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1. Mai Enteignungen, Steuererhöhungen, Streiks – Wie Frank Werneke Verdi in die Zukunft führen will

Der Verdi-Vize, der im September voraussichtlich Gewerkschaftsboss Bsirske ablösen wird, plädiert in Berlin für eine radikale Umverteilungspolitik und ein offenes Europa.
01.05.2019 - 14:38 Uhr Kommentieren
Der stellvertretende Vorsitzende vom Verdi-Bundesvorstand, spricht auf der Kundgebung der Gewerkschaften zum Tag der Arbeit vor dem Brandenburger Tor. Quelle: dpa
Frank Werneke

Der stellvertretende Vorsitzende vom Verdi-Bundesvorstand, spricht auf der Kundgebung der Gewerkschaften zum Tag der Arbeit vor dem Brandenburger Tor.

(Foto: dpa)

Berlin Der 1. Mai ist der Tag der flammenden Reden. Von Solidarität, von Gerechtigkeit, vom starken Arm der Arbeiterklasse. Ein paar politische Botschaften, gekoppelt mit viel Gewerkschaftsfolklore.

In die „Tagesschau“ schafft es dann am Abend in der Regel der DGB-Vorsitzende oder der Chef einer großen Einzelgewerkschaft. Doch in diesem Jahr steht auch ein Vize unter besonderer Beobachtung: Frank Werneke, stellvertretender Vorsitzender von Verdi.

Wird der 52-Jährige beim Bundeskongress im September von den Delegierten gewählt, dann löst er Frank Bsirske nach 18 Jahren an der Spitze von Deutschlands zweitgrößter Gewerkschaft ab.

Tritt der designierte neue Chef ähnlich wortgewaltig auf wie der alte? Was können die noch knapp zwei Millionen Verdi-Mitglieder von ihm erwarten? Und wird es ihm gelingen, die „1.000-Berufe-Gewerkschaft“ zusammenzuhalten, die 2001 aus dem Zusammenschluss von fünf Einzelgewerkschaften entstanden ist?

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    Am Brandenburger Tor in Berlin ist Werneke, der den Fachbereich Medien, Kunst und Industrie leitet, am Mittwoch der Hauptredner. Und er hält eine kämpferische Rede. Die Europawahl am 26. Mai sei „eine wichtige Weichenstellung“, ruft er den rund 13.000 Gewerkschaftern zu, die sich nach Veranstalterangaben vor dem Wahrzeichen der Stadt versammelt haben.

    Die Gewerkschaften würden dafür kämpfen, Europa nicht denen zu überlassen, die für „Marktradikalität und Rassismus“ stünden. Nicht Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban oder Italiens Vizepremier Matteo Salvini, „für den nur ein im Mittelmeer ertrunkener Flüchtling ein guter Flüchtling ist“, ruft Werneke: „Wir sind radikal sozial.“

    Ähnlich teuer würde es, den Verteidigungsetat, wie von den USA gefordert, auf zwei Prozent der Wirtschaftsleistung anzuheben. „Wir wollen eine gute Rente statt zusätzlicher Kanonenboote und Raketen.“

    Die Arbeitgeber, die Werneke bei dieser Gelegenheit auch schon mal „Gegner“ nennt, wollten dagegen lieber weitere Rentenkürzungen in Kauf nehmen statt den Rentenbeitrag zu erhöhen – und das, obwohl Männer heute im Schnitt nur 1.000 Euro und Frauen nur 660 Euro Rente im Monat bekämen.

    Geschickt spielt Werneke die Klaviatur, die auch die SPD und mehr noch die Linke bedienen. Die Miete sei „der Brotpreis des 21. Jahrhunderts“, wer mit Grundstücken spekuliere, gehöre „schlicht und einfach enteignet“. Mit mehr öffentlichen und genossenschaftlichem Wohnungsbau müsse die „Marktmacht“ der privaten Wohnungsgesellschaften gebrochen werden.

    Die von Arbeitsminister Hubertus Heil vorgeschlagene solidarische Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung verdiene volle Unterstützung. Gut sei auch, dass Heil endlich gegen die skandalösen Arbeitsbedingungen in der Paketbranche vorgehe. Nur Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) halte „die schützende Hand über so eine Schweinerei“.

    An der Kampfbereitschaft seiner Gewerkschaft, die die streiklustigste unter den acht DGB-Gewerkschaften ist, lässt der gelernte Verpackungsmittelmechaniker keinen Zweifel. Im Tarifkonflikt mit den Berliner Verkehrsbetrieben sei es gelungen, die Hauptstadt komplett lahmzulegen. „Und es ist ein gutes und beruhigendes Zeichen, dass wir das können.“

    Wo die Gewerkschaft sich nicht aus eigener Kraft durchsetzen kann, soll der Staat helfen – zum Beispiel mit für allgemeinverbindlich erklärten Tarifverträgen im Einzelhandel oder neuen Tariftreuegesetzen. Dass Unternehmen Mitglieder in Arbeitgeberverbänden sein dürften, ohne sich gleichzeitig der Tarifbindung zu unterwerfen, gehöre verboten.

    Sollte er im September ins neue Amt gewählt werden, muss sich Werneke künftig nicht nur in Mai-Reden Gehör bei der Politik verschaffen. Ob er ein ähnlicher Lautsprecher wird wie der amtierende Vorsitzende Bsirske, bleibt abzuwarten.

    Auf jeden Fall hängt von ihm mit ab, ob es gelingt, den Mitgliederschwund zu stoppen. Seit dem Gründungsjahr 2001 hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft mehr als 800.000 Mitglieder verloren. Außerdem muss der neue Vorsitzende die Organisationsreform zu Ende bringen, die die Gewerkschaft wieder näher an die Basis heranführen soll.

    Zunächst muss Werneke aber erneut unter Beweis stellen, dass er auch das Handwerk der Tarifpolitik versteht. Selbst wenn die Stimme von der Mai-Rede noch heiser sein sollte, wird der Verdi-Vize an diesem Donnerstag die nächste Verhandlungsrunde im festgefahrenen Drucker-Tarifstreit leiten.

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