Marc Limpach

Er war Jurist in der Finanzbrache, die er nun als Schauspieler darstellt.

(Foto: Jens Koch)

ZDF-Serie „Bad Banks“ „Man ist der Coole, wenn man die Nacht durcharbeitet und unrasiert am Platz sitzt“

Marc Limpach arbeitete als Jurist in der Finanzbranche und spielt nun einen Investmentbanker in „Bad Banks“. Ein Gespräch über Gier und Exzesse.
Update: 03.03.2018 - 17:30 Uhr Kommentieren

Ein rasanter Krimi über die Leistungsgesellschaft in hochkonzentrierter Form, den Rausch des Risikos – und die menschlichen Abgründe, die sich im permanenten Wettlauf mit der Deadline auftun: „Bad Banks“ heißt die Fernsehserie von Regisseur Christian Schwochow, deren Premiere bei der Berlinale großes Aufsehen erregte und die in der schillernden Finanzwelt zwischen Frankfurt, London und Luxemburg spielt. Protagonistin ist die junge Investmentbankerin Jana, gespielt von Paula Beer, die sich von einem Talent in der zweiten Reihe zur Karrierefrau mit Killerinstinkt entwickelt.

Janas Kollege und Gegenpart im ersten Teil ist Luc, gespielt von Marc Limpach. Mehrere Jahre arbeitete der international ausgebildete und polyglotte Jurist für eine jener großen Kanzleien, deren Business die Finanzindustrie ist. Mit „All Nightern“, also durchgearbeiteten Nächten, und dem Zeitdruck vor dem nächsten Deal kennt er sich also auch im echten Leben aus. Die Serie läuft an diesem Wochenende im Abendprogramm im ZDF und zog über die Mediathek bereits mehr als 1,3 Millionen Zuschauer an.

Herr Limpach, Investmentbanking hat in Deutschland ein ziemlich mieses Image. Banker gelten als kalt, gierig, emotionslos. Was hat für Sie den Reiz ausgemacht, einen solchen Typen zu spielen?
Den Reiz hat zunächst die Person Christian Schwochow ausgemacht. Ich hatte mir Arbeiten von ihm angesehen und wusste ganz schnell, dass ich gern mit ihm arbeiten würde. Christian hat das Thema auch nicht wie einem beliebigen Serienstoff behandelt: Er hatte ausgiebig recherchiert, sich in diesem Thema verbissen, sich wirklich interessiert. Wir haben ja in den Jahren 2009 bis 2012 auf der Theaterbühne oder im Fernsehen doch recht oft Schauspieler in schlecht sitzendenden Anzügen und mit billigen Krawatten bei eher misslungenen Versuchen gesehen, Investmentbanker darzustellen. Deshalb war es toll zu sehen, wie Regisseur Christian Schwochow und der „head writer“ Oliver Kienle darangegangen sind.

Ähnlich wie im Blockbuster „Wolf of Wallstreet“ geht es um die Exzesse in der Finanzindustrie. Quelle: Sammy Hart/Letterbox
Szene aus „Bad Banks“

Ähnlich wie im Blockbuster „Wolf of Wallstreet“ geht es um die Exzesse in der Finanzindustrie.

(Foto: Sammy Hart/Letterbox)

Christian Schwochow hat erzählt: Das Drehbuch mit seinen ganzen Finanzbegriffen sei ihm anfangs wie „ein Buch mit sieben Siegeln“ erschienen. Sie sind auch Jurist, haben bereits einige Jahre für eine internationale Anwaltskanzlei und im Bereich des Finanzaufsichtsrechts gearbeitet. Konnten Sie der Regie da noch Recherchetipps geben?
Die Recherche war vorgelagert, um die Drehbücher zu schreiben. Aber natürlich haben wir uns unterhalten. Ich war zwar nie Investmentbanker, habe aber tatsächlich einige Jahre in einer „Magic Circle Law Firm“ gearbeitet – so nennt man die fünf größten Anwaltskanzleien Londons. Insofern sind es für mich keine Fremdwörter, wenn von der „legal opinion“ beim „closing“ die Rede ist. Ich habe auch einiges von der Kultur in dieser Welt mitbekommen.

Wie gut hat „Bad Banks“ diese Kultur denn getroffen?
Gerade in den persönlichen Geschichten der Protagonisten sind gelungen. Was dieses Business mit ihnen macht, wie sie mit dem Risiko und der Verantwortung umgehen. Was das für ein Lebensstil ist, wenn man immer kurz vor dem nächsten Deal steht. Oder der Umgang mit dem Konkurrenzkampf, auch innerhalb einer Bank. Das kenne ich genauso aus den Magic Circle Law Firms. Man ist der Coole, wenn man da abends am längsten sitzt, oder noch besser: wenn man einen „All Nighter“ gemacht, also die Nacht durchgearbeitet hat, nicht mal im Hotel war und morgens unrasiert am Platz sitzt. Man denkt dann auch unwillkürlich an die Analysen des Soziologen Richard Sennet über die Auswirkungen des „Neuen Kapitalismus“ auf die Struktur großer Unternehmen und auf die Anforderungen an die einzelnen Arbeitskräfte.

Waren Sie auch so ein Typ?
Ja, ich habe das damals auch öfter mitgemacht. Es gab übrigens nachher auch Investmentbanker am Set, die den Schauspielern Tipps gegeben haben. Die wurden dann zum Beispiel gefragt, wie da Trading konkret abläuft. Wie laut schreit man? Oder schreit man eben nicht? Dadurch wurde das sehr authentisch.

Viele denken bei einer Serie über Finanzprofis wohl eher: Oje, das ist aber öde und dröge.
Bad Banks ist so spannend und rasant wie ein Formel-1-Rennen. Weil auch das Banking so ist – manchmal übrigens auch genauso umweltschädlich. Aber vor allem ist es ein Leben unter gewaltigem Zeitdruck: Das nächste Closing ist in 48 Stunden, bis dahin müssen diese Dokumente fertiggestellt, jene Papiere unterzeichnet sein. Man muss vielleicht noch mal etwas neu berechnet, weil sich die Zahlen geändert haben. Das hat Christian in bester Erzählmanier, die das Gesellschaftliche mit dem Persönlichen verknüpft, umgesetzt.

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Wie ist das gelungen?
Unter anderem dadurch, dass die Schauspieler große Freiheiten für ihr Spiel und die Entwicklung ihrer Figur hatten. Diesen Freiraum liebe ich am Theater, aber das hat man beim Film nicht immer so. Was ich übrigens auch sehr gelungen in der Darstellung finde: diese Entscheidungen, die jeder ganz persönlich treffen muss.

Wie meinen Sie das?
Vielleicht eine Anekdote: Ich habe unter anderem Jura in Cambridge studiert und war damals mit einem Kumpel, der dort seinen Post Doc in theoretischer Physik bei Stephen Hawking gemacht hat, bei einem Recruiting-Event von Goldman Sachs eingeladen. Da spritzte der Champagner in Fontänen. Der Kommilitone von damals ist heute Assistant Professor an der Universität und verdient vielleicht ein Zwanzigstel dessen, was er im Investmentbanking verdienen würde. Er hat sich für den vielleicht „ehrenwerteren“ Job entschieden. Dabei ist das Banking spannend und verlockend – gerade für Menschen wie die Hauptfigur Jana in „Bad Banks“, die aus eher bescheidenen Verhältnissen kommt, aber sehr intelligent und vor allem auch zahlenbegabt ist.

Der Job hat zu Unrecht so ein schlechtes Image?
Es kommt vor, dass sich die Leute zu sehr auf den einen Deal konzentrieren, den Blick zu sehr verengen. Niemand überblickt das Ganze oder fühlt sich verantwortlich dafür. Das hat dann zuweilen Konsequenzen, die die Branche in Verruf gebracht haben. Aber manche Menschen sind in ihrer Kritik zu oberflächlich, zitieren einfach Bertolt Brecht: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Dieses Zitat ist zwar witzig, greift als Analyse aber zu kurz.

So einfach ist es nicht?
Banken haben eine wichtige Rolle in der Gesellschaft und für die Wirtschaft, wir brauchen sie.

Welche Rolle ist das?
Banken sind zuallererst Dienstleister. Die einfache Grundidee ist zum Beispiel: Ein junger Mensch möchte ein Haus bauen, hat aber noch kein Geld, was er erst später verdienen wird – also gibt es Banken. Sie haben eine Rolle, damit Gesellschaft und Realwirtschaft funktionieren können. Man kann die heute vorherrschende Rolle dieses eigentlichen Dienstleisters im Finanzkapitalismus hinterfragen, die Funktionalität des Wirtschaftskreislaufes – und man kann sich fragen, ob wir nicht auch längst in einer Marktgesellschaft leben, die von Wettbewerbsprinzipien durchdrungen ist. Deshalb wird in den USA gerade wieder viel über die Ideen des Wirtschaftshistorikers Karl Polanyi debattiert und die Frage, ob wir nicht auch Gesellschaftsbereiche benötigen, die nicht dem Marktgesetz unterliegen.

Haben Theater und Film diese Rolle bislang nicht ausreichend hinterfragt?
Wir sind damit noch lange nicht fertig! Natürlich war die Finanzkrise ein komplexer, multikausaler Prozess, und es ist schwierig, das öffentlich tiefgründing aufzuarbeiten. Aber die Menschen spüren ja immer noch die Konsequenzen: zum Beispiel in südeuropäischen Ländern, wo 30, 40 Prozent der Jugendlichen arbeitslos sind. Es ist auch wichtig, weiterhin die Frage der Verantwortung zu stellen: Banking hat viel mit Risiko zu tun, aber auch mit Verantwortung. Wer trägt den Profit des Risikos? Und wer trägt am Ende die Verantwortung? Die Menschen mögen die Finanzkrise nicht im Detail verfolgt und verstanden haben, aber sie spüren: Hier haben nicht die richtigen Personen die letztendliche Verantwortung übernehmen müssen.

Sie haben Ihren früheren Kommilitonen erwähnt, der sich damals gegen den Millionenjob entschieden hat. Wie ist das denn bei Ihnen? Sie verdienen als Schauspieler sicherlich auch weniger als im Beruf des Anwalts.
Ich bin immer noch juristisch tätig. Aber da geht es nicht ums Geld, sondern vielmehr darum, erworbene Kenntnisse anzuwenden. Das alles verlangt eine gute Terminplanung – aber das ist jetzt das Nähkästchen.

Die Schauspielerinnen Paula Beer (v. l.) und Désirée Nosbusch, die in „Bad Banks“ Frauen mit unbändigem Ehrgeiz und Killerinstinkt darstellen, feiern mit Regisseur Christian Schwochow. Quelle: dpa
„Bad Banks“ bei der Berlinale

Die Schauspielerinnen Paula Beer (v. l.) und Désirée Nosbusch, die in „Bad Banks“ Frauen mit unbändigem Ehrgeiz und Killerinstinkt darstellen, feiern mit Regisseur Christian Schwochow.

(Foto: dpa)

Sie arbeiten auch als Schriftsteller und Historiker. Ist das der Ausgleich für den Beruf in Anzug und Krawatte?
Ich dachte lange, ich müsste mich entscheiden. Aber das passt eigentlich sehr gut zusammen!

Das müssen Sie erklären.
Ich hatte schon immer dieses grundlegende gesellschaftliche Interesse, habe bereits als Jugendlicher unheimlich gern Theater gespielt. Ich habe aber auch immer gesagt: Ich möchte noch etwas anderes sehen und lernen, habe dann zunächst Jura studiert. Ich habe darüber auch mal mit dem Regisseur Peter Palitzsch gesprochen, der ja noch mit Brecht gearbeitet hatte, und der meinte: „Das ist doch wunderbar, wenn man diese beiden Leidenschaften zur gegenseitigen Befruchtung verbinden kann.“ Theater kann ja die Welt leider nicht verändern, aber es kann zumindest mehrere Perspektiven öffnen, so auch eine Serie wie „Bad Banks“. Und so ist es jetzt bei mir: Ich habe die Chance, das Gesellschaftliche mit der Kunst zu verbinden. Dabei gilt natürlich grundsätzlich für alle Menschen: Wichtig ist es, nicht in seiner Blase gefangen zu sein.
Herr Limpach, vielen Dank für das Interview.

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