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Arbeitsbedingungen Nicht nur der Lohn ist ungleich verteilt

Berücksichtigt man Faktoren wie Arbeitsbedingungen sinkt die Ungleichheit beim Lohn von Männern und Frauen. An anderer Stelle steigt sie jedoch.
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Frauen verdienen weniger als Männer. Haben dafür häufig bessere Arbeitsbedingungen. Quelle: Gregory Baldwin/Ikon Images/F1on
Die Lücke schließt sich

Frauen verdienen weniger als Männer. Haben dafür häufig bessere Arbeitsbedingungen.

(Foto: Gregory Baldwin/Ikon Images/F1on)

FrankfurtFrauen verdienen in Deutschland im Durchschnitt ein Fünftel weniger als Männer – und das, obwohl sie inzwischen höher qualifiziert sind, was ihre schulischen und akademischen Leistungen angeht. Es gibt verschiedene Arten, diesen Nachteil zu relativieren. Eine besteht darin, nur Gleiches mit Gleichem zu vergleichen, also Frauen und Männer auf gleicher Hierarchiestufe und im gleichen Beruf.

Dann wird der Abstand deutlich geringer. Allerdings nimmt man damit aus der Betrachtung, dass Frauen weniger leicht in Führungspositionen kommen und dass von Frauen dominierte Berufe systematisch schlechter bezahlt werden.

Ein möglicherweise tragfähigeres Argument der Relativierung liegt in der Sichtweise, dass Frauen oft Berufe ausüben, die bessere Arbeitsbedingungen bieten – und sie dafür Gehaltsnachteile in Kauf nehmen. Ein fünfköpfiges Team von Ökonominnen und Ökonomen führender US-Universitäten hat untersucht, wie Vergütung und Arbeitsbedingungen nach Gruppen verteilt sind.

In der Studie „The Value of Working Conditions in the United States and Implications for the Structure of Wages“ haben sie außerdem die Zahlungsbereitschaft für bessere Arbeitsbedingungen ermittelt. Auf dieser Basis errechneten sie um unterschiedliche Arbeitsbedingungen bereinigte Lohndifferenzen zwischen Männern und Frauen. Sie betrachteten zudem die Unterschiede zwischen Weißen und Farbigen und zwischen Gering- und Gutverdienern.

Da es die dafür nötigen Daten nicht gab, mussten die Wissenschaftler zuerst organisieren, dass zwei große Umfragen miteinander kombiniert wurden. Fragen aus einer regelmäßigen Umfrage zu den Arbeitsbedingungen wurden im Jahr 2015 auch den Teilnehmern an einer anderen Umfrage, dem „American Life Panel“, gestellt.

Dadurch konnten die Antworten aus beiden Umfragen zusammengeführt werden. Das Team fügte Fragen hinzu. Etwa: auf wie viel Lohnerhöhung jemand verzichten würde, wenn sich die eigenen Arbeitsbedingungen in zwei Aspekten gegenüber den derzeitigen verbessern würden.

Diese Zahlungsbereitschaft stellte sich als erheblich heraus. Im Durchschnitt würden die Menschen auf eine Lohnerhöhung von über 50 Prozent verzichten, um von den Arbeitsbedingungen der am wenigsten privilegierten Gruppe zu denen der privilegiertesten Gruppe aufzusteigen. Zeitliche Flexibilität wird durchschnittlich so hoch bewertet wie eine Lohnerhöhung um neun Prozent.

Die Möglichkeit, zu Hause zu arbeiten, Autonomie bei der Aufgabenerfüllung und sozial wertvolle Tätigkeiten werden jeweils so hoch geschätzt wie vier Prozent mehr Lohn, Weiterbildungsmöglichkeiten sogar wie sechs Prozent mehr Lohn. Zusätzliche freie Tage werden von US-Beschäftigten, die oft nur zehn freie Tage pro Jahr haben, so hoch bewertet wie eine Lohnerhöhung um 16 Prozent.

Das ist etwa das Vierfache der Arbeitszeitverminderung, die zehn freie Tage darstellen. Das ist ein starkes Indiz, dass amerikanische Beschäftigte sich nicht trauen, in den individuellen Vertragsverhandlungen ihre wahren Präferenzen hinsichtlich des Arbeitsvolumens zu äußern. Das leuchtet auch ein, da man in solchen Verhandlungen typischerweise bemüht ist, einen besonders arbeitseifrigen und ambitionierten Eindruck zu vermitteln.

Interessanterweise haben die meisten Befragten eine deutliche Abneigung dagegen, nach Teamleistung bewertet zu werden. Sie würden auf Gehalt verzichten, um ausschließlich nach eigener Leistung bewertet und entgolten zu werden. Das könnte daran liegen, dass die meisten Menschen sich als überdurchschnittlich gut einstufen.

Das Forscherteam stellte fest, dass besser ausgebildete und besser bezahlte Arbeitnehmer in fast allen Dimensionen auch bessere Arbeitsbedingungen haben – und dass sie diesen auch einen beträchtlichen Wert beimessen. Rechnet man das ein, ist das Gehaltsgefälle zwischen Gutverdienern und Geringverdienern beziehungsweise Hochqualifizierten und Geringqualifizierten deutlich größer als ohnehin schon.

Auch ältere Arbeitnehmer haben deutlich bessere Arbeitsbedingungen als jüngere, sodass das umfassend gemessene Vergütungsgefälle nach Alter ebenfalls deutlich größer ist als das rein an der Entlohnung gemessene. Frauen haben der US-Untersuchung zufolge im Durchschnitt die besseren Arbeitsbedingungen.

Sie haben vor allem weniger körperlich anstrengende und eher sinnstiftende Tätigkeiten sowie mehr zeitliche und räumliche Flexibilität. Das scheint in Deutschland ähnlich zu sein. Einer schon etwas älteren repräsentativen Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zufolge sind in Deutschland vollzeitbeschäftigte Frauen deutlich weniger von überlangen Arbeitszeiten betroffen und müssen weniger Überstunden machen.

Sie haben „normalere“ Arbeitszeiten, und diese sind ihnen auch wichtig. Außerdem sind sie seltener belastenden Umgebungsfaktoren ausgesetzt und werden physisch weniger beansprucht.
Der monetäre Gehaltsnachteil betrug bei den Befragten in den USA 17 Prozent.

Legt man zur Bewertung der Unterschiede in den Arbeitsbedingungen die durchschnittliche Wertschätzung über alle Teilenehmer hinweg zugrunde, ist die Reduktion der Ungleichheit bescheiden. Der Gehaltsnachteil sinkt auf 15,8 Prozent.

Die Frauen haben allerdings nicht zufällig die Jobs mit den besseren Arbeitsbedingungen, sondern sie suchen sich diese auch aus, weil vor allem zeitliche Flexibilität und die Möglichkeit zur Heimarbeit von ihnen besonders hoch bewertet werden. Legt man die höhere Bewertung der Frauen zugrunde, sinkt der Vergütungsnachteil auf zwölf Prozent.

Wie man letztere Rechnung interpretiert, hängt von der Perspektive ab. Aus individueller Perspektive der Frauen ist die Tatsache, dass sie zeitliche und örtliche Flexibilität höher bewerten müssen als Männer, eine Folge der Ungleichverteilung häuslicher Pflichten. Ihre Benachteiligung verschwindet daher nicht in dem Ausmaß, wie die Rechnung nahelegt, sie hat nur eine andere Quelle.

Aus der gemeinsamen Perspektive eines Haushalts betrachtet, erscheint die Rechnung mit den hohen Präferenzen der Frauen für Flexibilität eher angemessen. So oder so sollten die Motive und Ursachen, warum sich Männer und Frauen in Berufen und Positionen mit unterschiedlichen Anforderungen und Eigenschaften befinden, bei der Diskussion von Diskriminierung und Ungleichheit mitberücksichtigt werden.

Denn die Studie konnte nachweisen, dass die Bewertungen nicht einfach nur hypothetisch sind, sondern dass die Beschäftigten zu einem hohen Grad Berufe ausüben, die zu ihrer angegebenen Wertschätzung verschiedener Job-Eigenschaften passen.

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