Altersversorgung So könnte die Rente stabilisiert werden

Das Niveau der gesetzlichen Rente kann nach einer neuen Studie auch ohne große Eingriffe in die Rentenformel längerfristig stabilisiert werden.
Kommentieren
Rente: So könnte die Altersversorgung stabilisiert werden Quelle: dpa
Seniorengruppe

Eine Seniorengruppe bei einem Ausflug. Die Bundesregierung sucht immer noch nach einem gangbaren Weg, die Rente auch über das Jahr 2024 hinaus stabil zu halten.

(Foto: dpa)

BerlinPünktlich zum Start der Arbeit der neuen Rentenkommission in dieser Woche hat sich der renommierte Kölner Statistikexperte Eckart Bomsdorf mit einem eigenen Reformvorschlag zu Wort gemeldet. In einer Studie legt er dar, wie das aktuelle rentenpolitische Ziel der Bundesregierung, das Rentenniveau bis 2024 nicht unter 48 Prozent absinken zu lassen, auch ohne harte Eingriffe in die Rentenformel erreicht werden kann.

Die Studie soll in den kommenden Tagen vom Ifo-Institut veröffentlicht werden. Kern des Reformvorschlags ist die teilweise Abwicklung des Riesterfaktors, durch die der Rentenanstieg über mehrere Jahre gekürzt wurde.

Bekanntlich haben sich SPD und Union im Koalitionsvertrag verpflichtet, das Nettorentenniveau vor Steuern bis 2024 nicht unter die erreichten 48 Prozent sinken zu lassen. Dieses Niveau wird aktuell erreicht, wenn ein Versicherter 45 Jahre lang immer zum jeweiligen Durchschnittseinkommen gearbeitet und Beiträge gezahlt hat. Außerdem soll der Beitragssatz zur Rentenversicherung bis dahin 20 Prozent nicht überschreiten. Die gesetzestechnische Umsetzung dieser Vorgabe ist der zuständige Bundessozialminister Hubertus Heil (SPD) aber bisher schuldig geblieben.

Der einfachste Weg, die neuen Haltelinien rechtlich zu verankern, wäre eine neue Bestimmung im Sozialgesetzbuch, welche die Politik verpflichtet, gesetzgeberisch tätig zu werden, sobald das Rentenniveau unter die kritische Marke von 48 Prozent zu sinken oder der aktuell bei 18,7 Prozent liegende Beitragssatz über 20 Prozent zu steigen droht.

Alternativ könnte aber auch der Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenformel außer Kraft gesetzt werden. Der Nachhaltigkeitsfaktor löst immer dann eine Dämpfung des Rentenanstiegs im kommenden Jahr aus, wenn die Zahl der Rentner stärker wächst als die der Beitragszahler. Er ist damit der eigentliche Demografie-Faktor in der Rentenformel.

Heil hat mit seiner Ankündigung, er wolle die Rentenformel ändern, Spekulationen angeheizt, er wolle den Faktor aussetzen. Eine solche Aktion wäre aber ein starkes Präjudiz für die langfristige Neuordnung der Rentenversicherung, die die Rentenkommission für die Zeit nach 2024 erarbeiten will. Sie könnte sich am Ende wohlmöglich dazu entschließen, den Faktor auch über 2024 hinaus auszusetzen oder abzuschwächen.

Damit würde die Rentenversicherung aber ihr wichtigstes Instrument verlieren, die Finanzierbarkeit der Rente auch langfristig zu sichern. Heil hat aber mit seiner Ankündigung, er wolle die Rentenformel ändern, genau solche Erwartungen geschürt.

Hier kommt nun Bomsdorfs neue Studie ins Spiel. Sie belegt nämlich, dass man das Ziel der Rentenniveaustabilisierung sogar über 2024 hinaus auch mit weniger stark eingreifenden Änderungen an der Rentenformel erreichen kann. Zwei Stellschrauben hat der Wissenschaftler dafür in den Blick genommen. Zu einer Dämpfung des Rentenanstiegs kommt es nämlich auch immer dann, wenn der Beitragssatz zur Rentenversicherung steigt. In diesem Fall wird der Anstieg der Rente im gleichen Umfang vermindert, wie der Beitragssatz zur Rentenversicherung erhöht werden muss.

Bomsdorf plädiert in seiner Studie dafür, diesen Dämpfungseffekt zu halbieren. Dies sei gerechtfertigt, da die Hälfte des Beitragsanstiegs vom Arbeitgeber getragen wird. Im Grund sei das geltende Recht ungerecht, weil der Rentenanstieg bei Beitragserhöhungen stärker gekürzt werde als der Anstieg der verfügbaren Einkommen.

Außerdem plädiert Bomsdorf dafür, die sogenannte Riestertreppe zur Hälfte rückgängig zu machen. Sie wurde 2001 zusammen mit der Riesterrente eingeführt. Mit der Riesterrente erhielten die Versicherten die Möglichkeit, mit einer starken staatlichen Förderung vier Prozent ihres Einkommens in eine ergänzende private Altersversorge (Riesterrente) einzuzahlen. Die Förderung wurde seinerzeit schrittweise in 0,5-Prozentschritten erhöht. Bei den Rentnern wurde im Gegenzug der Rentenanstieg aus Gerechtigkeitsgründen in mehreren Schritten um insgesamt vier Prozent gedämpft.

Tatsächlich hat sich die Riesterrente aber bis heute nicht flächendeckend durchgesetzt. Viele Versicherte riestern gar nicht oder schöpfen die Vier-Prozent-Grenze vom Einkommen nicht aus. „Die Riesterrente ist aber aktuell voll in der Rentenformel eingepreist.“

Das sei nicht gerechtfertigt, argumentiert Bomsdorf und nimmt damit ganz ähnliche Argumente vor allem aus dem Gewerkschaftslager und der Linken auf. Dort wird schon länger eine komplette Rückabwicklung des Riesterfaktors gefordert, da Riester gescheitert sei. Außerdem plädiert Bomsdorf dafür, die Erhöhung des Renteneintrittsalters bei der Berechnung des Standardrentenniveaus zu berücksichtigen. Auch das würde statistisch zu einem höheren Rentenniveau führen.

„Summarisch gesehen“, so Bomsdorf, „könnte auf diese Weise für das Jahr 2030 ein um über drei Prozent höheres Rentenniveau erreicht werden, als heute angenommen.“ 2,6 Prozentpunkte davon kämen allein durch die Teilabwicklung des Riesterfaktors zustande. Bis 2030 würde nach seinen Berechnungen das Niveau nicht unter 48 Prozent sinken. Nach 2030 würde das Rentenniveau zwar auch nach der Bomsdorf-Formel schrumpfen, doch nur halb so stark wie nach geltendem Recht.

Auch die zusätzlichen Kosten einer entsprechenden Modifikation hält der Wissenschaftler für vertretbar. Sie lägen unter den Ausgaben für die Mütterrente, die nach den Plänen der Koalition schließlich sogar noch ausgebaut werden soll. „Es sollte und kann gelingen, ohne die gefühlt hundertste neue Rentenformel den Zielen des Koalitionsvertrags bei der Rentenreform näher zu kommen. Eine Feinjustierung der aktuellen Formel reicht.“

Jetzt muss Arbeitsminister Heil nur noch Bomsdorfs Vorschlag aufgreifen. Ausgeschlossen ist das nicht. Immerhin basierte das Rentenangleichungsgesetz, mit dem Heils Vorgängerin Andrea Nahles die seit langem versprochene Angleichung der Ostrenten an westdeutsches Rentenniveau umsetzte, auch auf einem Vorschlag des Statistikers aus Köln. 

Startseite

Mehr zu: Altersversorgung - So könnte die Rente stabilisiert werden

0 Kommentare zu "Altersversorgung: So könnte die Rente stabilisiert werden"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%