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Ärzte im Krankenhaus

Die gesetzlichen Kassen haben größere Probleme, ihre Ausgaben im Griff zu halten als die privaten.

(Foto: Taxi/Getty Images)

Analyse Die private Krankenversicherung subventioniert die gesetzlichen Kassen mit

Schon oft wurde das Ende der PKV beschworen. Doch ein Aus würde ein milliardenschweres Loch im Gesundheitssystem hinterlassen.
1 Kommentar

BerlinTotgesagte leben länger. Es ist keine zwei Jahre her, da sagte Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse (TK), der größten gesetzlichen Krankenkasse (GKV) mit zehn Millionen Versicherten, der privaten Krankenversicherung (PKV, 8,8 Millionen Versicherte) ein langes Siechtum voraus. „Langfristig ist kein Platz für die kränkelnde PKV.“ Die Privaten würden verschwinden, denn „die Ausgaben steigen hier besonders stark, weil die Ärzte gern viel abrechnen.“

„Das Ende der PKV ist nur noch eine Frage der Zeit“, legte die Chefin der NRW-Landesvertretung der TK, Barbara Steffens (SPD), früher NRW-Gesundheitsministerin, im Juli nach. Noch dramatischer sieht der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach, die Lage. Er sagte im Interview mit dem „Donau-Kurier“, die PKV könne ihre Ausgaben nicht steuern. „Sie steigen ungefähr doppelt so schnell wie in der GKV.“

Doch legt eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP) nahe, dass die drei, zumindest was die Ausgabendynamik anbelangt, nicht auf dem Laufenden sind. Der Studie zufolge steigen die Ausgaben je Versicherten bei den Privaten langsamer.

Zwischen 2006 und 2016 stiegen die GKV-Ausgaben um 48,3 Prozent, die der PKV aber nur um 43,1 Prozent. Bereits seit 2009 wuchsen die Ausgaben jedes Jahr weniger als bei der gesetzlichen Konkurrenz (siehe Grafik).

Offensichtlich haben inzwischen also die gesetzlichen Kassen die größeren Probleme, ihre Ausgaben im Griff zu halten, gelöst. Ein Grund dafür könnte sein, dass das letzte Spargesetz für die GKV acht Jahre zurückliegt und der Gesetzgeber seither eine expansive Gesundheitspolitik betrieben hat. Gerade hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sein Terminservice- und Versorgungsgesetz auf den Weg gebracht, das die Ausgaben in der GKV für Ärzte um 1,5 Milliarden Euro in die Höhe treiben könnte.

Bedeutung der PKV für das Gesundheitssystem

„Trotzdem hat die Bedeutung der Privatversicherten für alle Leistungsanbieter im Gesundheitswesen im Zeitverlauf weiter zugenommen“, so WIP-Leiter Frank Wild. Gemeint ist der sogenannte Mehrumsatz in der PKV. Das ist die Summe, die die privaten Kassen für jeden Versicherten mehr ausgeben als die GKV, weil sie Ärzten und Physiotherapeuten höhere Honorare zahlen und teure Originalmedikamente erstatten. Dagegen haben die Kassen für viele Arzneimittel Rabattverträge ausgehandelt und bezahlen nicht jedes Produkt.

Grafik

Dieser Mehrumsatz erreichte 2016 mit 12,89 Milliarden Euro einen neuen Rekord. Das Geld würde dem Gesundheitssystem von heute auf morgen entzogen, gäbe es keine PKV mehr.

Seit 2006 ist der Mehrumsatz um 3,2 Milliarden Euro oder 33 Prozent gestiegen. Er wirkt wie eine Subvention für das schlechtere Honorare zahlende System der gesetzlichen Kassen. Dies zeigt sich vor allem bei Ärzten und Zahnärzten. Auf die ambulante Arztbehandlung entfällt mit 9,5 Milliarden Euro der größte Anteil des Mehrumsatzes.

Ohne dieses Geld würden jeder Arztpraxis im Durchschnitt 50.200 Euro im Jahr fehlen. Das könnte für manche Praxis schon existenzgefährdend sein.

In allen Leistungsbereichen zahlt die PKV drauf. Sie stellt nur elf Prozent der Versicherten, zahlt aber 23,5 Prozent der ärztlichen und 26,3 Prozent der zahnärztlichen Versorgung. Bei Arzneimitteln liegt der Ausgabenanteil bei 13 Prozent, bei Heilmitteln bei über 20 und bei Hilfsmitteln wie Rollstühlen bei 15 Prozent.

Im Krankenhausbereich war der Mehrumsatz der PKV dagegen mit 665 Millionen Euro gering. Grund ist, dass für Privatpatienten im Krankenhaus die gleichen Honorarsätze gelten wie für gesetzlich Versicherte. Zusatzausgaben entstehen lediglich für Wahlleistungen wie Einbettzimmer und Chefarztbehandlung.

Dagegen zahlt die PKV für jede ambulante Leistung etwa doppelt so viel wie die gesetzlichen Kassen. Schuld ist die für Privatpatienten geltende Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ). Danach muss die PKV jede Leistung einzeln zahlen. Der Mediziner kann bis zum 3,5-fachen Gebührensatz abrechnen.

Dagegen sind die Honorare in der GKV begrenzt. Das sorgt für Verdruss bei den Ärzten. Es besteht der Verdacht, dass sie sich bei der PKV das Geld holen, was ihnen die gesetzlichen Kassen aus ihrer Sicht zu wenig zahlen.

Reform der Gebührenordnungen

Union und SPD haben sich deshalb darauf verständigt, die Gebührenordnungen von PKV und GKV zu reformieren. Eine Kommission von 13 Wissenschaftlern unter Vorsitz des Frankfurter Gesundheitsökonomen Wolfgang Greiner hat am Mittwoch ihre Arbeit aufgenommen. Sie soll bis Ende 2019 ihren Bericht vorlegen.

Tatsächlich haben sich die Verhältnisse als Folge der großzügigen Gesundheitspolitik für die GKV in den vergangenen Jahren aber auch so schon etwas angeglichen. Der Anteil des Mehrumsatzes an allen Ausgaben der PKV sank seit 2006 von 42,8 auf 37,1 Prozent.

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1 Kommentar zu "Analyse: Die private Krankenversicherung subventioniert die gesetzlichen Kassen mit"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Das sog. "Wissenschaftliche Institut" der PKV (WIP) behauptet die PKV würde die GKV subventionieren.
    Esso wissenschaftlich wie die satirische Aussage " Rauchen ist nicht gesundheitsschädlich gez. Dr. Dr. Marlboro".
    Die GKV hat erst die Infrastruktur Krankenhäuser und deren Erhaltung möglich gemacht.
    Die PKV hat sich nicht um sozial Schwache, oder um Flüchtlinge zu kümmern.
    Die PKV macht Rosienenpickerei, greift auf die von der GKV geschaffene Infrastruktur zurück, dafür bezahlt sie im Nachninein den Ärzten ein höheres Honorar.

    Liebes HB, bitte mehr Sachlichkeit und weniger Hörigkeit auf Lobbyisten.