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Analyse „Absolute Mist-Show“: IWF-Präsentation wird für türkischen Finanzminister zum Fiasko

Berat Albayrak scheitert bei internationalen Investoren mit seinem Zukunftskonzept für die Türkei. Ein Debakel – doch Erdogan braucht seinen Minister.
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Berat Albayrak: Türkischer Finanzminister scheitert vor IWF Quelle: Reuters
Berat Albayrak

Ein anonymer Investor sagte nach einem Vortrag von dem türkischen Finanzminister, dass er noch nie einen derart schlecht vorbereiteten Regierungsvertreter gesehen habe.

(Foto: Reuters)

IstanbulBerat Albayrak wollte ein großes Reformprogramm bekanntgeben. Der türkische Finanzminister war in die US-amerikanische Hauptstadt Washington gereist, um hunderten Investoren die nächste Wachstumsstory seines Landes zu erklären. Der Fahrplan war klar: Albayrak hatte zuvor bereits angekündigt, Staatsbanken zu stützen, das Steuersystem zu vereinfachen und notleidende Kredite aufkaufen zu können.

Doch seine Roadshow beim alljährlichen Frühjahrstreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) geriet zum Fiasko – zumindest lautete so das Echo eines Teilnehmers von Albayraks Vortrag. „Es war eine absolute ‚Mist-Show‘“, erklärte ein Investor der amerikanischen Nachrichtenseite Axios. „Ich habe wirklich noch nie einen Regierungsvertreter gesehen, der derart schlecht vorbereitet war.“ Die Lira gab anschließend zum Dollar leicht nach.

Es ist ja schon beunruhigend, dass gerade im Finanzsektor die Meinung eines anonymen Zitatgebers derartige Reaktionen an den Märkten hervorrufen kann. Doch die Meinung über Albayraks Auftritt war sehr schnell gebildet: Er kann es nicht. Ein deutsches Medium fragte am Dienstag, ob Albayrak jetzt „sein Amt verliert“. Das ist zu kurz gedacht.

Die Rezession beunruhigt Investoren

Albayrak ist seit Juli Finanzminister des Landes und gleichzeitig Schwiegersohn von Staatschef Erdogan. Eine höchst ungewöhnliche Konstellation. Aber Erdogan brauchte jemanden für den Posten, dem er zu 100 Prozent vertrauen kann. Denn bereits vor einem Jahr war vielen klar, dass die türkische Wirtschaft auf eine Rezession zusteuert. Ex-Finanzminister Mehmet Simsek hatte im Juni in einem Interview mit dem Handelsblatt angekündigt, dass die inländische Nachfrage „einen Dämpfer erhalten“ werde, weil die Regierung Kosten einsparen müsse.

Kein leichter Job. Das liegt aber auch an der unorthodoxen Wirtschaftspolitik aus dem Präsidialamt in Ankara. So ist Staatschef Erdogan überzeugt, dass niedrige Leitzinsen langfristig die Inflation eindämmen. Doch obwohl die Zentralbank die Zinsen lange niedrig hielt, ist die Inflation auf über 20 Prozent gestiegen und lag im März immer noch bei 19,71 Prozent.

Verantwortlich sind dafür neben den teuren Rohstoffimporten auch die hohen Preise für Lebensmittel. Die Inflation für Agrarprodukte lag zuletzt bei 27,3 Prozent pro Jahr. Das Land befindet sich außerdem seit Oktober in einer Rezession – auch, weil weltweit die Wirtschaft schwächelt.

Hinzu kommt die innenpolitische Situation des Landes. Nach den Kommunalwahlen vom 31. März gibt es in einigen Bezirken immer noch kein Ergebnis, darunter in der größten Stadt des Landes Istanbul. Dort liegt aktuellen Auszählungen zufolge der Kandidat der Opposition, Ekrem Imamoglu, vorne. Doch die Regierungspartei AKP will mehreren Auszählungen anfechten und drohte indirekt sogar mit einer Neuwahl.

Gleichzeitig werden in der Türkei immer noch viele Menschen angeklagt, weil sie mutmaßlich Terrorgruppen unterstützen oder den Präsidenten beleidigt haben sollen. Darunter der Ex-HSBC-Türkeichef, der in einem Tweet Erdogan beleidigt haben soll.

All diese Dinge sorgen für berechtigtes Unbehagen unter Investoren. Ob unter diesen Umständen Albayrak daher der richtige oder der falsche Mann für die türkische Wirtschaft ist – darüber kann man streiten.

Die Türkei-Euphorie ist vorbei

Der zweite Grund, aus dem Albayrak so schlecht ankommt: Längst ist die Stimmung bezüglich der Türkei gekippt. Es dominiert die Skepsis, sowohl unter Investoren als auch Unternehmern, etwa aus Deutschland. „Vor zehn Jahren gab es eine regelrechte Türkei-Euphorie bei den Investoren, die dazu führte, dass die bestehenden Risiken unterbewertet wurden“, erklärt Frank Kaiser, Geschäftsführer von DE International, einer Beratungsgesellschaft der deutschen Außenhandelskammern.

Auch deutsche Unternehmer seien händeringend auf der Suche nach lokalen Partnern gewesen, um in der Türkei produzieren zu lassen. Heute sei es umgekehrt, meint Kaiser: „Jeder lässt sich von den Risiken abschrecken und übersieht dabei die Chancen, die das Land immer noch bietet.“

Und so verhält es sich auch mit dem türkischen Finanzminister, der ja schon qua Familienbeziehung zum Präsidenten – Stichwort Nepotismus – einen schweren Stand bei Investoren hat. Doch hat er immerhin Erdogan davon überzeugen können, die Leitzinsen der Zentralbank anzuheben. Seit September liegen sie bei 24 Prozent und sind damit seit seinem Amtsantritt um 6,25 Prozentpunkte angestiegen.

Und trotz der Unkenrufe nach Albayraks Auftritt erklärte laut Axios kein Teilnehmer der Roadshow, in der nächsten Zeit türkische Aktien oder andere Werte aus dem Portfolio zu werfen. Die Lira verliert zwar stetig an Wert, doch nicht mehr in einem Ausmaß wie Mitte August. Damals war es zu einer politischen Krise zwischen den USA und der Türkei gekommen. Der wichtigste Aktienindex des Landes kletterte in diesem Jahr um fünf Prozent.

Auch der Leiter der europäischen Abteilung des IWF, Poul Thomsen, will sich nicht allzu pessimistisch über die Türkei äußern. Man solle, trotz einiger Probleme in der Wirtschaft, die „Schwierigkeiten, mit der die Türkei konfrontiert ist, nicht übertreiben“.

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