Anschlag in Freital Auto von Linken-Stadtrat in die Luft gesprengt

Die Stimmung im sächsischen Freital ist aufgeheizt, nun gibt es neuen Zündstoff: Bei einem mutmaßlichen Sprengstoffanschlag wird das Auto eines Kommunalpolitikers zerstört. Der engagiert sich für Flüchtlinge.
Update: 27.07.2015 - 19:47 Uhr 22 Kommentare

Opfer des Anschlags: „Dachte erst, es sei ein Böller detoniert“

FreitalWindschutzscheibe und Seitenfenster raus, die Heckscheibe zersplittert, Dach und Türen verbeult - so beschreibt Michael Richter sein Auto nach der Detonation, der für ihn ein Sprengstoffanschlag ist. Er hatte den Wagen in der Nacht zum Montag vor seinem Wohnhaus in Freital geparkt, als ihn nach Mitternacht ein lauter Knall aus dem Schlaf riss. „Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich eine schwarze Rauchwolke über meinem Fahrzeug“, berichtet der Linke-Politiker, der Fraktionschef im Freitaler Stadtrat ist.

Richter spricht von einer „sehr aufgeheizten Stimmung“, die sich nun Bahn breche - in Freital und in ganz Sachsen. „Viele Menschen, die sich für die Belange von Geflüchteten einsetzen, haben auch Angst in dieser Situation.“ In den vergangenen Wochen sorgte die Kleinstadt nahe Dresden mit ausländerfeindlichen Protesten vor einer Flüchtlingsunterkunft bundesweit für Aufsehen. Richter stand auf der Gegenseite, hat Veranstaltungen gegen Rassismus mitorganisiert.

Er habe zwar nicht mit einem Anschlag gerechnet, sagt er. Wirklich überrascht habe ihn der Vorfall aber auch nicht. „Eventuell war es vorauszusehen.“ Richter berichtet von Morddrohungen, die er in den vergangenen Monaten über Facebook erhalten habe. Dort sei unter anderem gefordert worden, ihn zu steinigen. Die Linke geht von einem rechtsextremen Hintergrund aus. „Ich bin eines der Gesichter in Freital, die sagen: Wir sind für Asyl. Und ich denke, das ist der Grund für den Anschlag.“

Bachmann organisiert Anti-Asyl-Protest vor seiner Haustür
Pegida-Chef Lutz Bachmann
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„Auf die Straße, Leute! Wehrt Euch!“: Lutz Bachmann stachelte mit einem Facebook-Aufruf wütende Proteste gegen eine Flüchtlingsunterkunft in seinem Heimatort Freital an. Seit Montag gibt es in dem sächsischen Städtchen Proteste und Gegendemonstrationen. Die Polizei ist mit einem massiven Aufgebt vor Ort. Bachmann selbst nennt die Erstaufnahmestelle bei Facebook ein „Glücksritter-Heim“.

Fremdenfeindlicher Aufkleber in Freital
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„Asyl-Wahn Stoppen - Nein zum Heim - Wutbürger“ klebt an einem Laternenmast in unmittelbarer Nähe des Leonardo-Hotels in Freital. Zur Erstaufnahme von Flüchtlingen nutzt Sachsen vorübergehend ein Hotel in Freital bei Dresden. Die Demonstranten nutzen die selben Vorurteile, das selbe Vokabular, das montags bei den Pegida-Kundgebungen in Dresden zu hören ist, zu denen allwöchentlich noch immer zwischen ein- und zweitausend Menschen strömen.

Asylunterkunft in Freitaler Hotel
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Das Streitobjekt: Das Leonardo-Hotel in Freital. Seit Wochen gibt es gegen die Unterbringung der Asylbewerber Proteste in der nur 20 Autominuten vom Zentrum Dresdens entfernten Stadt. Doch seit die Landesdirektion am Montag angekündigt hat, neben den rund 100 bereits vom Landkreis untergebrachten Flüchtlingen noch Platz für bis zu 280 weitere Erstaufnahmen zu schaffen, schlagen die Wellen hoch.

Protest gegen Flüchtlinge in Freital
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In der sächsischen Kleinstadt Freital hat die Polizei mit einem Großaufgebot demonstrierende Befürworter und Gegner eines Asylbewerberheims auseinandergehalten. 200 Unterstützer des Asylbewerberheims hätten sich in der Nacht zum Mittwoch rund um das Gebäude, ein ehemaliges Hotel, postiert, sagte der Polizeiführer vom Dienst in Dresden.

Gegendemonstranten in Freital
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Ihnen hätten 80 Gegner gegenübergestanden, aus deren Reihen vereinzelt Eier auf die Befürworter geworfen worden seien. Unter ihnen sollen bekannte Mitglieder der gewaltbereiten Neonazi-Szene gewesen sein. Feuerwerkskörper wurden gezündet. Etwa 60 Polizisten seien im Einsatz gewesen, um gewaltsame Zusammenstöße zwischen den beiden Gruppen zu verhindern.

Demonstranten heißen Flüchtlinge Willkommen
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Es habe allerdings heftige verbale Auseinandersetzungen zwischen beiden Seiten gegeben, die teils „unter der Gürtellinie“ gewesen seien, sagte der Polizeibeamte. Gegen 00.30 Uhr hätten sich die Versammlungen aufgelöst, 30 Befürworter des Heims seien aber zunächst vor Ort geblieben. Am frühen Morgen waren es den Angaben zufolge noch drei.

Polizisten schützen Flüchtlinge in Freital
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Die Polizei ist derzeit nach eigenen Angaben rund um die Uhr vor Ort, um Zwischenfälle zu verhindern. Für Mittwoch und Donnerstag wurden weitere Versammlungen rund um das Wohnheim angemeldet. In das Übergangswohnheim waren den Angaben zufolge am Montag rund 130 Asylbewerber eingezogen und am Dienstag etwa 130 weitere.

Die Polizei betont unterdessen, in alle Richtungen zu ermitteln. Derzeit prüft das für Extremismus zuständige Operative Abwehrzentrum (OAZ), den Fall zu übernehmen. Richters Auto stand zum Zeitpunkt der Explosion auf der Dresdner Straße, einer Hauptverkehrsstraße, die sich durch Freital schlängelt. „Auch zu dieser Uhrzeit können dort Menschen unterwegs sein, die durch Splitter hätten verletzt werden können“, sagt der Politiker. Ein Anwohner berichtet, dass seine Tochter nur ein paar Autos entfernt geparkt habe. Ein paar Lackkratzer habe der Wagen abbekommen.

Reden über die Stimmung in Freital möchte niemand. Auch nicht über das Flüchtlingsheim oben auf dem Berg. „Da habe ich meine ganz spezielle Meinung dazu“, sagt ein älterer Anwohner. Grünen-Fraktionschef Volkmar Zschocke spricht unverblümt von einer Gewalteskalation gegen Flüchtlinge, Helfer und Unterkünfte.

In einem Dresdner Zeltlager hatte es vor der Ankunft der ersten Asylbewerber am Freitag gewalttätige Auseinandersetzungen gegeben, im Stadtteil Stetzsch flogen am Wochenende Steine auf ein zum Asylbewerberheim umgebautes Hotel. „Die rassistische, fremdenfeindliche Stimmung, die „besorgte Bürger“ oder „Asylgegner“ aller Generationen schüren, wirkt wie Brandbeschleuniger für diese Angriffe“, bemerkt Zschocke.

Aufnahme von Flüchtlingen: „Alle sind überfordert“

„Wir haben eine Situation, wo mittlerweile jeden Tag sich die Gewaltspirale weiter dreht. Wir haben offenen Hass auf den Straßen“, erklärt Linke-Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn. Die Landesgeschäftsführerin der Linken, Antje Feiks, warnte vor „rechtem Terror“ gegen Andersdenkende und Asylsuchende. „Eine solche Welle des Rassismus' und der Menschenfeindlichkeit hat man bisher mit Rostock-Lichtenhagen oder Hoyerswerda in den 90ern assoziiert.“

Auch SPD-Fraktionschef Dirk Panter findet klare Worte: „Sollten sich bewahrheiten, dass in Freital jetzt gezielt ein Sprengstoffanschlag auf das Auto eines Kommunalpolitikers verübt wurde, dann haben wir es mit einem Terroranschlag zu tun.“ Richter will trotz allem seine Arbeit fortsetzen wie bisher. „Weil genau das die Rechten wollen, dass wir Angst haben und diese Angst darf nicht siegen.“

  • dpa
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22 Kommentare zu "Anschlag in Freital: Auto von Linken-Stadtrat in die Luft gesprengt"

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  • Auf die Diskussion über das "Flüchtlingsproblem" möchte ich nur insoweit eingehen, als die tatsächlich nicht unerheblichen Kosten angesprochen sind. In ein Fass ohne Boden namens Hellas (Griechenland) sind über Struktur-, Kohäsions- und "Rettungs"-Fonds im Laufe der Jahre bereits über 300 Mrd. Euro geflossen, ohne dass man dort die Kurve bekommen hätte. Vor wenigen Tagen hat die Mehrheit auch der deutschen Bundestagsabgeordneten mal eben weitere 86 Mrd. de facto bereits "durchgewunken". Mit all' dem Geld könnte man (nur mal so angedacht...) die ankommenden Flüchtlinge über Jahrzehnte finanzieren und hierzulande noch die Steuern senken! Während die "Ausgaben der Flüchtlingsaufnahme und -betreuung" zu beinahe 100 Prozent in der inländischen Wirtschaft verbleiben, also hierzulande wertschöpfend sind, werden wir aus Athen nichts mehr wiedersehen. Garantiert. Allenfalls haben auch deutsche Banken von der Sozialisierung der griechischen Schulden profitiert. - Den nicht enden wollenden Skandal um die wirkungslosen Euro-"Rettungs"-Pakete sollten wir bei der Kanzlerin [angela.merkel(at)bundestag.de], den Ministern [wolfgang(at)schaeuble.de] und unserem Bundestagsabgeordneten [vorname.name@bundestag.de] mit gleicher Vehemenz kritisieren, wie wir auf tatsächliche oder empfundene Missstände bei der Asylpolitik hinweisen.

  • Nein, Schuld haben die Idioten, die Autos in die Luft sprengen und Menschen bedrohen, die nicht ihrer Meinung sind.

  • Die Politik geht für dieses Jahr von 400000 bis 500000 Neuankömmlingen und Mrd. zusätzlicher Kosten, aus und was ist dann am 31.12.2015 um 24:00 Uhr?????

    Tür zu und niemand kommt mehr hinein für immer????

    Oder müssen wir uns schon mal darauf einstellen das es im nächsten oder besser kommenden Jahren noch mehr "Neulinge" welcher Herkunft sie auch immer sein werden, eventuell müssen wir uns schon auf eine Mio. oder noch mehr gefaßt machen.
    Dann werden unsere Politiker weiter massiv Steuergelder veruntreuen, da muß es unweigerlich zu Unmut und Wut der Bevölkerung kommen.
    Echte Asylanten sollen vorübergehend Schutz erhalten, der Rest muß wieder gehen und zwar umgehend.

    Aber ach, das sind ja wieder Rechtsradikale Äußerungen, sorry

  • "die Wohlstandsflüchtlinge werden doch von der Bundesmarine an der nordafrikanischen Küste abgeholt" Das ist ja der Skandal! Und bei uns stehen immer noch geistig Zurückgebliebene bei der Ankunft bereit, die jubeln und applaudieren und sich freuen, daß das Land untergeht.

  • @Herr Horst Meiler

    ...daß es keinen Sinn macht, die weite Reise auf sich zu nehmen. ...

    einen Moment bitte, die Wohlstandsflüchtlinge werden doch von der Bundesmarine an der nordafrikanischen Küste abgeholt und nach Italien gebracht. Dann geht es gen Norden.

  • Im Prinzip müßte das Asylrecht komplett abgeschafft und völlig neu gestaltet werden. Die "Flüchtlings"zahlen werden erst dann langsam wieder sinken, wenn weltweit bekannt ist, daß es keinen Sinn macht, die weite Reise auf sich zu nehmen.

  • Asyl ist Schutz vor Gefahr und Verfolgung auf Zeit nach bestimmten Regeln, kein Schutz vor Armut und Arbeitslosigkeit, Politiker ignorieren das leider, und
    dann passieren solche und andere schlimme Taten, weil jemand durchdreht. Aktuell wird verbreitet, dass 62% der Bürger Probleme der übermäßigen Einwanderung erkennen. Sie und die anderen sehen, wie Politiker Tatsachen schaffen, zu spät oder gar nicht reagieren, zulassen, dass ihnen das Thema entgleitet. Zelte in öffentlichen Parks, Erholungsanlagen, Sporthallen und Wohngebieten bringen immer mehr Unmut normaler Bürger, welche die Politik dann pauschal zum Buhmann degradiert. Gleichzeitig lassen es die Politiker zu, dass sich ganz bestimmte Gruppen des Themas bemächtigen, während sie beschwichtigen.
    Andere EU-Staaten schieben die Riegel vor, wollen sich weder materiell noch gesellschaftspolitisch übernehmen und sprechen es ungeniert aus. Niemand will schwedische Verhältnisse wie z.B. aktuell in Malmö. Bei uns aber verharren grüne und rote Parteien in starren Positionen und auch die Union reagiert nur und agiert nicht im Sinne der Bürger. Meldungen aus Priština, woher viele kommen, ignorieren sie fast alle, obwohl diese eindeutig sind. Dort hat man wenig Verständnis dafür, dass Deutschland mit Wohnraum und Geldzuwendungen, die dortigen Löhne übersteigen, jene anlockt, die man dort braucht. ARD-Reportage Willkommen auf Deutsch zeigt eine Mutter aus Tschetschenien mit sechs Kindern, die über Polen illegal kam, dort keinen Asylantrag stellen wollte. Eine Reisende mit Ziel Deutschland. Mit Hilfe bestimmter Institutionen wird sie hier Asyl bekommen, genauso wie ein Jugendlicher aus Afghanistan aus einer anderen Reportage, der mit Hilfe kirchlicher Helfer hier Asyl bekam, obwohl er über acht verschiedene Länder zu uns kam und in Norwegen schon abgeschoben wurde. Sicher keine Einzelfälle, Wir werden den wirklich Asylberechtigten auf die Dauer so nicht mehr helfen können, wenn Gesetze gnoriert werden.

  • Es kann sich jeder dagegen entscheiden kriminell zu werden.

  • Das sind keine nur brennenden und explodierenden Autos, das sind die Lichterketten der neuen
    Begrüßungskultur, lange vorhergesehen.

  • Die Politik ist also ihrer Ansicht nach Schuld, wenn Kriminelle sich dazu entscheiden ein Auto in die Luft zu sprengen? Geht's eigentlich noch?!

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