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Analyse Alle Zeichen stehen auf Rezession – aber Berlin will nicht handeln

Zahlen lügen nicht. Die aktuellen Wirtschaftsdaten weisen Richtung Abschwung. Darauf müsste der Staat reagieren – und Schulden machen. Doch in Deutschland regiert der Sparfetisch.
6 Kommentare
Die Auftragslage der Industrie verschlechtert sich weiter – doch die Bundesregierung ignoriert die Anzeichen der Rezession. Quelle: dpa
Sonnenuntergang über einem Stahlwerk

Die Auftragslage der Industrie verschlechtert sich weiter – doch die Bundesregierung ignoriert die Anzeichen der Rezession.

(Foto: dpa)

Frankfurt Die Industrieproduktion ist im Juni ein weiteres Mal gefallen, und zwar mit minus 1,5 Prozent viel stärker, als von Analysten erwartet. Die Produktion folgt damit dem ebenfalls seit vielen Monaten schwächer werdenden Auftragseingang. 

Nach der Ursache braucht man nicht lange zu suchen: Auch die Industrien von Japan und Südkorea, die wie die deutsche stark von der Nachfrage aus China abhängen, entwickeln sich derzeit sehr schlecht.

Der Konsens der Ökonomen ist nun, dass die gesamte deutsche Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal geschrumpft ist. Damit wäre sie in den letzten vier Quartalen nur einmal, nämlich im ersten Vierteljahr 2019 – gewachsen. Und für das laufende Quartal gibt es keine ernst zu nehmenden Hoffnungszeichen. Die am Mittwoch veröffentlichte monatliche Konjunkturumfrage des Ifo-Instituts ergab ein weiteres Abrutschen der Erwartungen.

„Die Aussichten für die deutsche Industrie sind derzeit alles andere als rosig“, kommentierte Robert Lehmann, Konjunkturexperte des Ifo-Instituts. „Immer mehr Firmen vermelden, dass sie ihre Produktion im kommenden Vierteljahr drosseln wollen. Damit übersteigt die Zahl der Pessimisten nunmehr sogar deutlich jene der optimistischen Stimmen. Derzeit ist ein Ende der Rezession in der deutschen Industrie nicht absehbar.“

Der Abwärtstrend dürfte weitergehen. Weiteres Ungemach droht von der internationalen Politik. US-Präsident Donald Trump hat den Handelskrieg mit China zuletzt verschärft und hält ihn mit Europa am Köcheln. Das Geschäft mit Großbritannien wird vom Herannahen des Brexit-Zieldatums ohne bisherige Einigung zunehmend belastet.

Die Finanzmärkte geben eine entsprechend klare Einschätzung ab. Die Rendite von zehnjährigen Bundesanleihen ist auf minus 0,6 Prozent abgerutscht. Das heißt, die Investoren rechnen mit einer jahrelangen wirtschaftlichen Flaute und entsprechend niedrigen Notenbankzinsen.

Die Aktienkurse sind in den letzten Tagen kräftig gesunken, ebenso der Ölpreis, was auf die Erwartung einer schwachen Weltkonjunktur und damit der Ölnachfrage hindeutet. Der Goldpreis zieht an, ein Indikator für zunehmende Finanzkrisenerwartungen. Anleger suchen sichere Häfen.

Der vergessene Keynes

Konjunkturkrisen liegt ein Koordinationsproblem zugrunde, wie es der berühmte Ökonom John Maynard Keynes während der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre herausarbeitete. Jeder Einzelne reagiert rational auf den Abschwung, wenn er sein Geld zusammenhält, um gut durch die Krise zu kommen. Wenn das aber die meisten tun, schaffen sie gerade damit die Voraussetzungen für den Nachfragemangel, der den Abschwung treibt.

Es gibt aber einen sehr großen Marktteilnehmer, der sich dieser Dynamik aus Eigeninteresse entgegenstellen kann – den Staat. Das ist die im Prinzip unbestrittene Lehre von Keynes. Denn der Staat ist über die Steuern am Erfolg der Privaten beteiligt und muss mehr Geld ausgeben, wenn die Arbeitslosigkeit steigt.

Wenn alle sparen wollen, muss der Staat deshalb mehr Geld ausgeben, damit seine Finanzen nicht mit der Wirtschaft in den Abwärtsstrudel geraten. Dann sehen auch die privaten Akteure wieder mehr Chancen statt nur Risiken und geben wieder bereitwilliger Geld aus.

Aber leider hat sich gerade in Deutschland das allzu lange eingeübte Mantra von der Ursünde des Schuldenmachens verselbstständigt. Finanzminister sonnen sich im Glanz des Images als Sparfuchs und wollen auf diesen Glanz nicht verzichten – selbst wenn man mit Schuldenmachen inflationsbereinigt sogar um die zwei Prozent pro Jahr verdienen kann.

Die Prügel bekommen ja nicht sie, sondern ihre Amtsnachfolger, die später hohe Schulden machen müssen, wenn sinkende Steuereinnahmen, steigende Sozialausgaben und teure Bankenrettungen die Staatsfinanzen zerrüttet haben werden.

Mehr: Was jetzt noch gegen die drohende Rezession hilft.

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6 Kommentare zu "Analyse: Alle Zeichen stehen auf Rezession – aber Berlin will nicht handeln"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Herr Häring, Sie sind ein hervorragender Wirtschaftswissenschaftler und insbesondere ein herausragender Geldexperte - insbesondere Ihr letztes Buch "Schönes neues Geld" ist genial.
    Alleine dafür werde ich Ihnen ein Bier ausgeben (wahlweise auch etwas Anti-Alkoholisches), falls ich Sie einmal treffe. Aber einen Kasten bekommen Sie von mir erst, wenn Sie sich von Keynes abwenden würden.
    Das - tatsächliche - ökonomische Jahrtausendgenie Carl Menger widerlegte das - falsche - "Genie" Keynes bereits Ende des 19. Jahrhunderts - nämlich mit seinem MARGINALISMUS; bzw. seiner Lehre vom GRENZNUTZEN.
    Der Grenznutzen bzw. das Grenznutzen-Gesetz gilt nämlich immer und überall - und eben auch bei Schulden und "keynesianischen Wirtschaftsstimuli"!!
    So führte nämlich noch Anfang der 1950er Jahre 1 Dollar an neuen Schulden zu einer BIP-Steigerung von 4,61 USD - heute dagegen sind es nur noch 8 Cent!! Die Grenzerträge je zusätzlicher Schuldeneinheit nehmen also (rapide) ab. Das heißt, dass wir uns im "keynesianischen Finale" befinden, Herr Häring. Keynes hat also bald fertig - wissenschaftlich belegt von Carl Menger lange vor ihm!!

  • Sehr geehrter Herr Häring,

    ich wette, Sie schaffen es letzten Endes doch. Dass Sie Ihren Scheinwerfer auf jenes Viertel der deutschen Wirtschaft richten, den wir als "Industrie" bezeichnen und unter einer Flaute auf den Weltmärkten leidet. Vielleicht kommen Sie dann davon ab, mit derr Gießkanne Fördermaßnahmen über die vielen anderen gutgehenden Wirtschaftszweige ausschütten zu wollen.

    Nehmen Sie als Beispiele den Abbau von Unternehmenssteuern oder des Soliis: Wollen wir mit solchen Fördermaßnahmen wirklich die vielen gutgehenden Branchen verwöhnen,? Also beispielsweise die Bauwirtschaft, das Handwerk, den Handel, die Gastronomie oder den Dienstleistungssektor? Ich fürchte, dass dies der notleidenden Industrie überhaupt nicht hilft und wir nur die Sparmaßnahmen vieler Jahre sinnlos verpulvern.

  • Wenn ich mich recht erinnere: frühere Konjunkturprogramme haben nichts gebracht, außer Geld verbraten. Wer es besser weiß, möge mich korrigieren! Die Firmen haben, wenn sie solide gewirtschaftet haben, enorme Rücklagen, z. B. für Zukäufe. Wenn eine Firma heute keine Rücklagen hat, hat sie schlecht gewirtschaftet. Mal eben € 100-200 Mill. rauszuhauen, halte ich für einen Witz-

  • Gemach, Gemach! Die Konjunktur wird schon wieder anspringen. 3 oder 4 Jahre Rezession würden Deutschland nur gut tun. Dann kommen die Leute auch wieder zurück auf ein normales Niveau und haben nicht mehr so viel Flausen im Kopf.

  • Von Sparen kann doch keine Rede sein. Der Staat erspart sich Milliarden an Zinszahlungen für seine Schulden, ohne diese Ersparnis gäbe es keine schwarze Null. Besser wäre doch, die unendlichen Sozialtransfers zu durchforsten und zu überlegen, ob wir jeden, der Asyl sagt, behalten und alimentieren müssen. Die Autoindustrie macht man systematisch kaputt , Energie bald unbezahlbar, mit die höchsten Steuern in Europa.
    Anstatt Trump als Hassprediger zu bezeichnen und ihm unsere Werte beibringen zu wollen, sollte man sehen, wie man mit den USA zu einem besseren Verhältnis kommt.

  • ich plädiere für ein Investionsprogramm Umweltschutz 3.0 in Höhe von 100-200 Milliarden Euro, was auch Afrika als Investitionsraum einschließen sollte (Stichwort DesertTech). Neben Umweltschutz könnten wir damit endgültig unsere immense Energie Ressourcen Abhängigkeit von Außen reduzieren. Über Nacht waren wir bereit 200-500 Milliarden (die Zahlen daüber liegen in diesem Bereich) in die Rettung des Anglo-amerikanischen Geldsystem zu stecken...und doch hat jeder Angst, dass es schon morgen wieder zusammenkracht. Also wenn die Zinsen niedrig sind, dann diesmal für was nachhaltiges investieren.

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