Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Arbeitsmarkt Die Wucht des Wirtschaftsschocks kostet viele Arbeitsplätze

Arbeitsmarktexperten des IAB erwarten 2020 im durchschnittlich eine halbe Million mehr Arbeitslose als 2019. In diesem Quartal könnten fünf Millionen in Kurzarbeit sein.
05.05.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
„Die Zahlen für Kurzarbeit und Entlassungen sind höher, als wir erwartet hatten“, sagte Ifo-Konjunkturexperte Timo Wollmershäuser. Quelle: dpa
Logo der Bundesagentur für Arbeit

„Die Zahlen für Kurzarbeit und Entlassungen sind höher, als wir erwartet hatten“, sagte Ifo-Konjunkturexperte Timo Wollmershäuser.

(Foto: dpa)

Berlin Kurzarbeit wird viele Arbeitsplätze retten. Aber nicht alle. „Der wirtschaftliche Schock ist so immens, dass man nicht ohne einen Anstieg der Arbeitslosigkeit durch diese Rezession wird kommen können“, sagt Enzo Weber vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Der Arbeitsmarktexperte warnt davor, die Coronakrise mit der Rezession nach der Finanzkrise 2009 zu vergleichen, die völlig anders verlaufen sei: „Das hat es ja noch nie gegeben, dass ungefähr 20 Prozent der inländischen Wertschöpfung zeitweise stillgelegt wurden“, sagte er dem Handelsblatt.

Das IAB erwartet, dass die Zahl der Arbeitslosen 2020 im Jahresdurchschnitt um 520.000 höher liegen wird als 2019. Damit ist es pessimistischer als die Bundesregierung, die letzte Woche in ihrer Konjunkturprognose für dieses Jahr mit einer Arbeitslosenquote von 5,8 Prozent rechnete. Diese Quote allerdings wurde bereits im gerade abgelaufenen April erreicht: 2,644 Millionen und damit 373.000 Arbeitslose mehr als im März zählte die Bundesagentur für Arbeit (BA).

Zeitweise in diesem Quartal, betont Weber, dürfte die Zahl zusätzlicher Arbeitsloser auch noch um einige Hunderttausend höher steigen. Die Schwelle von drei Millionen Arbeitslosen werde mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich überschritten. Mit dem Neustart der geschlossenen Branchen werde die Arbeitslosenzahl dann aber auch wieder stark sinken. „Die Regierung hat bereits enorm viel unternommen, um mit Kurzarbeit und Liquiditätshilfen Schlimmeres zu verhindern“, sagte Weber.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Beim gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) wertet man die April-Zunahme der Arbeitslosenzahl angesichts der Wirtschaftslage positiv. „Das ist ein Erfolg, der zeigt, dass die Beschäftigungssicherung funktioniert“, sagte IMK-Forscher Alexander Herzog-Stein dem Handelsblatt: „Auch wenn natürlich jeder Arbeitsplatzverlust bedauerlich ist.“

    Auch er rechnet, wie das IAB, mit etwa einer halben Million zusätzlicher Arbeitsloser im Jahresdurchschnitt 2020.

    Kurzarbeit hilft, davon sind die Arbeitsmarktexperten überzeugt. Und die Zahl der Kurzarbeiter wird enorm zulegen. Weber rechnet zeitweise in diesem Quartal mit bis zu fünf Millionen Kurzarbeitern und im Jahresdurchschnitt mit 2,5 Millionen. Zum Vergleich: 2009 erreichte die Kurzarbeiterzahl in der Spitze 1,4 Millionen.

    Damals ging jeder dritte, für den ein Unternehmen es beantragte, tatsächlich in Kurzarbeit. Jetzt könnte es jeder zweite der bisher 10,1 Millionen bei der BA Angemeldeten werden.

    Der Absturz der Wirtschaft jedenfalls ist aus Sicht der Arbeitsmarktexperten dramatisch. Das IAB-Arbeitsmarktbarometer ist wie das Ifo-Beschäftigungsbarometer auf historische Tiefstwerte gefallen. Der Absturz der Werte geschah noch nie in so kurzer Zeit wie in der Coronakrise. Bei den Dienstleistern kam es erstmals seit der Finanzkrise wieder zu Entlassungen, so das Ifo.

    Auch am Bau und im Handel, zuletzt die Konjunkturstützen der deutschen Wirtschaft, stürzte das Beschäftigungsklima ab. Die Industrie litt auch vor Corona bereits unter Arbeitsplatzverlusten: Die Abkühlung der Weltkonjunktur und der Strukturwandel, etwa in der Autoindustrie weg vom Verbrennungsmotor, beendeten bereits vor anderthalb Jahren den Boom in weiten Teilen des produzierenden Gewerbes.

    Warnung vor überstürzter Lockerung

    „Die Zahlen für Kurzarbeit und Entlassungen sind höher, als wir erwartet hatten. Vor allem im Gastgewerbe und im Handel hatten wir die Entwicklung unterschätzt“, sagte Ifo-Konjunkturexperte Timo Wollmershäuser. Auch die Schwierigkeiten von Menschen in Fortbildung und Eingliederungsmaßnahmen, im Anschluss einen Job zu finden, habe man nicht angemessen eingeschätzt. „Aber angesichts der Tiefe des Wirtschaftseinbruchs sind die Entlassungszahlen dann auch wieder nicht sehr groß“, sagte er.

    Die Zahlen für dieses Jahr, auch da sind sich die Arbeitsmarktexperten einig, sind mit hohen Unsicherheiten behaftet – weil es den Stillstand ganzer Branchen vorher eben noch nie gegeben hat. Die Zahlen stehen unter der Annahme, dass im Laufe des Sommers eine Erholung der Wirtschaft gelingt und dass die Bundesregierung in der zweiten Jahreshälfte ein großes Konjunkturprogramm auflegen wird. Verschärft wird nach den Annahmen des IAB die Rezession durch den Rückgang des Welthandels und den globalen Konjunktureinbruch.
    Die IAB-Arbeitsmarktforscher sind in ihrer Wachstumsprognose pessimistischer als die Bundesregierung: Sie erwarten, dass die deutsche Wirtschaftsleistung (BIP) in diesem Jahr um 8,4 Prozent schrumpfen wird. Die Bundesregierung rechnet mit einem Minus von 6,3 Prozent.

    Als Ergänzung zu den bisherigen Hilfsprogrammen empfiehlt das IAB die gezielte Förderung von Neueinstellungen. Denn diese würden gerade komplett wegbrechen. „Um einen starken Anreiz dagegenzusetzen, sollte es auch einen Rettungsschirm für Neueinstellungen geben, indem in diesem Jahr die Sozialbeiträge für neu eingestellte Arbeitnehmer ausgesetzt und aus dem Bundeshaushalt bezahlt werden“, schlägt IAB-Experte Weber vor.

    So sehr die Arbeitsmarktbeobachter auf ein schnelles Ende des Stillstands in Branchen wie dem Gastgewerbe, bei Dienstleistern und im Handel hoffen, so sehr warnen sie vor einer überstürzten Lockerung aller Kontaktverbote. „Was wir unbedingt vermeiden sollten, ist ein zweiter extremer Shutdown“, warnt Herzog-Stein.

    Ein mehrfacher Wechsel zwischen Lockern und Schließen wäre aus seiner Sicht das schlimmste denkbare Szenario. „Dann würden die Unternehmen Zukunftshoffnungen verlieren, und das wäre ganz schlimm für den Arbeitsmarkt. Wir müssen beim Wiederanfahren der Wirtschaft Geduld haben“, sagte er.

    BDI-Präsident Dieter Kempf sieht das ähnlich. „Der wirtschaftliche Wiedereintritt des Industrielands Deutschland muss sitzen“, verlangte Kempf. Wichtig sei für die Firmen jetzt Planungssicherheit. Die Politik dürfe daher nicht wie bisher in 14-Tages-Plänen voranschreiten, sondern müsse vorbereiten, was sie beim jeweils nächsten Checkpoint beraten werde. Die Erholung, fürchtet Kempf, werde lange dauern und mindestens das gesamte nächste Jahr in Anspruch nehmen.

    Ifo-Forscher Wollmershäuser ist für die Erholungsphase zumindest mit Blick auf den Arbeitsmarkt optimistischer. „Der schlimmste Monat müsste der April gewesen sein, denn das war ja der Monat, in dem vieles komplett geschlossen war“, sagte er. Der Lockdown werde bereits gelockert, deshalb habe er die Hoffnung, dass „bei den Entlassungen nicht mehr viel hinzukommen wird“, sagte er. Im Sommer sollte sich die Lage dann sichtbar bessern.

    Deutschland habe Glück im Unglück, meint auch Weber. „Wir sollten uns klarmachen: Wenn uns dieser Schock vor 15 Jahren zu Zeiten der Massenarbeitslosigkeit erwischt hätte, dann wäre der Arbeitsmarkt ins Bodenlose gestürzt“, sagte er. Das sei nun nicht der Fall. Allerdings: „Auch wenn nicht Millionen Arbeitnehmer arbeitslos werden“, so Weber. „Hunderttausende werden es sein.“

    Mehr: DWS-Chef Wöhrmann im Interview: „Aus der Rezession kann eine wirtschaftliche Depression werden.“

    Startseite
    Mehr zu: Arbeitsmarkt - Die Wucht des Wirtschaftsschocks kostet viele Arbeitsplätze
    0 Kommentare zu "Arbeitsmarkt: Die Wucht des Wirtschaftsschocks kostet viele Arbeitsplätze"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%