Kronprinz Mohammed bin Salman

Mohammed bin Salman, der bald Nachfolger seines Vaters, des 82-jährigen Königs Salman, werden soll, will die Vormacht der sunnitischen Moslems in ein neues Zeitalter führen.

(Foto: Reuters)

Vision 2030 in Saudi-Arabien Kultur statt Öl – der saudische Kronprinz überrascht mit gigantischen Investments

64 Milliarden Dollar für Kinos und Opernhäuser: Das erzkonservative saudische Königreich will seinen Weg in die Moderne bauen.
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Berlin/RiadEs war der Tag, an dem in Riad ein Multi-Milliarden-Projekt zum Aufbau einer Entertainment-Industrie verkündet wurde, als in einem Kiez-Kino in Kreuzberg ein bemerkenswerter saudischer Film Weltpremiere feierte. Und der Titel steht genauso für den Inhalt des Streifens wie für die Vorgänge im Königreich zwischen Rotem Meer und Golf: „A Silent Revolution“.

In dem von den beiden Filmemacherinnen Danya Alhamrani und Dania Nassief produzierten bemerkenswerten Werk berichten 60 saudische Frauen über den Kampf um Bildung, Einfluss in Politik, die ersten Wahlen in den Vorstand einer Handelskammer, um ihre Teilnahme bei Olympia oder das Recht, als saudische Frau den Mount Everest zu besteigen.

Wer die Bilder am Donnerstagabend sieht, die mit Hilfe der Initiative „Filme ohne Grenzen“ in Berlin Premiere hatte, versteht, wie gigantisch der Wandel im bisher von erzkonservativen wahhabitischen Moslems beherrschten Wüstenstaat ist. Ganz und gar nicht „silent“, diese Revolution in Saudi-Arabien.

Nur wenige Stunden zuvor war in der saudischen Hauptstadt Riad der nächste Schritt dieser Revolution verkündet worden: Der Chef der General Entertainment Authority (GEA), Ahmad bin Aqeel Al-Khatib, gab 64 Milliarden Dollar Investments zum Aufbau einer Unterhaltungsindustrie im Königreich bekannt. Dazu sollen bereits im kommenden Monat im wichtigsten Petrostaat der Welt das erste Kino seit fast 40 Jahren eröffnet werden.

Ein erstes Opernhaus in der Hafenstadt Dschidda – wo seit zwei Jahrzehnten Musik aus der Öffentlichkeit verbannt war ¬ wird folgen. Amüsierparks, Konzertsäle und allein 5000 Festivals und Kulturveranstaltungen sind geplant in diesem Jahr.

GEA-Chef Al-Khatib rechnet in den nächsten Jahren mit vier Milliarden Dollar Einnahmen jährlich und sogar fast zehn Milliarden Dollar im Jahr 2030 für die neue saudische Unterhaltungsindustrie. Und das Jahr ist Ziel: Vision 2030 – so ist der gewaltige Umbauplan des jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman betitelt, mit dem er sein Land aus der Falle der Ölabhängigkeit führen will.

Bisher ist Saudi-Arabien der weltgrößte Ölexporteur und steht mit dem Verkauf von zehn Prozent des Ölgiganten Saudi Aramco in der zweiten Jahreshälfte vor dem global bedeutendsten Börsengang aller Zeiten (mit geplanten 100 Milliarden Dollar Erlösen). Damit ist das Königreich, in dem 70 Prozent der Menschen unter 30 Jahren alt sind und die Jugendarbeitslosigkeit bei gut einem Drittel liegt, zu anfällig von Ölpreisschwankungen.

Diese reichten in den letzten Jahren von 110 bis 20 Dollar je Fass (a 159 Litern). Nun will MbS, wie der Kronprinz gerade von der Jugend seines Landes genannt wird, sein Land fit machen für die Zeit nach dem Öl. Und dafür massiv in andere Sektoren investieren.

„Der Wandel ist absolut nötig, Saudi-Arabien muss sich diversifizieren“, meint Sebastian Sons, Deutschlands bester Saudi-Arabien-Experte. Das Land habe seit langem dringend eine Diversifizierungsstrategie gebraucht, wie sie MbS jetzt verfolge.

Auch die gigantischen Investitionen in den Aufbau einer Unterhaltungsindustrie seien richtig, sagt der Wissenschaftler von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Dies ziehe dringend nötige Auslandsinvestitionen an und bringe die Saudis dazu, ihr Geld im Land selbst auszugeben, statt für Kinobesuche ins benachbarte Bahrain oder für Konzerte nach Dubai zu fliegen.

„Zum Filmegucken müssen wir bald nicht mehr ins Ausland reisen“, meint auch Filmemacherin Danya Alhamrani. Sie hofft auch für ihre Zunft nun auf schnellen Wandel: Den gerade in Berlin vorgestellten Film „A Silent Revolution“ habe sie sechs Jahre machen müssen, da Geld dafür immer nur beim Drehen von Werbeclips für die Industrie abfiel.

Das dürfte nun anders werden, wie eben auch die Rolle der Frauen in ihrer Heimat: „Westliche Medien haben ein völlig falsches Bild über Frauen in Saudi-Arabien, ihnen geht es immer nur um Fahrverbot für Frauen und den Schleier“, kritisiert die engagierte Filmproduzentin.

Von Juni an dürfen Frauen im Königreich am Roten Meer selbst Autofahren und viele der Frauen in ihrem Streifen traten sogar ohne Kopftuch vor die Kamera. Die Haltung der saudischen Männer dazu sei ambivalent: „Viele Männer sind nur dagegen, dass ihre Frauen allein auf die Straße gehen, in Shopping Malls oder zum Friseur gehen, weil sie sie bisher dann fahren müssen. Sie sind sehr dafür, dass Frauen bald selbst das Auto lenken dürfen.“

Doch es geht um mehr: „Ohne Frauen wird der Wandel in Saudi-Arabien der Wandel nicht möglich“, sagt der Autor des famosen Saudi-Arabien-Buches „Auf Sand gebaut“. Sons, der vor der DGAP wissenschaftlicher Abteilungsleiter beim Deutschen Orient-Institut in Berlin war, warnt aber auch: „MbS erzeugt viele Hoffnungen und Erwartungen – nun muss er liefern.“

Zurück in die Zukunft – so hieß eine berühmte Film-Trilogie mit Zeitmaschine, in der der Jugendlichen Marty McFly (Michael J. Fox) und sein Freund Dr. Emmett L. „Doc“ Brown (Christopher Lloyd) zwischen den Jahren 1885 und 2015 hin und herreisten.

Es ist ein wenig wie im heutigen Saudi-Arabien: Dort katapultiert der Kronprinz das Land der heiligen islamischen Stätten Mekka und Medina aus der gefühlten Steinzeit in die Moderne. Und es geht ihm nicht nur um das Weg vom Öl, die Diversifizierung, und die gesellschaftliche Einbeziehung von Frauen.

Sein Ansatz ist größer, entscheidend für den dringend nötigen Wandel im Mittleren Osten, für das Ende islamistischen Terrors: Mohammed bin Salman, der bald Nachfolger seines Vaters, des 82-jährigen Königs Salman, werden soll, will die Vormacht der sunnitischen Moslems in ein neues Zeitalter führen: In einen „modernen Islam“, wie MbS verkündet hat.

Back to the future – als Islam und Mittlerer Osten Horte von Modernität, Wissenschaft und Fortschritt waren. Jetzt geht es immerhin erst einmal um Kinos, Opernhäuser, Abenteuerparks…

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1 Kommentar zu "Vision 2030 in Saudi-Arabien: Kultur statt Öl – der saudische Kronprinz überrascht mit gigantischen Investments"

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  • Mohammed bin Salman scheint sich an zwei Herrschern aus dem Zeitalter der Aufklärung zu orientieren: August dem Starken und Peter dem Großen.
    August der Starke sammelte Kunst und Künstler, baute aufwändig, hatte noch Energie für die Damenwelt und Großmachtambitionen. Peter der Große unterwarf den Adel in Russland, pflegte die Wissenschaften, rüstete auf und bereitete Russland auf eine Rolle als geopolitische Großmacht vor. Dazu war Peter der Große bereit, sozialen Wandel in Russland zu erzwingen. Außerdem baute er ein merkantilistisches Wirtschaftssystem auf. Das passt gut zu der Art wirtschaftlicher Reformen, die Mohammed bin Salman anstrebt. Für August den Starken und Peter den Großen waren der Einsatz von tödlicher Gewalt ein völlig legitimes Mittel der Machtausübung. Der Politikstil von Mohammed bin Salman passt sehr gut ins Europa des frühen 18. Jahrhunderts.

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