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Debatte um Impfpflicht Wie eine mögliche Impfpflicht die Gesellschaften Europas spaltet

Anreize, Sanktionen – oder eben die Impfpflicht? Die Mitgliedstaaten der EU gehen völlig unterschiedliche Wege, um die Impfquoten nach oben zu bringen. Die Strategien im Überblick.
07.12.2021 - 01:00 Uhr Kommentieren
Coronapandemie: Impfpflicht - Wie Europa die Debatte führt Quelle: imago images/photonews.at
Österreich

In der Wiener Innenstadt finden Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen statt. Hier ist die Impfflicht bereits beschlossene Sache.

(Foto: imago images/photonews.at)

Wien/Brüssel/Paris/Rom/Athen/Berlin Fackelmärsche in Sachsen, Massenproteste in Österreich, Gewaltausbrüche in Belgien und den Niederlanden – kein Thema spaltet die europäischen Gesellschaften so wie die mögliche Einführung einer allgemeinen Impfpflicht. Österreich ist das einzige Land, welches eine allgemeine Impfpflicht beschlossen hat. Deutschland könnte folgen, in Ländern wie Frankreich oder Italien gibt es nur eine Impfpflicht für Angestellte im Gesundheitssektor.

Auffällig in Deutschland: Ob FDP-Chef Christian Lindner, der angehende Kanzler Olaf Scholz, die geschäftsführende Kanzlerin Angela Merkel oder ihr Gesundheitsminister Jens Spahn – Deutschland ist das einzige große EU-Land, in dem fast die gesamte politische Führungsriege eine allgemeine Impfpflicht kategorisch ausgeschlossen hat. Entsprechend groß ist die Entrüstung, dass sich jetzt eine anbahnen könnte.

Fakt ist: Es gibt nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch in Europa insgesamt eine auffällige Korrelation zwischen Impfquoten und Entwicklung der Inzidenzzahlen – und die Impfquoten divergieren stark auf dem Kontinent. 

In Spanien sind mehr als 80, in Portugal sogar fast 89 Prozent der Gesamtbevölkerung geimpft – Kinder also mitgezählt. Beide Länder haben schwere Coronawellen hinter sich gebracht, die sie nur mit besonders harten Lockdown-Maßnahmen brechen konnten. Das könnte die Impfbereitschaft erhöht haben. Und in beiden Ländern belasten die Coronapatienten die Intensivstationen derzeit deutlich weniger als in vorangegangenen Wellen.

In anderen Ländern ist die Impfkampagne zu früh zum Erliegen gekommen. Betrachtet man nur Westeuropa, dann haben die deutschsprachigen Länder Deutschland, Österreich und Schweiz mit jeweils rund 70 Prozent den schlechtesten Impfschutz. Das reicht nicht, um bei einer neuen Welle die Krankenhäuser nicht zu überlasten. In allen drei Ländern steigt die Zahl der Todesfälle gerade steil an, und in allen drei Ländern wird die Zahl der Intensivpatienten die bisherigen Höchstwerte wohl übersteigen.

Unter dem Eindruck von steigenden Fallzahlen und härteren Maßnahmen ließen sich in Österreich innerhalb der letzten acht Wochen noch einmal sechs Prozent der Bevölkerung zum ersten Mal impfen. In Deutschland waren es bisher nur drei Prozent, in der Schweiz noch etwas weniger.

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In wieder anderen Ländern, insbesondere in Osteuropa, hat die Impfkampagne nie richtig Fahrt aufgenommen. In sechs der 27 EU-Staaten, zum Beispiel in Polen, liegt die Impfquote unter 60 Prozent. Den wenigsten Schutz gibt es in Bulgarien und Rumänien. In beiden Ländern sind im November so viele Menschen pro Tag an oder mit Corona gestorben wie nie zuvor.

Österreich: Strafen für Impfverweigerer von bis zu 3600 Euro möglich

Österreich ist angesichts stark steigender Inzidenzzahlen vorgeprescht und will als erstes Land der EU eine allgemeine Impfpflicht einführen. Die Entscheidung  fiel bereits  am 19. November – gleichzeitig mit der Ankündigung des vierten Lockdowns in dieser Pandemie. Der damalige Bundeskanzler Alexander Schallenberg und seine Minister wollten den scheinbar ewigen Zyklus zwischen Lockdown, Lockerungen und Wiederanstieg der Inzidenzzahlen ein Ende bereiten. Zu groß sind die wirtschaftlichen Schäden dieser wiederkehrenden Ausgangsbeschränkungen – zumal sie wetterbedingt vor allem in die Wintersaison fallen, in der das für Österreich so wichtige Wintersportgeschäft läuft.

Zu Beginn dieser Woche kursiert nun ein erster Verordnungsentwurf zur Impfpflicht. Demnach wird das Gesundheitsministerium alle Ungeimpften dazu auffordern, sich die drei Stiche setzen zu lassen. Wer sich weigert, muss alle drei Monate eine Buße von 600 Euro bezahlen. Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt, muss eine Strafe von maximal 3600 Euro zahlen.

Die Einnahmen daraus sollen den Krankenhäusern zugutekommen. Voraussichtlich wird die Impfpflicht ab dem 1. Februar gelten. Laut Aussagen der Verfassungsministerin Karoline Edtstadler endet die Impfpflicht, wenn die Pandemie vorbei ist. Diese Einschätzung dürfte dann wohl von der Weltgesundheitsorganisation WHO kommen.

Die Bußgelder sind beachtlich: Eine dreiköpfige Familie von hartgesottenen Impfgegnern würde pro Jahr immerhin mit 7200 Euro bestraft. Das letzte Wort ist allerdings noch nicht gesprochen, bei der Verordnung handelt es sich wie gesagt um einen Entwurf.

Die sich abzeichnende Impfpflicht hat in Österreich zu großen Protesten geführt. An zwei Samstagen nahmen in Wien jeweils rund 40.000 Personen an Demonstrationen teil. Zu kleineren Protestmärschen kam es auch in anderen Städten. Bisher verliefen die Demonstrationen weitgehend friedlich.
 

Allerdings hat die bevorstehende Impfpflicht auch nicht dazu geführt, dass die Österreicher in Massen in die Impfzentren strömen würden. Die Ankündigung der 2G-Regel Anfang November sorgte zwar für einen Anstieg der Erstimpfungen. Mittlerweile geht deren Zahl aber bereits wieder zurück.

Stark zugenommen hat dagegen die Zahl der Booster-Impfungen. Sie liegt pro Tag fast zehnmal so hoch wie die der Erstimpfungen. Derzeit liegt die Impfquote in Österreich bei rund 67 Prozent.

Frankreich: Die Zahl der Impfgegner verringert sich

Bereits seit September gibt es in Frankreich eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen wie Pflegeberufe. Insgesamt hat sich die Zahl der Impfgegner verringert, seit Ende Juli der Gesundheitspass eingeführt wurde. Wer sich nicht an die Regelung hält, kann ohne Gehalt freigestellt werden.

Vor Kurzem wurden die Bedingungen für Nichtgeimpfte noch weiter verschärft. Tests sind nicht mehr 72, sondern nur noch 24 Stunden gültig. Seit Oktober sind sie zudem kostenpflichtig.

Eine generelle explizite Impfpflicht aber wird derzeit nicht diskutiert.

Denn die jetzigen Bedingungen sind eine Art Impfpflicht durch die Hintertür. „Wir setzen auf Anreize, wir haben Maßnahmen, die sehr stark motivieren, wie den Gesundheitspass“, sagte Gesundheitsminister Oliver Véran. Die Impfpflicht sei nicht Frankreichs Wahl, es gehe eher darum, sanften Druck auszuüben.

In Frankreich haben nach Angaben der Gesundheitsbehörde inzwischen 77,5 Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens eine Impfung gegen Covid-1 erhalten. Mehr als 70 Prozent sind vollständig geimpft. Über 90 Prozent der Bevölkerung über zwölf Jahren hat schon mindestens die erste Impfung erhalten. Seit einigen Tagen gibt es wieder rund 30.000 Erstimpfungen pro Tag.

In Frankreich wäre es juristisch durchaus möglich, die Impfpflicht mit einem Gesetz einzuführen, es könnte aber sein, dass der Verfassungsrat angerufen wird. Experten sind der Ansicht, dass dieser zustimmen würde, weil dies in der Gesundheitskrise für die Gesamtbevölkerung wichtig ist.

Die Regierung ist der Überzeugung, dass eine allgemeine Impfpflicht in der Praxis, vor allem was die Kontrolle und mögliche Sanktionen angeht, Probleme mit sich brächte. Véran erklärte dazu im Ministerrat: „Wer von Pflicht spricht, spricht auch von Kontrolle und Sanktion.“ Bei Kindern sei es leicht: Ohne vorgeschriebene Impfungen dürften sie nicht in Krippen und Schulen aufgenommen werden. „Aber bei Erwachsenen ist es schwieriger“, so Véran. Unmöglich aber, so betont der Minister, sei das nicht.

Laut einer Ifop-Umfrage vor einigen Tagen sind 68 Prozent der Franzosen für eine allgemeine Impfpflicht. Vor allem die älteren Franzosen sind dafür, aber nur 50 Prozent der 25- bis 35-Jährigen. Doch es ist unwahrscheinlich, dass Präsident Emmanuel Macron so kurz vor den Präsidentschaftswahlen im April das Risiko einer Impfpflicht eingeht. Das könnte zu Demonstrationen von Impfgegnern führen, was er aus Imagegründen vermeiden will. 

Belgien: Erneut Massenproteste wegen einer Teilimpfpflicht erwartet

In Belgien hat schon die Ankündigung einer Impfpflicht für Personal in der Pflege gewaltige Konflikte und Proteste ausgelöst. Die Gewerkschaften haben für den 7. Dezember weitere Protestaktionen angekündigt. Auch Streiks sind im Gespräch, obwohl die Krankenhäuser schon an ihrer Belastungsgrenze arbeiten.

Während die Arbeitnehmer sich also wehren, verlangen die Arbeitgeber noch eine Ausweitung. Bisher sind zum Beispiel Ärzte und Krankenpfleger, Zahnärzte, Apotheker, Therapeuten, Hebammen und Homöopathen betroffen. Die Betreiber von Pflegeheimen und Pflegediensten wünschen sich, dass auch Sozialassistenten, Haushaltshilfen, die zu pflegebedürftigen Personen nach Hause kommen, Animateure in Pflegeeinrichtungen und andere erfasst werden.

40.000 Menschen bei Corona-Demo in Wien

Eine allgemeine Impfpflicht hatte unter anderem der Ministerpräsident der Hauptstadtregion Brüssel vorgeschlagen. In Brüssel sind bisher besonders wenige Menschen geimpft.

In einer Umfrage von Anfang Oktober sprachen sich etwas mehr als die Hälfte der Manager in kleinen und mittleren Unternehmen für eine Impfpflicht am Arbeitsplatz aus.

Italien: Die Impfpflicht ist trotz erfolgreicher Impfkampagne nicht vom Tisch

Italiens Premier Mario Draghi und sein Gesundheitsminister schlossen im Gegensatz zu Deutschland eine allgemeine Impfpflicht nie aus. Und so schwebt sie als Drohung über Italien, sollte die Impfkampagne zu schleppend verlaufen. Bislang ist das aber nicht der Fall: 73 Prozent der Gesamtbevölkerung und 85 Prozent der über Zwölfjährigen sind vollständig geimpft, mehr als 8,5 Millionen Menschen schon geboostert.

Zwar gibt es noch immer 7,4 Millionen Ungeimpfte im Land, aber die Gruppe schrumpft um ungefähr 30.000 pro Tag. Im Gesundheitssektor gilt schon seit April eine Impfpflicht, ab 15. Dezember ist auch der Booster für Ärzte und Pfleger verpflichtend. Ab dann gilt die Impfpflicht obendrein fürs gesamte Schulpersonal, die Polizei und das Militär.

Zwar verschlechtert sich auch in Italien die Infektionslage zunehmend: Die Inzidenz lag am Montag bei rund 168 – so hoch war sie zuletzt im April. Trotzdem wird die Regierung erst mal abwarten, wie sich die neu eingeführte 2G-Regel auswirkt. Seit diesem Montag ist das Leben von Ungeimpften drastisch eingeschränkt: Sie dürfen weder ins Kino noch ins Stadion, noch in Innenräume von Restaurants. Die bislang in vielen Bereichen geltende 3G-Regel gilt fortan auch für den öffentlichen Nahverkehr oder das Übernachten in Hotels.

Die neuen Regelungen laufen vorerst bis Mitte Januar. Liegt die Impfquote bis dahin nicht über 90 Prozent oder gibt es zu wenige Booster-Impfungen, könnte als nächster Schritt eine Impfpflicht ab 60 Jahren auf den Tisch kommen. Draghi soll sich mittlerweile offen zeigen für dieses Modell aus Griechenland.

Griechenland: Impfpflicht für die Älteren

Noch sechs Wochen haben die griechischen Seniorinnen und Senioren Zeit, dann wird es teuer. Bis zum 16. Januar müssen sie zumindest einen Impftermin nachweisen, sonst bekommen sie einen Zahlungsbescheid vom Finanzamt. Allen Ungeimpften über 60 drohen dann 100 Euro Bußgeld – Monat für Monat. „Ich würde es nicht eine Strafe nennen, sondern eine Gesundheitsabgabe“, sagte Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis, als er die neue Maßnahme vergangenen Dienstag verkündete. Die Bußgelder sollen vom Fiskus eingetrieben werden und in einen Sonderfonds zur Krankenhausfinanzierung fließen. Die Kontrolle der Senioren-Impfpflicht dürfte relativ einfach sein: In Griechenland gibt es ein zentrales Impfregister, in dem auch die Steuernummern der Bürger hinterlegt sind. Die Mitarbeiter der Finanzverwaltung können deshalb mit wenigen Klicks feststellen, wer aus der betreffenden Altersgruppe geimpft ist und wer nicht.

Die Ankündigung einer Impfpflicht für Personal in der Pflege hatte auch in Belgien Proteste ausgelöst. Quelle: dpa
Demonstration gegen Impfpflicht

Die Ankündigung einer Impfpflicht für Personal in der Pflege hatte auch in Belgien Proteste ausgelöst.

(Foto: dpa)

Schon seit September gibt es in Griechenland eine Impfpflicht für Beschäftigte im Gesundheitssektor und in der Pflege. Auch die Frauen und Männer der Feuerwehr müssen sich gegen Covid-19 impfen lassen. Wer es nicht tut, wird ohne Bezahlung freigestellt. Bisher zögerte die Regierung mit einer Ausweitung auf andere kontaktintensive Berufe, etwa Lehrer, Polizisten oder Beschäftigte in der Gastronomie. Mit der am vergangenen Donnerstag im Schnellverfahren vom Parlament verabschiedeten Impfpflicht für die als besonders gefährdet geltenden Senioren reagiert Griechenland auf die steigenden Inzidenzzahlen, die stagnierende Impfbereitschaft und die Kapazitätsengpässe in vielen Kliniken.

In Griechenland sind bisher nach Angaben der europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC 62,4 Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft (Stand: 2.12.). Das ist weniger als der EU-Durchschnitt von 66,3 Prozent. Die neue Impfpflicht zeigt aber Wirkung: Schon in den ersten 24 Stunden nach Ankündigung der Maßnahme meldeten sich rund 20.000 Menschen aus der Altersgruppe über 60 auf der Internetplattform des Gesundheitsministeriums zur Erstimpfung an. Das waren achtmal so viele wie an den Vortagen.

Auch deshalb mehren sich jetzt die Stimmen für eine Ausweitung der Impfpflicht. Alkibiades Vatopoulos, Professor für Mikrobiologie, fordert sie für alle über 50-Jährigen. Auch die Regierung schließt eine Erweiterung der Impfpflicht „als letztes Mittel“ nicht aus, wie der Sprecher Giannis Oikonomou sagt: „Wir sind jederzeit bereit, alles Notwendige zur Eindämmung der Pandemie zu tun.“

Rechtliche Hürden für eine Impfpflicht sieht die Regierung nicht. Sie beruft sich auf Artikel 25 Absatz 4 der griechischen Verfassung. Er lautet: „Der Staat ist berechtigt, von allen Bürgern die Erfüllung ihrer Pflicht zu gesellschaftlicher und nationaler Solidarität zu fordern.“

Mehr: 40.000 Menschen bei Corona-Demo in Wien

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