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Arbeitsmarkt Deutschland ist kein Ungleichland – denn auch der Niedriglohnsektor profitiert

Eine IWH-Analyse zeigt: Untere Einkommen sind nicht abgehängt von der wirtschaftlichen Entwicklung. Solche Untersuchungen hebeln ein wichtiges Wahlkampfthema aus.
3 Kommentare
Ende vergangenen Jahres arbeiteten knapp 4,2 Millionen oder 19,8 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland zu einem Niedriglohn Quelle: dpa
Niedriglohnsektor Gastronomie

Ende vergangenen Jahres arbeiteten knapp 4,2 Millionen oder 19,8 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland zu einem Niedriglohn

(Foto: dpa)

BerlinCDU-Mann Friedrich Merz fliegt mit dem Privatflugzeug durch die Gegend, während die Altenpflegerin nicht mehr weiß, wie sie ihre Miete bezahlen soll. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer.

Vorwürfe wie diese leiten Wasser auf die Mühlen von Rechtspopulisten wie von Sozialdemokraten und Linken, die Umverteilung predigen. Auch die neue CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat Armut in Deutschland als „sozialen Sprengsatz“ ausgemacht.

Doch stimmt die These vom „Ungleichland“, vom Auseinanderklaffen der Einkommensschere?

Zumindest für die Entwicklung der Löhne zeichnet das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) ein anderes Bild. Die Beschäftigten im Niedriglohnsektor seien keineswegs von der guten wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt, sagt Steffen Müller, der beim IWH die Abteilung Strukturwandel und Produktivität leitet.

In seiner Untersuchung hat er die betrieblichen Bruttodurchschnittslöhne der Höhe nach geordnet und als Niedriglohnschwelle jenen Wert definiert, den nur noch zehn Prozent aller Unternehmen unterschreiten. Entsprechend wird der Hochlohnsektor von dem Schwellenwert auf der Entgeltskala begrenzt, den nur noch zehn Prozent der Betriebe überschreiten.

Anschließend hat Müller die durchschnittliche Lohnentwicklung in den beiden Einkommensgruppen seit 1997 analysiert. Dabei zeigt sich, dass sich Niedriglöhne und Topverdienste von der Richtung her durchaus parallel entwickelten. Allerdings fielen die Ausschläge bei den Geringverdienern lange deutlich kräftiger aus.

So lagen ihre preisbereinigten Durchschnittslöhne zwischen 2003 und 2014 konstant unter dem Niveau des Ausgangsjahres – in einzelnen Jahren um mehr als zehn Prozentpunkte. Auch die Topverdiener mussten zeitverzögert ab 2007 Einkommensverluste hinnehmen, die aber in der Spitze nur rund halb so groß ausfielen wie im Niedriglohnsektor.

Im Jahr 2015 allerdings erreichten die Löhne von Top- und Geringverdienern beide wieder etwa das Niveau des Jahres 1997 und haben sich seither kaum auseinanderentwickelt. Die Schere hat sich geschlossen.

Dazu hat nicht zuletzt der 2015 eingeführte gesetzliche Mindestlohn beigetragen – aber nicht nur: „Offenbar ist in der Öffentlichkeit noch nicht angekommen, dass der Niedriglohnsektor seit 2012 – also bereits vor der Einführung des Mindestlohns – ein rapides Lohnwachstum erlebt hat, welches zudem dynamischer verlaufen ist als in besser zahlenden Betrieben“, sagt Müller. Von einem abgehängten Niedriglohnsektor könne also überhaupt keine Rede sein.

Bei den Gewerkschaften wird diese Argumentation kaum verfangen. DGB-Chef Reiner Hoffmann kritisiert immer wieder, dass in Deutschland jeder fünfte Beschäftigte im Niedriglohnsektor arbeitet – so viele wie in kaum einem anderen Land Europas.

Als Niedriglohnbeschäftigter gilt in Anlehnung an die Definition der Industrieländerorganisation OECD, wer weniger als zwei Drittel des mittleren Lohns (Median) aller sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten erhält.

Laut der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Susanne Ferschl lag diese Schwelle 2017 in Westdeutschland bei einem Monatsverdienst von 2.226 Euro und im Osten von 1.733 Euro.

Demnach arbeiteten Ende vergangenen Jahres knapp 4,2 Millionen oder 19,8 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland zu einem Niedriglohn. Bei den Frauen waren 27,1 Prozent der Beschäftigten betroffen, bei den Männern 16,2 Prozent. In Ostdeutschland lag der Anteil der Niedriglöhner mit 33,6 Prozent doppelt so hoch wie in Westdeutschland mit 16,7 Prozent.

„Wenn jeder fünfte Vollzeitbeschäftigte zum Niedriglohn schuftet, dann muss Politik handeln“, kommentierte Ferschl die Zahlen. „Dieser Befund ist nicht nur für alle betroffenen Beschäftigten eine individuelle Katastrophe, sie birgt auch gesellschaftlich gewaltigen sozialen und politischen Sprengstoff.“

Auch IWH-Forscher Müller erkennt an, dass in den vergangenen Jahren Geschäftsmodelle entwickelt wurden, die nicht nur geringe Löhne mit sich bringen, sondern auch zu starken physischen und psychischen Belastungen führten, etwa durch Kettenbefristungen, Werkverträge oder Arbeit auf Abruf.

Dennoch appelliert er dafür, die Diskussion über den Niedriglohnsektor nüchtern und faktenbasiert zu führen. „Ansonsten besteht die Gefahr, dass diese Debatte selbst ein Gefühl des Abgehängtseins erzeugt und zudem die damit verbundene Ablehnung der derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse befeuert.“

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3 Kommentare zu "Arbeitsmarkt: Deutschland ist kein Ungleichland – denn auch der Niedriglohnsektor profitiert"

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  • Herr Specht, sind sie verwandt mit Marie Antoinette?

  • "CDU-Mann Friedrich Merz fliegt mit dem Privatflugzeug durch die Gegend, während die Altenpflegerin nicht mehr weiß, wie sie ihre Miete bezahlen soll. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer."
    Das Privatflugzeug wird auch privat bezahlt - nicht von Steuergeldern!
    Wenn die lieben Politiker durch die Gegend fliegen, zahlt es der Steuerzahler!

    Seit wann macht das Handelsblatt Merz - Bashing? Ist wohl gerade in? Brav der Merkel nach dem Munde reden! Nur keine selbstständig Denkenden hoch kommen lassen! Ganz die DDR 2.0!

  • Wer hat den Auftrag zur Analyse finanziert?????
    Ein Schelm, der etwas schlechtes denkt.

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