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Akademiker Die Mär vom promovierten Taxifahrer: Die Chancen für Geisteswissenschaftler steigen

Die Karrierechancen für Geisteswissenschaftler sind nicht so schlecht wie ihr Ruf, so eine neue Studie. Vor allem im Bereich der Digitalisierung punkten sie.
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Studium: Chancen für Geisteswissenschaftler steigen Quelle: dpa
Taxen

Gerade mit einem Doktortitel arbeiten Geisteswissenschaftler öfter in Führungspositionen. Der promovierte Taxifahrer ist hier die Ausnahme.

(Foto: dpa)

Berlin Es gibt wenig Promotionen, deren Titel solche Furore machten: Vor mehr als 30 Jahren erschien eine Dissertation unter dem Titel „Taxifahrer Dr. phil.“, in der Cordia Schlegelmilch anhand von gut 50 Berliner Akademikern eine „Grauzone“ beschrieb, in der einige der Hochschulabsolventen verschwanden – in teils neuen, teils prekären Jobs. 

Die dafür preisgekrönte Soziologin selbst machte in den Folgejahren Karriere als Fotografin. Der Titel ihrer Doktorarbeit jedoch blieb, und wurde über Jahrzehnte als Synonym für schlechte Chancen von Geisteswissenschaftlern verwendet. Mittlerweile zu Unrecht, meint eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und des Stifterverbands, die dem Handelsblatt vorliegt. 

Die dafür preisgekrönte Soziologin selbst wurde bald danach Fotografin. Ihre Doktorarbeit und ihre Karriere wurden zur Grundlage des Klischees vom Taxi fahrenden Germanisten. Zu Unrecht, meint eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und des Stifterverbands, die dem Handelsblatt vorliegt.

Zwar „stehen Geisteswissenschaftler alles in allem weniger gut da als der Durchschnitt der Akademiker – von einer mehrheitlich problematischen Lage kann aber keine Rede sein“, lautet das Resümee von IW-Autorin Christiane Konegen-Grenier auf Grundlage von Daten des Mikrozensus. „Die Erwerbslosigkeit liegt im Durchschnitt der Bevölkerung, die Mehrheit der Geisteswissenschaftler ist weder geringfügig noch befristet beschäftigt oder als Solo-Selbstständige tätig.“

Gerade wenn sie einen Doktortitel haben, arbeiten Geisteswissenschaftler öfter in Führungsjobs und haben ein höheres Gehalt als der Durchschnitt aller Akademiker. „Der Taxi fahrende promovierte Philosoph ist eine absolute Ausnahmeerscheinung – sofern er überhaupt nachweislich existiert“, so Konegen-Grenier.

Ob es am schlechten Ruf lag, ist unbekannt, jedenfalls ging der Anteil der Geisteswissenschaftler an allen Studierenden von 2007 bis 2018 von 9,1 auf acht Prozent zurück. Ihre Zahl stieg zwar, aber nicht so stark wie die Zahl der Studenten insgesamt. Zu den Geisteswissenschaftlern zählen vor allem Kunst-, Literatur-, Sprach-, Religions- und Bibliothekswissenschaften-, Germanistik-, Philosophie-, Geschichtswissenschafts- sowie Journalistikstudenten. Lehramtsanwärter wurden nicht berücksichtigt.

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Im Jahr 2016 waren nach den Daten des Mikrozensus – einer Stichprobe von einem Prozent der Bevölkerung – gut neun Millionen Akademiker erwerbstätig, davon waren 5,6 Prozent Geisteswissenschaftler. Diese fanden sich in jedem vierten Unternehmen, bei großen Unternehmen ab 250 Mitarbeitern sogar in vier von zehn. Und von den insgesamt 505.000 Geisteswissenschaftlern in Deutschland agierten immerhin rund 140.000 als Führungskräfte.

Wachsende Chancen sieht die Studie im Zuge der Digitalisierung. Denn „Kommunikationsfähigkeit und Kooperationsfähigkeit zählen für die Unternehmen zu den wichtigsten überfachlichen Kompetenzen, die mit der Digitalisierung noch wichtiger werden – und beide Fähigkeiten bringen Geisteswissenschaftler verstärkt mit“, so Mathias Winde vom Stifterverband.

Für knapp zwei Drittel der Unternehmen kommt es in der digitalen Arbeitswelt vermehrt darauf an, dass sich Mitarbeiter schnell in neue Themen einarbeiten können – und hier punkten Geisteswissenschaftler. Damit sie ihre Stärken in der Arbeitswelt 4.0 jedoch nutzen können, sollten sie sich schon während des Studiums digitale Kenntnisse aneignen, so Winde. Der Stifterverband fördert diese Kompetenzen im Rahmen der Initiative „Future Skills“.

So könnten sie ihren Abstand auf dem Arbeitsmarkt ausgleichen. Und diesen gibt es durchaus. Auf den ersten Blick zeigen viele Werte, dass sich geisteswissenschaftliche Studiengänge nicht so bezahlt machen wie andere: 2016 waren vier Prozent der Geisteswissenschaftler arbeitslos – gegenüber 2,4 Prozent aller Akademiker.

Sie sind häufiger befristet oder geringfügig beschäftigt, und ein gutes Drittel arbeitet Teilzeit – gegenüber einem guten Fünftel aller Akademiker. Auch der Anteil derer, die eine Tätigkeit als Führungskraft angeben, ist deutlich geringer – von allen Akademikern gilt dies für jeden fünften, bei den Geisteswissenschaftlern nur für 14 Prozent.

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Entsprechend sind die Verdienste: Gut 16 Prozent aller Akademiker erreichten ein monatliches Nettoeinkommen von 4000 Euro oder mehr – unter Geisteswissenschaftlern waren es nur halb so viele. Fast die Hälfte verdiente weniger als 2000 Euro – bei Akademikern allgemein galt das für ein knappes Drittel.

All diese Unterschiede hängen allerdings zu einem großen Teil damit zusammen, dass unter den Geisteswissenschaftlern überproportional viele Frauen sind, die Teilzeit arbeiten. Vergleicht man ausschließlich Vollzeit arbeitende Akademiker, schrumpft der Rückstand der Geisteswissenschaftler deutlich.

So haben dann zum Beispiel 24 Prozent aller Akademiker und 18,5 Prozent der Geisteswissenschaftler einen Führungsjob. Geisteswissenschaftlerinnen „schaffen es jedoch meist nicht in für Akademiker übliche Positionen – selbst wenn sie Vollzeit arbeiten“, schreibt Konegen-Grenier. Der hohe Frauenanteil könnte daneben aber auch die Gehaltssituation negativ überzeichnen, weil viele verheiratete Frauen freiwillig die schlechtere Steuerklasse übernehmen, vermutet sie.

Generell üben vier von zehn Geisteswissenschaftlern zudem einen Beruf aus, der inhaltlich nicht unmittelbar mit dem Studium zusammenhängt. Das muss jedoch kein Nachteil sein, sondern zeigt auch eine hohe Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, schreiben die Autoren.

Mehr: Lehre statt Studium: Wie Politik und Wirtschaft Abiturienten in die Ausbildung locken wollen.

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1 Kommentar zu "Akademiker: Die Mär vom promovierten Taxifahrer: Die Chancen für Geisteswissenschaftler steigen"

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  • Der von manchen diagnostizierte deutsche Rückstand in der Digitalisierung und Software-Entwicklung kommt wohl vor allem daher, daß die Informatik als Natur- und nicht als Geisteswissenschaft gesehen wird. So meinen fast alle, die "Lernenden Algorithmen" seien der Kern der modernen Künstlichen Intelligenz. Dabei "lernen" Algorithmen - wenn überhaupt - durch Versuch und Irrtum, und nicht wie die natürlichen Intelligenzen (wir Menschen) durch sprachbasierten Wissensaustausch, im Dialog oder aus Dokumenten, Büchern, Artikeln ...
    Dabei ist gerade Literatur jeder Art im Internet in praktisch unendlicher Menge und praktisch kostenlos verfügbar. Und während die "lernenden Algorithmen" mit den neuronalen Netzen das menschliche Kleinhirn simulieren, lernt die gerade aufkommende "Linguistische KI" wie unser Großhirn: vor allem durch Analyse und Aufbereitung von meist nicht trivialen Texten.
    Die entstehenden Softwareprodukte zur - zum Beispiel - Anforderungsaufbereitung von Gesetzen aus vielen verschiedenen Ländern und Sprachen sind Geisteswissenschaft. Und um nicht auch hier zurückzufallen, brauchen wir dringend Geisteswissenschaftler; das bißchen programmieren lernen sie nebenbei.

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