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Andreas Schleicher Pisa-Koordinator: „Das deutsche Abitur-System ist nicht effizient“

Der Pisa-Koordinator der OECD, Andreas Schleicher, wirbt für Einheitlichkeit: Das Zentralabitur. Egal ob auf bayerischem oder Bremer Niveau.
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Der Pisa-Koordinator kritisiert das bestehende Abitursystem. Quelle: imago/GlobalImagens
Andreas Schleicher

Der Pisa-Koordinator kritisiert das bestehende Abitursystem.

(Foto: imago/GlobalImagens)

Berlin Die Wirtschaft spricht sich für ein Zentralabitur aus. „Ein vergleichbares Abitur ist zum Vorteil aller Schüler“, sagte Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), dem Handelsblatt. Deshalb sollten die Länder aus Kramers Sicht in wichtigen Kernfächern wie Mathematik gemeinsam Aufgaben entwickeln und sicherstellen, dass alle darauf zurückgreifen. „Natürlich muss nicht alles komplett identisch sein. Aber es gilt: Der Bildungsföderalismus muss sich bewegen, damit er überleben kann“, sagte der Arbeitgeberpräsident. 

Auch der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer, sieht das ähnlich: „Für unsere Unternehmen sind bundesweite Bildungsziele und Standards wichtig, die verbindlich und einheitlich umgesetzt werden“, sagte er dem Handelsblatt. Nur so könnten Betriebe Leistungsanforderungen und Abschlüsse sinnvoll miteinander vergleichen. „Die bundeseinheitlichen Prüfungen der Industrie- und Handelskammern in der Beruflichen Bildung zeigen, dass das möglich ist“, so Schweitzer.

Andreas Schleicher, Bildungsexperte und Pisa-Koordinator der OECD, kritisiert das derzeitige System als „nicht effizient“. Das Problem sei, dass das Abitur zwar innerhalb der Bundesländer, nicht aber zwischen den Ländern vergleichbar ist, aber dennoch bundesweit zum Studium berechtige. So würden Schüler aus Ländern mit schwererem Abitur systematisch benachteiligt und entsprechend Ressourcen verschwendet: „Wenn man sicherstellen will, dass die besten Studienplätze an die besten Bewerber fallen, muss der Maßstab vergleichbar sein“, sagte Schleicher dem Handelsblatt. 

Zu Bayerns Widerstand gegen ein Zentralabitur sagte Schleicher: „Das Problem ist leicht lösbar, wenn man das bayerische Modell bundesweit ausdehnt. Hauptsache, man macht die Unterschiede, die es ja gibt, für jeden sichtbar.“ Letztlich sei es aber egal, welchen Maßstab man verwendet: „Man könnte auch das Bremer Abitur für alle nehmen. Denn am Ende geht es immer um die Verteilung der Bewerber auf eine begrenzte Zahl von Studienplätzen.“

Lesen Sie hier das Interview.

Herr Schleicher, Deutschland streitet übers Zentralabitur – wie sieht es international aus?
Sehr unterschiedlich. In den USA gibt es gar kein Abi, dort machen Universitäten dann Aufnahmeprüfungen. Frankreich hat schon immer ein Zentralabitur. Es macht Sinn, auf das eine oder das andere zu setzen. Die Abiturnote ist jedoch weit aussagekräftiger, sie spiegelt einen langen kumulativen Prozess – eine Aufnahmeprüfung ist sehr kurz und abhängig von Tagesform und auch Glück, also eine Notlösung! Das deutsche Modell eines Zentralabiturs auf Länderebene ist sehr selten.

Was spricht gegen das deutsche föderale Modell?
Das Problem ist, dass das Abitur zwar innerhalb der Bundesländer vergleichbar ist, aber nicht zwischen den Ländern, aber dennoch bundesweit zum Studium berechtigt. Das ist ungerecht, denn Schüler aus Ländern mit schwererem Abitur werden systematisch benachteiligt. So werden Ressourcen verschwendet. Wenn man sicherstellen will, dass die besten Studienplätze an die besten Bewerber fallen, muss der Maßstab vergleichbar sein – das jetzige System ist also nicht effizient.

Vor allem Bayern fürchtet, das dortige angeblich besonders hohe Niveau des Abiturs werde in einer zentralen Lösung nach unten gezogen.
Das Problem ist leicht lösbar, wenn man das bayerische Modell bundesweit ausdehnt. Hauptsache, man macht die Unterschiede, die es ja gibt, für jeden sichtbar. Letztlich ist es aber egal, man könnte auch das Bremer Abitur für alle nehmen – denn am Ende geht es immer um die Verteilung der Bewerber auf eine begrenzte Zahl von Studienplätzen.
Viele klagen, das Abitur sei generell weniger wert als vor 20 oder 30 Jahren.

Das ist eine sehr spannende Frage, die wir aber empirisch nicht klären können, weil das Abitur über die Jahre leider nicht direkt vergleichbar ist. Es gibt aber Indizien, dass es so ist: Denn während die Abiturnoten tendenziell deutlich besser geworden sind, haben sich die Pisa-Ergebnisse der 15-Jährigen nicht verbessert.
Was empfehlen Sie Deutschland?

Über die Jahre gab es immer mal wieder Kritik an Abituraufgaben. Würden die Bundesländer nicht länger ihre eigene Suppe kochen, sondern ihre Kräfte weit stärker bündeln als bisher, stiege auch die Qualität der Abituraufgaben. Der Pool, den es schon gibt, ist ein Anfang, den man stark ausbauen sollte.

Mehr: Immer lauter werden die Stimmen nach einer Reform des Abiturs – der Druck auf die Kultusminister steigt, aber die Politik ist sich noch uneins.

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