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Arbeitnehmerorganisation Nur noch jeder fünfte Beschäftigte ist Mitglied einer Gewerkschaft

Immer weniger Beschäftigte sind noch in einer Gewerkschaft organisiert, zeigt eine IW-Studie. Für die erhoffte Trendumkehr setzt der DGB auch auf den Staat.
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Je mehr Mitglieder, desto größer die Verhandlungsmacht am Tariftisch. Quelle: dpa
Warnstreik der Eisenbahner:

Je mehr Mitglieder, desto größer die Verhandlungsmacht am Tariftisch.

(Foto: dpa)

BerlinWenn Reiner Hoffmann auf die schwindende Bindungskraft der Gewerkschaften angesprochen wird, dann tritt der DGB-Chef gerne die Flucht nach vorne an: Tag für Tag unterschrieben rund 850 Menschen den Aufnahmeantrag für eine der acht DGB-Gewerkschaften, sagt er dann. Das gelinge keiner anderen Mitgliederorganisation.

Die Krux ist nur: Selbst eine solche Eintrittswelle reicht kaum, um den demografisch oder strukturell bedingten Mitgliederschwund zu stoppen – geschweige denn, ihn umzudrehen oder für einen wieder steigenden Organisationsgrad zu sorgen. Denn angesichts des enormen Beschäftigungswachstums ist der in den zurückliegenden Jahren immer weiter gesunken.

Diese Misere bestätigt jetzt auch eine neue Untersuchung des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Demnach ist heute nicht einmal mehr jeder fünfte Beschäftigte Mitglied in einer Gewerkschaft.

In den letzten 20 Jahren sei damit der Organisationsgrad von Arbeitnehmern und Beamten um etwa ein Drittel gesunken, schreibt die IW-Forscherin Helena Schneider. In den Jahren vor der Wiedervereinigung seien sogar stets mehr als 30 Prozent der Beschäftigten Mitglied in einer Gewerkschaft gewesen.

Schneider beruft sich in ihrer Studie auf die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus), mit der das Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften alle zwei Jahre gesellschaftlichen Trends nachspürt. In dieser Umfrage bejahten 2016 nur noch 18,5 Prozent der Arbeitnehmer die Frage, ob sie Mitglied in einer Gewerkschaft sind.

Etwas höhere Werte ergeben sich, wenn neben den Beschäftigten auch Arbeitslose, Rentner, Hausfrauen und Schüler einbezogen werden. In dieser größeren Gruppe liegt der gewerkschaftliche Organisationsgrad bei etwa 26 Prozent.

Nach den IW-Berechnungen ist demnach etwa ein Drittel der Gewerkschaftsmitglieder nicht erwerbstätig – und davon wiederum sind mehr als 90 Prozent Rentner. Diese Zahlen verdeutlichen, wie groß der Druck auf die Arbeitnehmervertretungen ist, neue Mitglieder zu gewinnen.

Obwohl die Gewerkschaften stets betonen, dass sie gerade unter Jugendlichen und Auszubildenden gute Rekrutierungserfolge feiern, lag der Organisationsgrad bei den 18- bis 30-Jährigen 2016 nur bei 14,5 Prozent. Bei den über 50-Jährigen hatten dagegen 22,5 Prozent ein Gewerkschaftsbuch.

Unter den Gewerkschaftsmitgliedern sind die über 50-Jährigen mit einem Anteil von 41,5 Prozent damit deutlich überrepräsentiert, in der gesamten Arbeitnehmerschaft stellen sie lediglich 34,1 Prozent.

Einen schweren Stand haben die Arbeitnehmervertreter zudem weiterhin bei Frauen, Migranten, Teilzeitjobbern und in Ostdeutschland.

Dabei erkennen die im Rahmen der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage befragten Beschäftigten den Wert gewerkschaftlicher Arbeit durchaus an. So stimmten knapp 70 Prozent der Aussage zu, dass Arbeitnehmer starke Gewerkschaften brauchen.

Viele Beschäftigte sehen aber offenbar eigenes Engagement nicht als zwingend an, weil Tarifabschlüsse in der Regel auf alle Beschäftigten eines tarifgebundenen Unternehmens übertragen werden – auch die Nicht-Gewerkschaftsmitglieder.

Verhandlungsmacht am Tariftisch oder die Kraft, Unternehmen überhaupt in die Tarifbindung zu zwingen, haben aber nur mitgliederstarke Gewerkschaften. Im DGB gibt es deshalb Überlegungen, wie sich wieder mehr Beschäftigte für eine Mitgliedschaft begeistern ließen.

So hat der Münchener Rechtswissenschaftler Martin Franzen in einem vom gewerkschaftsnahen Hugo-Sinzheimer-Institut (HSI) geförderten Gutachten jüngst vorgeschlagen, Gewerkschaftsmitglieder in tarifgebundenen Unternehmen mit zusätzlichen Freibeträgen bei der Lohnsteuer zu privilegieren.

Anders als bei einer Extra-Prämie nur für Gewerkschafter hätte dies den Vorteil, dass Beschäftigte ihre Mitgliedschaft nur gegenüber dem Finanzamt, nicht aber gegenüber dem Arbeitgeber offenlegen müssten.

Die Zahl der Mitglieder in den acht DGB-Gewerkschaften war im vergangenen Jahr erstmals unter die Marke von sechs Millionen gesunken. Zur Jahrtausendwende waren es noch 7,8 Millionen. Die neuen Zahlen wird der DGB nach dem Jahreswechsel präsentieren.

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1 Kommentar zu "Arbeitnehmerorganisation: Nur noch jeder fünfte Beschäftigte ist Mitglied einer Gewerkschaft"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Wenn die Bevölkerung meint, dass Arbeitnehmer starke Gewerkschaften brauchen so ist das richtig.
    Nur haben wir Gewerkschaften oder sind diese getarnte politische Parteien? Wohl eher letzteres.
    Die Gewerkschaft klinkt sich politisch bei Linken, SPD, Grünen ein. Die meisten Äußerungen haben nichts mit Tarifpolitik zu tun, hier werden gesellschaftspolitische Themen beackert, aber auch das Thema Flüchtlinge, Kampf gegen die AfD mit Organisation von Demos gegen AfD Veranstaltungen, aber auch gegen CDU und CSU wird maschiert, also gegen alles was nicht Links ist.
    In der Regel geht es nicht um Gesetze die die Arbeitnehmerschaft betreffen, nein, es geht um Tages-, Weltpolitik, darin gefallen sich die Gewerkschaftsbosse.
    Sitzen sie mit im Unternehmerboot wie bei VW passieren gerade dort die größten Sauereien, die die Gewerkschaften vorgeben verhindern zu wollen.
    Demos gegen die Ausweitung der Teilzeitbeschäftigung, Zeitarbeitsverträge die überproportional in Behörden, Öffentlichendienst vorkommt, Fehlanzeige.
    Man sitzt ja selber mit im Aufsichtsrat der großen Unternehmen oder ist in einer politischen Funktion tätig. Solche Gewerkschaften braucht niemand. viele sind nur Mitglied damit sie bei Streik nicht ohne Unterstützung dastehen und nicht aus Überzeugung.