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ada Magazin Welche Chancen die Digitalisierung den Gewerkschaften bietet

Etablierte Gewerkschaften fremdeln mit der Gig Economy, dabei ist der Schutz vor Ausbeutung wichtiger denn je – die Chance für neue Bewegungen.
  • Sarah Sommer und Nina Bärschneider
29.05.2020 - 09:31 Uhr Kommentieren
Mit einer gemeinsamen Social-Media-Kampagne oder einer Onlinepetition sich für bessere Arbeitsbedingungen der Fahrer einsetzen. Quelle: AFP
Deliveroo-Fahrer

Mit einer gemeinsamen Social-Media-Kampagne oder einer Onlinepetition sich für bessere Arbeitsbedingungen der Fahrer einsetzen.

(Foto: AFP)

Düsseldorf London, März 2020: Nach langen Verhandlungen verkünden Politik, Unternehmen und Gewerkschaften umfangreiche Hilfspakete – nur eine Vertretung bleibt außen vor: Die Independent Workers Union of Great Britain (IWGB) und ihre Mitglieder fühlen sich ausgeschlossen vom großen Schulterschluss gegen die Pandemie. Und verklagen deshalb die Regierung.

Die Menschen, die sich in der IWGB organisieren, haben diese Erfahrung schon häufiger gemacht: Sie fallen immer wieder durch die Raster der sozialen Sicherungssysteme. Der Grund: Meistens arbeiten sie in atypischen Beschäftigungsverhältnissen – für Uber, Deliveroo und andere Arbeitgeber, die alle auf ein Prinzip setzen, dass in der alten Welt kaum vorkommt.

Wer sich auf den Plattformen registriert, bekommt via App Aufträge zugespielt. Auf die Schar der Crowdworker wird dann ad hoc immer die Arbeit verteilt, die gerade anfällt. Sie fahren Essen aus, befördern Passagier*innen, testen Software, putzen Wohnungen, reparieren Wasserhähne oder entwerfen Internetseiten. Langfristige Vertragsverhältnisse oder gar ein Angestelltenvertrag kommen durch diese Leistungen so gut wie nie zustande. Die Jobs werden häppchenweise vergeben, die Beschäftigten sind digitale Tagelöhner. Auftragsvergabe, Leistungsbewertung und auch die Aufkündigung der Zusammenarbeit erfolgen automatisiert.

Die übliche soziale Absicherung fehlt dieser digitalen Arbeiterklasse. Gleichzeitig ist sie in hohem Maße abhängig von meist internationalen Auftraggebern, die sich nationaler Regulierung entziehen können. Rechtlich bewegen sie sich in einer Grauzone, profitieren jedenfalls nicht von Lohnfortzahlungen und gehen auch bei den Staatshilfen meist leer aus, die in Krisenzeiten Angestellten und Arbeitgeber*innen helfen sollen.

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    Eigentlich wären derart prekäre Arbeiter*innen die natürliche Zielgruppe jeder Gewerkschaft. Doch bislang finden sie nur selten den Weg zu den etablierten Vertretungen. „Für eine traditionelle Gewerkschaft lohnt es sich kaum, diese Menschen anzusprechen und zu mobilisieren“, sagt Kurt Vandaele, der am European Trade Union Institute (Etui) in Brüssel zu dem Thema forscht. Vor allem wegen der hohen Fluktuation. Nach einer aktuellen Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) bleiben nur rund 30 Prozent der Crowdworker länger als drei Jahre in ihren jeweiligen Jobs.

    Außerdem fällt es schwer, die Plattformarbeiter*innen anzusprechen. Sie kommen nicht an einem zentralen Ort zusammen, Gewerkschaftsvertreter*innen können sich daher nicht einfach mit Mitgliedsanträgen vor ein Fabriktor stellen und kaum an tarifliche Bestimmungen anknüpfen. Die Folge: Die klassische Interessensvertretung der Arbeiterschaft, im 19. Jahrhundert entstanden aus Protest gegen die Knechtungen während der industriellen Revolution, fällt in der digitalen Revolution weitgehend aus.

    Das ist eine Chance für neue Gewerkschaften und Grassroots-Bewegungen wie die IWGB. Im Gegensatz zu etablierten Vertretungen, die trotz Mitgliederschwunds auch heute noch Hunderttausende oder gar Millionen Mitglieder zählen, haben sich in den jungen Arbeiterverbünden bislang jeweils nur einige Tausend Menschen organisiert. Doch sie schaffen etwas, das anderen trotz größerer Ressourcen nur selten gelingt: Sie finden digitale und flexible Wege der Mobilisierung.

    Chris Land-Kazlaukas, Forscher am ILO, nennt das Phänomen „Organizing on demand“: Wann immer ein neues Problem auftritt, organisieren sich die Bewegungen kurzfristig per App, starten öffentlichkeitswirksame Protestaktionen oder kreative Onlinekampagnen.

    Da tanzen Putzleute, Rezeptionist*innen und Portiers beim Ein-Tages-Streik gemeinsam Samba vor dem Gebäude der University of London, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Hochschule ihre Angestellten durch sozial schlecht abgesicherte Gig-Worker ersetzt.

    Da trommelt die britische Mobilisierungsplattform Organise, um sich mit einer gemeinsamen Social-Media-Kampagne oder einer Onlinepetition für bessere Arbeitsbedingungen der Deliveroo-Fahrer einzusetzen. In den USA half kürzlich die Onlineplattform Coworker.org Uber-Fahrern dabei, eine Trinkgeldfunktion in der Fahrgast-App durchzusetzen. Die Plattform Unionbase will gar zum „Facebook der Arbeiterbewegungen“ aufsteigen.

    All diese Bewegungen nutzen statt starrer, hierarchischer Strukturen und Ortsverbände digitale Tools, mit deren Hilfe sich die verstreuten Einzelkämpfer*innen der neuen Arbeitswelt kurzfristig und in wechselnden Koalitionen zu schlagkräftigen Gruppen vernetzen können.

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    So entstand auch die YouTubers Union. Dahinter steckt ein Zusammenschluss von Menschen, die ihr Geld als Inhaltelieferant*innen für das Videoportal verdienen.

    Jörg Sprave gründete die gleichnamige Facebook-Gruppe, als YouTube im Jahr 2017 die Regeln änderte, wer bei der Plattform mit seinen Beiträgen Einnahmen erzielen darf – und wer nicht. „Ich stelle auf meinem Kanal selbstgebaute Spielzeugwaffen vor“, berichtet der Videoblogger aus Hessen: „Das galt auf einmal als nicht mehr werbefähiger Inhalt.“ Und deshalb konnte er von den Einnahmen nicht mehr leben – trotz 2,2 Millionen Abonnenten.

    Ähnlich ging es anderen YouTuber*innen. Die Regeln der Google-Tochter empfanden sie als intransparent und teilweise willkürlich. Also begannen sie, sich zu organisieren und Mitspracherechte einzufordern. Auch wenn sie keine Angestellten waren, wollten sie ihrem Geldgeber zumindest klarmachen, dass er auch auf ihre Arbeitskraft und Kreativität angewiesen ist.

    Zunächst ignorierte das Portal die Gruppe, die mittlerweile rund 26.000 Mitglieder zählt. Dann kam Sprave auf die Idee, auf eine klassische Gewerkschaft zuzugehen: Die IG Metall hat nicht nur mehr als zwei Millionen Mitglieder, sondern vor allem gute Kontakte in die deutsche und europäische Politik. Außerdem hatte sich die Gewerkschaft schon im Jahr 2016 für Soloselbstständige und Crowdworker geöffnet und eine Plattform namens Fair Crowd Work gegründet.

    Die YouTubers Union, die sich mit den Mechanismen der Netzwelt auskennt, und die etablierte Gewerkschaft, die die klassischen Kanäle bespielt – diese Kombination nimmt selbst ein Unternehmen wie YouTube ernst. Die ungewöhnlichen Partner starteten eine Kampagne namens Fairtube, die auf die prekäre Lage vieler YouTuber*innen aufmerksam macht. „Kapituliert hat das Portal daraufhin nicht gerade“, räumt Sprave ein: „Aber immerhin haben sie überhaupt mal reagiert.“ Und er konnte Kontakte aufbauen zu YouTube-Mitarbeiter*innen, die die Werberegeln verantworten.

    Fredrik Söderqvist, Ökonom bei der größten schwedischen Gewerkschaft Unionen, beobachtet solche neuen Verbindungen mit großem Interesse. Sein Arbeitgeber öffnet sich schon länger für Menschen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Zeitarbeiter, Freelancer, Soloselbstständige: Alle können inzwischen Mitglied werden. Gruppen ohne Vertretung dastehen zu lassen, weil sie nicht in gewohnte Abläufe und Strukturen passen – das passt nicht zu seinem Verständnis von Gewerkschaftsarbeit. „Die Coronakrise und die anstehende Rezession werden vielen Menschen die Augen dafür öffnen, wie verletzbar Crowd- und Gig-Worker sind.

    Letztlich müssten alle Gewerkschaften flexibler und digitaler werden, sagt Söderqvist. Er arbeitet bereits an Dienstleistungen wie dem „predictive unionizing“ – einer Form der Gewerkschaftsarbeit auf Grundlage von Datenanalysen.

    Konkret heißt das: Söderqvist kann inzwischen dank eigens entwickelter Algorithmen früher erkennen, wenn sich in bestimmten Regionen oder Branchen Veränderungen am Arbeitsmarkt abzeichnen. Dann gibt er Vertreter*innen vor Ort und in den Unternehmen Bescheid – damit sie sich darauf einrichten, dass womöglich bald Stellen wegfallen.

    Kritik an der Nutzung solcher Werkzeuge lässt ihn kalt: „Je innovativer Gewerkschaften die Interessen ihrer Mitglieder vertreten“, sagt er, „desto relevanter bleiben sie.“

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