Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Steuermodelle

Für eine weitreichende Steuerreform müsste das Ehegattensplitting abgeschafft werden – doch da könnte das Grundgesetz im Weg stehen.

(Foto: Photographer's Choice/Getty Images)

Analyse zum FDP-Vorschlag Für eine echte Steuerreform muss das Ehegattensplitting abgeschafft werden

Die FDP will die Steuerklassen III und V abschaffen. Das könnte die Arbeit von Frauen aufwerten – ist aber eher ein psychologischer Vorteil. Andere Vorschläge zum Steuerrecht gehen weiter.
4 Kommentare

BerlinIn der Wirtschaft hat die FDP viel Lob geerntet für ihren Parteitagsbeschluss, sich für eine Abschaffung der Ehegattensplitting-Steuerklassen III und V einsetzen zu wollen: Vor allem die Lohnsteuerklasse V, die Klischee-Steuerklasse für die Zweitverdienerin, diskriminiere Frauen und setze den falschen Anreiz, nicht zu arbeiten, begründeten die Liberalen ihren Vorstoß. Dafür haben sie viel Applaus erhalten, vor allem von den Handwerksverbänden.

In der breiten Bevölkerung jedoch stößt das Vorhaben auf deutliche Ablehnung: In einer repräsentativen Online-Umfrage von YouGov mit 501 Teilnehmern im Auftrag des Handelsblatts sprachen sich 58 Prozent gegen eine Abschaffung der Steuerklasse V aus. Nur 26 Prozent waren dafür. Die übrigen hatten dazu keine Meinung.

In der Politik wiederum stieß das Vorhaben, die Steuerklassen III und V abzuschaffen, auf wenig Resonanz. Der Grund: Bereits heute ist kein Ehepaar dazu gezwungen, sich für diese Steuerklassen zu entscheiden. Die mögliche Alternative: Beide wählen die Steuerklasse IV, in der beide zunächst ihr Einkommen wie Singles versteuern.

Ein etwaiger Splittingvorteil wird dann mit der Steuererklärung erstattet. Der Splittingvorteil ist umso höher, je größer der Einkommensunterschied zwischen den Eheleuten ist. Verdienen beide ähnlich viel oder wenig, gibt es keinen Vorteil.

Bisher wählen viele Ehepaare die Klassen III und V, vor allem dann, wenn die Partner sehr unterschiedlich hohe Gehälter erzielen: Der Vorteil des Ehegattensplittings wird dann sofort beim hohen Einkommen, meist des Mannes, in der Steuerklasse III angerechnet. Der Nachteil: In der Steuerklasse V der hinzuverdienenden Ehefrau zählt dann nicht einmal mehr der Grundfreibetrag auf dem Lohnzettel. Dort steht also besonders wenig Netto vom Brutto.

Nach der Steuererklärung am Jahresende sind de facto zwar alle Ehepaare entsprechend dem gemeinsamen Verdienst gleichgestellt. Doch der Monats-Lohnzettel ist in Klasse V erst einmal enorm demotivierend. In Ehen, in denen der Mann besonders viel verdient und die Frau besonders wenig, entfaltet die III-V-Steuerklassenkombi psychologisch den Eindruck, dass sich das Arbeitseinkommen der Frau finanziell gar nicht lohnt.

Dabei können Ehepaare auch mit Steuerklasse IV im Jahresverlauf den Splittingvorteil monatsweise realisieren: Das ist dann der Fall, wenn sie das Faktorverfahren wählen. Das müssen sie alle zwei Jahre beim Finanzamt auf Basis ihrer bisherigen Löhne beantragen, das den Ausgleichsfaktor berechnet. Das Ergebnis müssen sie dann den Arbeitgebern mitteilen. Der Bürokratieaufwand ist somit etwas höher als bei der Kombi III/V.

Die FDP würde mit ihrem Vorstoß also in stark patriarchalisch geprägten Ehen mit großen Lohnunterschieden Frauen einen psychologischen Vorteil verschaffen: Ihnen bliebe es erspart, ihren Ehemännern klarzumachen, dass deren Monatsnetto geringer ausfiele, wenn sie nicht verheiratet wären, und ihr eigener Einkommensbeitrag höher ist, als der monatliche Lohnzettel ausweist.

Wie häufig wird welche Steuerklasse gewählt?

Wie viele Ehepaare heute die Steuerklassen III/V und wie viele IV/IV gewählt haben, geht aus den Datensammlungen des Bundesfinanzministeriums nicht vollständig hervor. Es gibt allerdings Indizien dafür, dass die Kombi III/V weniger häufig gewählt wird.

Jedenfalls ist die Zahl der Alleinverdiener-Ehen gesunken: von 3,7 Millionen im Jahr 2010 auf 2,9 Millionen im vergangenen Jahr. Die der Doppelverdiener-Ehen nahm im gleichen Zeitraum von 8,9 Millionen auf 10,2 Millionen zu.

Über die Steuerklassenzugehörigkeit fehlen derartige Verlaufszahlen. Laut Finanzministeriums-Statistik waren im Jahr 2014 – neuere Zahlen liegen nicht vor – 3,2 Millionen Frauen in Steuerklasse V, 2,8 Millionen in Steuerklasse IV und 9,8 Millionen in der Single-Steuerklasse I. Weitere 2,2 Millionen Frauen waren in Steuerklasse III: Sie verdienten also vermutlich deutlich mehr als ihr Ehemann.

Bei den Männern waren 8,4 Millionen in Steuerklasse III, aber nur 404.000 in Steuerklasse V. Elf Millionen Männer waren in der Single-Steuerklasse I. Ablesen lässt sich daraus nur, dass offenbar ähnlich viele Ehepaare IV/IV wählen wie III/V, jedenfalls im Jahr 2014.

Grüne und SPD wollen Ehegattensplitting abschaffen

Eine echte Modernisierung des Steuerrechts für Ehepaare würde sich allerdings nicht mit der Abschaffung der Steuerklassen III/V begnügen, sondern die Abschaffung des Ehegattensplittings angehen. Die Grünen etwa fordern dies und die SPD im Wahlkampf für neu geschlossene Ehen.

Aus verfassungsrechtlichen Gründen ist eine vollständige Individualbesteuerung – es gäbe nur Steuerklasse I – vermutlich nicht möglich: Das Grundgesetz verlangt, dass Eheleute füreinander einstehen. Die Steuerexperten des DIW plädierten deshalb im Bundestagswahljahr 2017 für eine Individualbesteuerung mit übertragbarem Grundfreibetrag, wenn der geringer verdienende Partner diesen nicht ausschöpfen kann. Wenn nur einer verdient, der aber für den Unterhalt des Partners verantwortlich ist, wäre dies durch den Grundfreibetrag gesichert.

Familienleistungen würden dann davon abhängig gemacht, ob Kinder zu versorgen sind. Würde auf eine solche Individualbesteuerung umgestellt, dann würde der Staat vor allem Ehepaare, bei denen einer ein sehr hohes Einkommen hat, stark belasten und jährlich 15 Milliarden Euro mehr einnehmen, haben die DIW-Forscher errechnet. Dieses Geld könnte für allgemeine Steuersenkungen verwendet werden oder für andere Familienleistungen oder den Ausbau von Kitas.

„Bei Ehepaaren mit geringeren Einkommen würde sich kaum etwas ändern, höhere Splittingvorteile würden dagegen begrenzt“, so die DIW-Forscher. Für bestehende Ehen und Ehepaare mit kleinen Kindern müsste es Übergangsregeln geben. Für verheiratete Frauen jedenfalls würde sich der Anreiz verstärken, eine Arbeit aufzunehmen. Und einfacher als alle Splittingmodelle wäre die Individualbesteuerung mit übertragbarem Grundfreibetrag auch.

Die schwarz-rote Koalition will eine echte Steuerreform für Eheleute mit Abschaffung des Ehegattensplittings nicht angehen. Union und SPD hatten lediglich vereinbart, die Steuerzahler über diese Möglichkeit der Steuerklassen-Kombi IV/IV mit Faktorverfahren „besser zu informieren“, wie es im Koalitionsvertrag heißt.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Analyse zum FDP-Vorschlag - Für eine echte Steuerreform muss das Ehegattensplitting abgeschafft werden

4 Kommentare zu "Analyse zum FDP-Vorschlag: Für eine echte Steuerreform muss das Ehegattensplitting abgeschafft werden"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • ECHTE STEUERREFORM (die diesen Namen auch verdient) würde heißen:
    Einführung einer FLAT TAX (wie es sie etwa in Hongkong, Estland oder auch Tschechien bereits gibt).
    Das würde selbstverständlich bedeuten: Extrem-Kahlschlag bei Verwaltung und Bürokratie und am besten Reduzierung des Staates auf einen Minimalstaat. Noch besser: gleichzeitig Austritt aus der EU - dann würden nämlich auch noch gigantische Zahlungen an den Brüsseler Bürokraten-Wasserkopf wegfallen...

  • Die FDP zeigt dass sie keine liberale freiheitliche Partei ist, sondern eine Partei die gerne zu einer diktatorischen Maßnahme greift, um einen psychologischen nicht faktischen Eindruck zu kaschieren, dass sich das Arbeitseinkommen der Frau finanziell gar nicht lohnt.
    Jeder der nur die Grundschule überstanden hat kann nachrechen, dass sich das in der Steuererklärung am Jahresende nivelliert. Dass die FDP auf das Niveau der Roten und SEDfaschisten sowie Grünen fällt, raubt einem die letzte Möglichkeit eine Altpartei zu wählen.
    Hier soll in dümmlicher Weise Mann gegen Frau aufgehetzt werden, was aber in einer Familie nicht verfängt, hier ist das Familieneinkommen/Monat das Wichtigste und nicht wer auf das Gemeinschaftskonto wie viel einbringt, inklusive Transferleistungen. Die meisten sind nicht in der Situation 1 1/2 Jahre bis zur Steuerrückzahlung durch die Steuererklärung zu warten.
    Was das Ehegattensplitting mit einer Steuerreform zu tun hat erschließt sich eh keinem, da das Ehegattensplitting Steuerklasse lll/V ein Nullsummenspiel ist.
    Die Lindner Einmannshow der FDP zeigt doch wie überfordert diese Partei ist.
    Für eine umfassende Steuerreform ist genug Geld vorhanden, man muss es nur wollen und tun, die FDP will nicht.

  • Da pflichte ich meinem Vorredner voll und ganz bei. Auch vergessen die Grünen und die SPD völlig, dass Familie mehr als nur das Großziehen von Kindern bedeutet. Auch die Pflege der Eltern wird bei vielen Familien von einem Ehepartner (der nicht berufstätig ist und sein kann) übernommen. Um das zu ermöglichen ist das Ehegatten-Splitting ganz klar unbedingt erforderlich.

  • Die Abschaffung des Ehegattensplitting ist Social Engineering. Ich lehne das klar ab. Ehegatten sind eine Gemeinschaft und die Basis der Familie. Es ist klar, dass die Abschaffung des Ehegattensplittings immer wieder von Seiten der Grünen und Teilen des SPD propagiert wird. Ihnen bedeutet Ehe, Treue, Einstehen füreinander nichts. Sie wollen die Fundamente dieser Gesellschaft schwächen.