Pot alles, und von allem auch immer eine Mischung. Wenn es eine Stadt in Europa gibt, in der man den Wandel der Hotellerie am Puls der Zeit nachvollziehen kann, dann hier.

Die 2008 in Amsterdam gegründete Kette citizenM macht nach eigener Aussage das Unmögliche möglich. Die Erfinder – denn Hoteliers sind sie nicht – sprechen mit ihrem Konzept des „Luxury for less“ die Zielgruppe der „mobilen Weltbürger“ an. Bevor ich buche, gleiche ich meine kosmopolitische Qualifikation mit der Marketing-Checkliste ab: Eine smarte neue Gattung eines internationalen Reisenden soll ich sein und Kontinente überqueren wie andere die Straße.

Eroberer, Abenteurer, Träumer sind gesucht, mit einem großen Herzen und großen Augen. Unabhängig möge ich sein und affin für Business, Kunst oder Mode in der Stadt. Eine Affäre würde mich aber auch qualifizieren; Hauptsache, ich bin irgendwie cool unterwegs.

Wer sich in dieser Beschreibung wiederfindet, bekommt etwas ganz und gar Unerhörtes: „Luxury for less“ lautet das Versprechen. Tatsächlich könnte ich für den Zimmerpreis von ab 100 Euro im Savoy oder Ritz nicht mal eine Besenkammer bezahlen. Und das direkt am Tower of London? Eine Stimme in meinem Hinterkopf sagt: „You get what you pay for!“ Sie hallt aus den Tagen nach, als ich in London ein klassisches Luxushotel eröffnet habe.

Doch wer möchte nicht gern ein mobiler Weltbürger sein? Da ich hinter eigentlich alle Zielgruppen-Kriterien ein Häkchen machen kann, buche ich ein Zimmer. Bekomme ich hier tatsächlich das Beste aus beiden Welten, oder hat hier doch jemand der Queen billigen Süßstoff in den High Tea gemogelt? Wird die Stimme in meinem Kopf Recht behalten – oder hat sich nicht nur London, sondern auch die Hotellerie ganz einfach gewandelt?

Location

„Tower of London“ – die Adresse ist schwer zu toppen. Physisch trennt mich hier im Westen des historischen Bezirks City of London tatsächlich nur die Tower-Anlage von der Themse, der Tower Bridge und allen Touristenfallen, die dazugehören. Die U-Bahnstation Tower Hill liegt buchstäblich vor der Tür.

Direkt zwischen zwei Grünanlagen – Trinity Square Gardens und Tower Hill Garden – platziert, muss ich in Kauf nehmen, dass ich beim Verlassen des Hauses sofort in den Strom von Reisegruppen und Schulklassen eintauche, den die Lage mit sich bringt. Und meinen Kaffee trinke ich lieber im Hotel, denn bei Starbucks am Fuße der Tower Bridge ist die Schlange manchmal beinahe so lang wie am Ticketschalter des Towers.

Doch „Location, location, location“ ist heute eben nicht mehr alles. Als mobiler Weltbürger beame ich mich schließlich mühelos von A nach B. Wenn ein neues Hotelkonzept mich begeistern will, muss es mir mehr bieten als die Top-Lage, die ich in den etablierten Premium-Häusern der Stadt auch haben kann: Savoy, Claridges, Ritz.

Der große Unterschied: Im CitizenM bekomme ich sie schon für um die 100 Euro ohne Frühstück. Für etwa 15 Euro Aufpreis gibt es den Tower-Blick – das lohnt sich allemal.
Bis hierher hält das Versprechen also stand: den Luxus einer 1a-Lage für weniger, als manches 3-Sterne-Hotel in dieser Stadt kostet.

Ausstattung

Als ich mein Zimmer beziehe, wird allerdings schnell klar, wo hier gespart wurde: am Platz. Die Räume sind so beengt wie die Zellen in den Gewölben des Towers nebenan. In meinem rot-weiß dekorierten Kämmerlein fühle ich mich wie ein rosa Schweinchen in seiner Box.

14 Quadratmeter können erstaunlich klein sein, wenn man das Doppelbett und die Dusche mit hineindenkt. So beengt sind die Verhältnisse, dass nicht einmal mehr das Waschbecken in die Nasszelle gepasst hat. Deshalb wurde es kurzerhand in eine kleine Kommode direkt hinter der Eingangstür integriert.

Einerseits ist durch die effiziente Einrichtung jeder Quadratmeter sinnvoll genutzt. Der Hotelier in mir kann das nachvollziehen. Andererseits muss ich mit meinen 1,92 Meter die Badtür öffnen, um mich beim Duschen ohne blaue Flecken aus- oder wieder anzuziehen. Als Gast bin ich davon genervt.

Rein vom Raumangebot ausgehend kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ich in einem besonders schicken Budget-Hotel gelandet bin. Wo bleiben hier die Großzügigkeit, die Weitläufigkeit, die Dekadenz, die ich vom Etikett Luxus erwarte, dass der Betreiber sich auf der Webseite selbst aufklebt? Andererseits steht das Bett, aus dem das Zimmer letztlich im Wesentlichen besteht, in Größe und Qualität denen in mehrfach teureren Häusern in nichts nach.

Ein Upgrade, um meinem Weltbürger-Gepäck Platz zum Atmen zu geben, ist leider auch keine Option: Es gibt nur eine Zimmerkategorie. Auch auf einen Spa und ein Fitness-Studio muss ich verzichten – für viele 5-Sterne-Gäste dürfte allein das schon ein Ausschluss-Kriterium sein. Immerhin gibt es eine Kooperation mit dem Fitness-Studio nebenan, das ich als Gast nutzen kann.

Wer sich fragt, wo der ganze Platz hin ist, den die Grundfläche des Hotels suggeriert, findet seine Antwort in den öffentlichen Bereichen: Die Weltbürger der Marke Citizen M sollen sich offenbar nicht auf ihren Zimmern aufhalten, sondern zusammenkommen.

Der Lobby-Bereich ist ausladend und wirklich cool gestaltet: Eine riesige Bibliothek mit Design-Büchern umgibt einen großzügigen Aufenthalts- und Gastrobereich. Hier lümmeln sich die Hipster dieser Welt in den obligatorischen Vitra-Möbeln und trinken sich notfalls den mangelnden Komfort ihrer Zimmer schön.

Den Vergleich mit den „echten“ Luxushotels einmal außen vorgelassen, muss ich den Schöpfern von Citizen M allerdings lassen, dass ihr Konzept als Hotspot für die vernetzte Weltbürgerschaft aufgeht: Die Mission, die mobilen Weltbürger aus ihren Betten und von ihren Notebooks wegzulocken und in den öffentlichen Bereichen zusammenzubringen, gelingt offensichtlich, denn hier ist richtig was los.

In der ungezwungenen Atmosphäre der Lobby wird aus einem kurzen Abend zu zweit schnell mal ein langer Abend zu acht. Das ist nicht nur angenehm für einsame Vielreisende – es ist auch gut für den Umsatz.

Das herausstechende Merkmal der Ausstattung im Citizen M ist, dass sie käuflich ist. Und das meine ich wortwörtlich. Alle Produkte, die ich hier sehe, kann ich erwerben – von der Lampe über den Sessel bis hin zur Dekoration, denn die Kette kooperiert mit dem Möbelhersteller. Das kann man als innovativ empfinden oder als Ausverkauf des Erlebnisses Hotelaufenthalt. Mir jedenfalls gefällt es nicht, wenn mir an jedem Platz in einem Hotel gefühlt ein Preisschild unterm Hintern klebt.

Gastronomie

Im Gegensatz zum Hotelkonzept kann mich das integrierte Gastro-Konzept namens canteenM überzeugen: 24 Stunden am Tag ist für das leibliche Wohl gesorgt. Morgens gibt es frisches Gebäck, tagsüber leichte Lunches und abends schlicht-moderne Dinner – bei Bedarf auch in umgekehrter Reihenfolge. Beim Frühstück habe ich die Auswahl zwischen Continental und Full English, und für knapp 14 Pfund (17 Pfund ohne Vorausbuchung) ist immerhin auch der Kaffee vom Barista inklusive.

Die integrierte Bar führt ein Doppelleben: Tagsüber ganz den Bedürfnissen der notorisch Jetlag-geplagten koffeinsüchtigen Kontinentenknacker gewidmet, wird sie abends zur Cocktailbar. Das Getränke-Angebot ist üppig, die Preise vor allem für Londoner Verhältnisse fair.

Die Auswahl an Bar-Snacks ist weitaus umfangreicher als in den meisten Hotelbars: Von Salaten über anständiges Sushi und die obligatorischen englischen Sandwiches bis hin zu warmen englischen Klassikern ist alles verfügbar – außer einem Room Service.

Mit ersterem, der Verfügbarkeit, steht ein Grand Hotel, mit dem Fehlen von letzterem fällt es. I’m not amused. Andererseits hätte ich auf meinem Zimmer sowieso keinen Platz, um ohne Verrenkungen und Malheure zu speisen …

Im obersten Stockwerk findet sich eine weitere Bar, die exklusiv den Gästen vorbehalten ist: cloudM. Hinter der vollverglasten Hotelfassade sitze ich gefühlt auf dem Tower of London, als ich am Abend einen trockenen Martini schlürfe. Während letzterer geschüttelt ist, bin ich gerührt: Der Blick über die berühmtesten Gebäude der Stadt ist ohne Übertreibung spektakulär.

Mehr London sieht auch die Queen nicht, wenn sie aus dem Palastfenster über ihr Reich blickt. „Location, location, location“: Wer an diesen Claim noch glaubt, wird sich hier gut aufgehoben fühlen.

Service

Das Personal gleicht den Mangel an Optionen im Service durch maximale Flexibilität aus: Alle Mitarbeiter zeigen sich hochgradig gastorientiert. Ihr Job scheint multifunktional zu sein. Niemand weigert sich während meines Aufenthalts mir einen Gefallen zu tun, nur weil er nicht in seine Zuständigkeit fällt.

Im Gegensatz zu den etablierten Luxushotels in der City ist hier nicht jeder Schritt in einem Prozess festgehalten, der im Zweifel auch mal Vorrang vor dem Wunsch des Gasts hat. Stattdessen wird im Citizen M einfach flexibel auf Gastbedürfnisse reagiert.

Und das mit einem natürlichen, unverstellten Charme, der die Mitarbeiter zu einem echten USP macht. Hier treffe ich als Gast auf echte Charaktere – und zwar auf Augenhöhe. Junge, entspannte Kosmopoliten mögen diese Art von Gasterlebnis durchaus als luxuriöser empfinden als eine Eck-Badewanne aus Marmor.

Work&Meet

Mit seinem societyM-Konzept für mobiles Arbeiten stellt sich das Hotel angesichts seiner Work/Play-Zielgruppe auch in Konkurrenz zu anderen hippen Co-Working-Tempeln mit Übernachtungsmöglichkeit, wie dem Vorreiter SoHo House. Arbeiten soll hier vor allem Spaß machen: Neben gemütlichen und schicken Oasen für kreative Meetings (Designer-Sessel auf Kuhfell) gibt es im 7. und 8. Stockwerk des Hauses auch ausreichend ausgestattete Konferenzräume in unterschiedlichen Größen.

Wer sich für eine Mitgliedschaft bei societyM entscheidet und einen Konferenzraum mietet, darf sich vor allem aufgrund des atemberaubenden Ausblicks über die City exklusiv fühlen. Ansonsten unterscheidet sich das Paket nicht nennenswert von vergleichbaren Angeboten: Audiovisuelles Equipment, WiFi, beschreibbare Kreidetafel-Wände, Whiteboards und Schreibutensilien sowie Nespresso und Wasser sind inklusive – doch das sind sie auch anderswo.

Digitalnomaden, die gern unter ihresgleichen sind, werden sich gewiss wohlfühlen. Doch die zwangs-hippen, durchdesignten Co-Working-Konzepte sind inzwischen derart verbreitet, dass an ihrer Exklusivität gezweifelt werden darf; hier beschränkt sich der Originalitäts-Faktor des Citizen M letztlich auf die Lage.

Fazit: Eine neue Form von Luxus

„Luxury for less“ ist ein verlockender Claim. Ob er zutrifft, ist eine Frage der Betrachtungsweise. Merkt man dem Citizen M Tower of London an, dass es nicht von Hoteliers erdacht wurde? Ja, denn sowohl das Zimmer als auch Ausstattung und Service-Angebot wurden gemessen an „echten“ Luxushotels durchaus drastisch reduziert. Nur die Lage ist wahrhaft royal. Doch wer unter Luxus ein Höchstmaß an Flexibilität versteht, gern unter Menschen ist und modernes, funktionales Design traditionellem Schick vorzieht, kann hier für vergleichsweise wenig Geld am Puls der City glücklich werden.

„You get what you pay for?“ In gewissem Sinne stimmt das. Doch mit der neuen Gästegeneration der digitalen Weltenbummler mag sich auch das Verständnis von Luxus wandeln. Und in dieser Hinsicht spielt das Citizen M einige zentrale Themen der Hotellerie in interessanten neuen Variationen.

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