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10 Jahre Hartz IV Umstrittene Reform, unumstrittener Erfolg

Die einschneidendste und erfolgreichste Reform der letzten Jahrzehnte feiert Geburtstag: Vor genau zehn Jahren präsentierte die Hartz-Kommission ihre Blaupause für eine moderne Arbeitsmarktpolitik.
7 Kommentare

Hartz IV: Merkel fehlt Schröders Mut

Berlin/Düsseldorf Dass Ansprüche auch sinken können, lernte Michael Pottel durch einen höflichen Brief vom Amt. Sein Arbeitslosengeld I werde bald auslaufen, deshalb möge der "sehr geehrte Herr Pottel" bitte an einem Informationsseminar teilnehmen. Man wolle ihn auf die Grundsicherung vorbereiten. Und zwischen den Zeilen las er: auf den Abstieg.

Mit einem Dutzend anderer Arbeitsloser quetschte Michael Pottel sich wenige Tage später in einen stickigen Raum und hörte, was mit Hartz IV auf ihn zukommen könnte. Dass er zunächst den Großteil seines Ersparten aufbrauchen müsse. Dass er seine Lebensversicherung auflösen und den Kredit für sein Häuschen umschichten solle. Irgendwie hätte er das sogar noch verstanden. Doch als man ihm nahelegte, er müsse auch über die Sparbücher seiner Kinder nachdenken, die die Oma angelegt hatte, da machte irgendetwas klick. "Eher wäre ich jeden Tag für Geld Blutspenden gegangen als Hartz IV zu beantragen", sagt Michael Pottel.

Interaktive Infografik

Wie sich die Arbeitslosigkeit in Deutschland entwickelt hat

von 2002 bis 2012 (* Prognose ),
Angaben in Millionen


Am nächsten Tag rief er bei einer großen Zeitarbeitsagentur an, kaum zwei Wochen später hatte er einen Arbeitsvertrag in der Tasche. An Hartz IV ist er vorbeigeschlittert. Aber wäre die Angst nicht gewesen, hätte er sich damals, im Jahr 2010, vielleicht nie um einen Job in der Verleihbranche gekümmert. Und das wäre verdammt schade gewesen, findet Pottel heute.

Der Job bei Randstad erwies sich als Glücksgriff: Sein letzter Entleihbetrieb hat Pottel inzwischen in ein ganz normales Arbeitsverhältnis übernommen. Seit Mai 2011 ist er Assistent der Geschäftsleitung bei einem Luftfrachtunternehmen am Münchner Flughafen. Mit eigenem Büro. Und inzwischen auch mit unbefristetem Vertrag.

Vielleicht kann kaum jemand besser nachempfinden als Michael Pottel, wie die Hartz-Reformen den Arbeitsmarkt verändert haben. Und wie sie die Mentalität prägen. Im Februar 2002 hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) eine Expertenrunde ins Leben gerufen, die den Sozialstaat von Grund auf umbauen und zukunftsfest machen sollte. Den damaligen Volkswagen-Personalvorstand Peter Hartz hatte er an ihre Spitze gesetzt.

Vor genau zehn Jahren, am 16. August, übergab Hartz seinen Abschlussbericht an den Regierungschef. Auch Pottel kann sich noch genau an die Fernsehbilder erinnern. An den Manager mit dem weißen Haarschopf und dem festgetackerten Lächeln, der eine kleine CD in Händen hielt. Dass diese CD auch sein eigenes Leben einmal verändern würde, hätte er allerdings nicht gedacht.

Hartz IV sichert den Lebensunterhalt, nicht den Lebensstandard
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7 Kommentare zu "10 Jahre Hartz IV: Umstrittene Reform, unumstrittener Erfolg"

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  • Ich bin 50 Jahre alt und unverschuldet durch Insolvenz meines AG in Hartz IV abgerutscht. Jetzt seit knapp 4 Jahren arbeitslos und dazu körperlicjh wie psychisch erkrankt! Hartz IV schafft Armut, dass ist Fakt.
    Ich persönlich habe alles verloren, was ich mir in den letzten 25 Jahren erarbeitet hatte! Lebensstandard, Auto, Altersvorsorge, „Freunde“, selbst von meinen Nachbarn werde ich hintenrum als „Sozialschmarotzer“ beschimpft.
    Das ich vorher aber über 25 Jahre lamg als Arbeitnehmer in die Sozialsysteme einbezahlt habe, alles vergessen.
    Die Zusammenlegung von ALG II und der Sozialhilfe war ein Verbrechen an denjenigen, welche eben nicht seit jeher auf der faulen Haut lagen, sondern vor der Arbeitslosigkeit einer Vollzeitbeschäftigung nachgingen.
    Wer behauptet, Hartz IV sei der richtige Weg, ist ein verdammter Lügner, welcher selbst niemals von dieser Reform und ihren Auswirkungen aufs eigene Leben betroffen sein wird. Der Name Hartz steht für Untreue, Prostitution und Korruption. Im Gegensatz aber zum Namensgeber der Arbeitsmarktreform, welcher irgendwo vollversorgt durch Abfindung und Altersrente weiter seinem Luxusleben frönt, wird der Normalo schrittweise und gezielt enteignet.
    Man nimmt ihm/ihr nicht nur seine erworbenen und ersparten Vermögenswerte und seine Altersvorsorge, sondern man nimmt ihm die komplette Teilhabe am sozialen und gesellschaftlichen Leben. Wäre ich jünger, hätte ich schon lange gegen diese Zustände rebelliert und diese rotgrünen und schwarzgelben Dreckschweine zur Verantwortung gezogen.
    Über die letzten Jahre hat man mich bürokratisch und medial zermürbt. Mich wundert es, dass es immer noch still ist in Deutschland. Warum ist das so? Liegt es an diesen Schmierblatt BILD, dass immer mal wieder eine dekadente Hartz IV Hetzkampagne startet, oder Arno Dübel zur Volksverhetzung einsetzt. Ich habe nur noch Hass und Verachtung für diesen Staat, seine Politik, das Großkapital und die Wirtschaft übrig. Von mir aus können alle untergehen!

  • Die deutsche Gesellschaft ist in weiten Teilen bereits zerfressen.

    Burn-out (kostet jährlich mehr als 50 Milliarden), 1€ Jobber, Ich-AG, Aufstocker, Praktikant auf Lebenszeit, keine Kinder...



  • in den 10 jahren sind auch die zahlen von "krank durch "flexiblen" job" rapide gestiegen.... ob das auf lange sicht als "Erfolg" betitelt werdn sol ist fraglich

  • Diejenigen, welche die Notwendigkeit von Hartz IV predigen, sind und waren persönlich natürlich besser versorgt (teilweise ohne jede eigene Beitragsleistung).

    Die Politbüro-Jungs von der "Wandlitzer Waldsiedlung" waren Waisenknaben dagegen.

    Ich bin sehr wohl für notwendige Reformen in Deutschland. Mit welchem Recht sind aber große Teile der politischen Klasse privilegiert (und sagen uns, dass H4 gut für Deutschland ist) ??

  • Die Schröderschen Reformen waren und sind kein Erfolg!
    Das was erfolgreich erscheint, sind die niedrigeren Lohnkosten, die durch eine falsche Deregulierung des Bankenmarktes und Konzernprivilegien bei der Steuer erkauft wurden.
    Auf gut deutsch: Mehr Wettbewerbsfähigkeit durch mehr Staatsverschuldung (direkt bei den Konzersteuern und indirekt durch die verschleierten Luftbuchungen die die Deregulierung der Banken ermöglichte ubnd die Finanzkrise mitverursachten)
    Wo bitte schön ist da noch irgend ein echter Erfolg?

    H.

  • Für mich ist Hartz-4 ebenfalls ein großer Erfolg:

    Ich besitze keinen Fernseher und kein Radio.
    Ich bin Vegetarier und achte sehr auf meine Gesundheit.
    Keinen Führerschein
    Bildung ist reine Privatsache.
    Familie und Kinder sind Tabu.
    Das soziale Umfeld ist gut sortiert.
    Laufzeitverträge wie Kredite und Versicherungen sind verboten.
    Sonderleistungen kosten immer extra.
    Langfristige Betriebsbindungen sind tabu (Flexibilität)
    Korruption und Untreue im Betrieb sind Tabu.
    Drogen, Alkohol u.s.w. sind Tabu
    Mainstream Medien sind Tabu solange sie nicht umsonst sind.
    Ausbeutung ist asozial und wird nicht unterstützt.
    Strikte Trennung Privat- und Arbeitsleben.
    Ökonomisch Verhalten ist oberstes soziales Prinzip.
    Funktionäre sind grundsätzlich korrupte Verbrecher.

    Kurz: Vielen Dank das sie mir die Augen geöffnet haben:-)

  • "Unumstrittener Erfolg" ???? ... was soll das denn ??? Wird beim Handelsblatt während der Arbeit getrunken?

    Wenn zwei Leute nun den Job eines Arbeits für jeweils 1.000€ erledigen, der vorher 3.000€ verdient hat, mag das der "Wettbewerbsfähigkeit" des Standortes und damit den Gewinnmöglichkeiten der Konzerne und Konzernbesitzer dienen nicht aber dem deutschen Volk!

    Es wird ständig völlig zu Unrecht die Gleichung aufgemacht geht es der Industrie besser - geht es auch dem Volk besser. Das stimmt nur dann, wenn beide davon profitieren. Heute ist es aber so dass es der Industrie ZU LASTEN des Volkes/der Arbeitnehmer besser geht.

    Dem Volk zu verkaufen Lohndumping würde ihm dienen ist pervers.

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