Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Sahra Wagenknecht

Wer auf Wagenknecht folgt, ist noch unklar.

(Foto: Reuters)

Analyse Der Rückzug von Sahra Wagenknecht hat die Wucht, die Linke zu spalten

Mit Sahra Wagenknecht verliert die Linke nicht nur eine Fraktionschefin, sondern ihr Gesicht. Die schwierige Partei muss nun aufpassen, nicht daran zu zerbrechen.
Kommentieren

DüsseldorfDie Nachricht vom Rückzug Sahra Wagenknechts hatte sich gerade erst verbreitet, da ploppte eine Debatte auf, die viele in der Linkspartei empörte. Eine Zusammenarbeit mit den Linken würde nun einfacher, twitterte etwa SPD-Vize Ralf Stegner. In Wagenknechts sonst heillos zerstrittener Partei sorgte das ausnahmsweise mal dafür, dass die Reihen sich schlossen. Viele fanden Stegners Äußerung unangemessen.

Wagenknechts Entscheidung überraschte am Montag nicht nur viele in der Partei. Die vergangenen zwei Jahre waren von dem parteiinternen Machtkampf zwischen ihr und der Parteiführung dominiert. Spätestens jetzt ist die seit jeher wackelige Binnenstabilität der Partei bedroht, im schlimmsten Fall könnte die Linke daran sogar zerbrechen.

Die Ambivalenz der komplizierten Partei tritt in diesen Tagen offen zutage, der Gemütszustand reicht von Erleichterung bis zur Bestürzung. Wagenknecht ist die mit Abstand populärste Politikerin der Partei und sicherte den Linken bei Wahlen damit wichtige Stimmen – darin waren sich selbst ihre Gegner weitgehend einig. Dennoch sind ihr viele seit langem in herzlicher Abneigung verbunden.

Wagenknecht hat ihrer Partei viel zugemutet. Ihre Vorstöße in der Flüchtlingspolitik dienten dem strategischen Zweck, Wähler von der AfD zurückzuholen und andere von einem Wechsel abzuhalten. Vielen in der Partei ging sie damit jedoch zu weit. In der Fraktion scheiterten mehrere Putschversuche.

Einfangen ließ sich Wagenknecht nicht. Im vergangenen Jahr brüskierte sie die Parteiführung, als sie gegen deren Willen die Bewegung „Aufstehen“ initiierte. Beim Parteitag im Juni 2018 in Leipzig wurde sie dafür von der eigenen Partei ausgebuht.

Im Anschluss an die zahlreichen Solidaritätsgesten brachen die Grabenkämpfe und die Schuldfrage in dieser Woche offen aus. Mehrere Abgeordnete warfen Wagenknechts Gegnern – wie schon häufiger – öffentlich Mobbing vor. Wagenknecht als Opfer einer systematischen Kampagne, das ist zumindest die Erzählung von Personen aus dem Wagenknecht-Lager, zu dem etwa ein Viertel der Abgeordneten aus der 69-köpfigen Bundestagsfraktion gezählt werden.

Die Machtübergabe des Übervaters Gregor Gysi gelang 2015 weit besser als erwartet. Bei den anschließenden Wahlen und auch danach konnte die Partei ein stabiles Wählerpotenzial von 10 Prozent binden. Wagenknecht war dies nicht genug. Deshalb riskierte sie viel mit dem Versuch, mit „Aufstehen“ eine Sammlungsbewegung aufzubauen.

Personen sind nicht wichtiger als Parteien

Im Dezember demonstrierte Wagenknecht mit ihren Anhängern in bunten Warnwesten. Aber das Kopieren der französischen Protestbewegung mochte nicht verfangen. Deutschland tickt politisch anders als das Nachbarland, wo Personen wichtiger sind als Parteien.

Die gesundheitlich bedingte Auszeit wird in Wagenknecht die Einsicht verfestigt haben. Intern deutete sie dies bereits Anfang des Jahres an, dass „Aufstehen“ gescheitert ist. In der Fraktion gingen viele davon aus, Wagenknecht würde sich nun wieder mit voller Energie der Fraktionsarbeit widmen. Aber sie täuschten sich: Nach Oskar Lafontaine und Gregor Gysi verliert die Partei ihr drittes prominentes Gesicht an der Spitze.

Wagenknecht hinterlässt ein Vakuum. Kompensiert der linke Parteiflügel den Verlust einer einflussreichen Stimme? Nutzen die Pragmatiker die Gelegenheit, um ihren Einfluss auszubauen?

Der oder die Neuen müssen, um das Wählerspektrum zu erweitern, die Außenwirkung der Partei optimieren, die Reibungspunkte der Lager abmildern und ganz nebenbei das diffuse Verhältnis zu Regierungsbeteiligungen auflösen. Das geht, wenn überhaupt, nur zusammen mit der Parteiführung. An ihnen wird es liegen, die verschiedenen Strömungen zusammenzuhalten und Wagenknechts Anhänger einzubinden, um einen Bruch zu verhindern.

Wagenknecht will ihr Mandat behalten. Dass sie sich als einfache Abgeordnete ein- und unterordnet, ist nicht wahrscheinlich. Ihren Einfluss wird sie behalten, das gilt auch im Hinblick auf ein mögliches Bündnis mit SPD und Grünen. Stünde die Linke eines Tages vor dieser Entscheidung, wäre sie es, die die Skeptiker in der Partei überzeugen könnte. Anhänger solcher Koalitionen machten bei ihr schon vor der Bundestagswahl mehr Offenheit aus.

Wagenknecht ist erst 49, damit käme sie mittelfristig theoretisch noch für ein Ministeramt in Betracht. „Biografien haben viele Wendepunkte, man kann in seinem Leben nie Dinge ausschließen.“ Das sagte Wagenknecht und ließ damit vieles offen.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Analyse - Der Rückzug von Sahra Wagenknecht hat die Wucht, die Linke zu spalten

0 Kommentare zu "Analyse: Der Rückzug von Sahra Wagenknecht hat die Wucht, die Linke zu spalten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.