Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Arbeitsmarkt Furcht vor der Kettenreaktion – Erste Zeichen deuten auf Abschwung hin

Vor allem die schwächelnde Industrie lässt die Beschäftigungsdynamik erlahmen. Die konjunkturelle Abkühlung könnte auf den privaten Konsum durchschlagen.
Kommentieren
Dienstleister suchen weiter nach Arbeitern. Quelle: action press
Bundesagentur für Arbeit

Dienstleister suchen weiter nach Arbeitern.

(Foto: action press)

Berlin Wenn es dem Arbeitsmarkt schlecht geht, bekommt es die Zeitarbeit als Erste zu spüren. „Die Industrie leidet unter sinkenden Aufträgen, was sich in unserer Branche bemerkbar macht“, sagt Sebastian Lazay, Präsident des Branchenverbands BAP. Im Jahresdurchschnitt 2018 gab es in Deutschland rund eine Million Zeitarbeiter, fast 32.000 weniger als im Vorjahr. Aktuell ist ihre Zahl weiter auf 924 000 gefallen. Die Unternehmen trennen sich vom ausgeliehenen Fremdpersonal, bevor sie an die Stammbelegschaften gehen.

Aber auch die sind nicht mehr sicher. Namhafte Unternehmen wie Siemens, BASF, Volkswagen oder die Deutsche Bank haben die Streichung Tausender Jobs angekündigt. Allein bei den Banken in Deutschland sind in den zurückliegenden zwei Jahren rund 38.000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Und die IG Metall in Baden-Württemberg warnte vergangene Woche, dass in jedem zweiten Betrieb in ihrem Organisationsbereich Kostensenkungen und Sparprogramme anstehen.

Es ist eine Doppelbelastung, die die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt trifft: auf der einen Seite die konjunkturelle Eintrübung, mit ausgelöst durch Donald Trumps Handelskrieg und die Brexit-Sorgen. Auf der anderen Seite der Strukturwandel durch Digitalisierung und Elektromobilität, in dem etwa Banken und Versicherer oder die Autoindustrie stecken.

Noch kann von einer Krise am Arbeitsmarkt keine Rede sein. Die konjunkturelle Entwicklung hinterlasse bisher nur „leichte Spuren“, sagte Detlef Scheele, Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Ende Juni bei der Präsentation der Arbeitsmarktdaten. Im Mai hatte sich erstmals ein leichter Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Statistik gezeigt.

Nach einer Befragung des Münchener Ifo-Instituts erwarten 8,5 Prozent der Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe Kurzarbeit in den kommenden drei Monaten – der höchste Wert seit Anfang 2013. Das Ifo-Geschäftsklima, das die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft wiedergibt, ist in den zurückliegenden elf Monaten zehn Mal gefallen.

Der Industrie droht eine Rezession

Vor allem die Industrie schwächelt und steuert auf eine Rezession zu. In der Schlüsselbranche Metall und Elektro lag die Produktion im Durchschnitt der Monate April und Mai um 1,6 Prozent unter dem Niveau des ersten Quartals. „Die Entwicklung der Auftragseingänge als auch die deutlich negative Erwartung der Unternehmen lassen für die nächsten Monate keine durchgreifende Besserung erwarten“, sagt der Chefvolkswirt des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Michael Stahl. Auch bei der Beschäftigung in der Metall- und Elektroindustrie, die seit 2010 unter dem Strich gut 616.000 neue Arbeitsplätze geschaffen hat, zeigten sich „erste Bremsspuren“.

Nun wächst die Sorge, dass eine Kettenreaktion in Gang kommt, dass zuerst industrienahe Dienstleister in Mitleidenschaft gezogen werden, später der Konsum. „Je länger die Schwächephase in der Industrie anhält, desto wahrscheinlicher wird es, dass die deutsche Wirtschaft insgesamt in die Rezession gezogen wird“, warnt der Wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien. „Spätestens dann wäre es mit der positiven Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland vorbei, und wir dürften einen spürbaren Anstieg der Arbeitslosigkeit sehen.“

Die Gefahr, dass die Schwäche der Industrie auch die Beschäftigungsdynamik bei den Dienstleistern dämpft, bestehe durchaus, sagt Klaus Wohlrabe, der monatlich exklusiv für das Handelsblatt das Ifo-Beschäftigungsbarometer berechnet. „Wir sehen dies schon, weil das Beschäftigungsbarometer im Dienstleistungssektor rückläufig ist.“

Der Indikator, der auf den Beschäftigungsabsichten von rund 9.000 Unternehmen beruht, ist mit einer kurzen Unterbrechung zum Jahresende seit August 2018 auf Talfahrt. Im Juli notierte er bei 99,6 Zählern, nach 100 Punkten im Vormonat. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene drohe zwar bisher kein deutlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit, sagt Wohlrabe: „Jedoch muss man sich von den permanenten Meldungen über neue Beschäftigungsrekorde nach und nach verabschieden.“

Die Schwäche des verarbeitenden Gewerbes zeigt sich auch mit einem negativen Saldo im Beschäftigungsbarometer. Das heißt, die Zahl der Unternehmen, die ihren Personalbestand eher verkleinern wollen, ist größer als die jener Firmen, die neue Mitarbeiter suchen. Bei Dienstleistern und vor allem in der Bauwirtschaft sind weiter Neueinstellungen geplant. „Insbesondere wegen der guten Auftragslage schauen wir weiter optimistisch in die kommenden Monate“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), Felix Pakleppa, vergangene Woche.

Für eine gewisse Zeit könne die gute Entwicklung beim Bau und bei den Dienstleistern die Schwächephase der Industrie kompensieren, erklärt Dullien. „Das klappt aber nicht auf Dauer.“ Gesamtwirtschaftlich scheint der jahrelange Beschäftigungsboom deshalb jetzt an sein Ende zu kommen. Von 2008 bis 2018 sind in Deutschland knapp 5,2 Millionen neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden. Die Zahl der Arbeitslosen ist im gleichen Zeitraum um knapp 920.000 gesunken.

Wie sich der Arbeitsmarkt wappnen ließe

Auch auf europäischer Ebene hat sich der Arbeitsmarkt von der Finanz- und Euro-Krise erholt. So lag die Erwerbslosigkeit in der EU im vergangenen Jahr erstmals wieder unter dem Vorkrisenniveau. Vom Rekordwert im Jahr 2013, als gut 26 Millionen Europäer ohne Job waren, ist die Zahl der Erwerbslosen im vergangenen Jahr auf knapp 17 Millionen zurückgegangen.

Allerdings gibt es von Land zu Land weiter große Unterschiede: Die höchste Arbeitslosenquote verzeichnete 2018 weiter Griechenland mit 19,3 Prozent. In Deutschland lag sie, nach EU-Definition, bei 3,4 Prozent. Nur Tschechien stand damit im EU-Vergleich besser da, wie die BA in einer aktuellen Broschüre schreibt.

Auch wenn derzeit noch kein Rückfall in die Zeiten der Massenarbeitslosigkeit droht, so sollte die Politik den Arbeitsmarkt dennoch wetterfest machen, fordert der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Ingo Kramer: Er wünscht sich die großzügigeren Regeln für das Kurzarbeitergeld zurück, wie sie in der Krisenzeit von 2009 bis Anfang 2012 galten. „Es ist notwendig, jetzt die gesetzlichen Möglichkeiten zu schaffen, dass der Arbeitsminister im Krisenfall sofort mit der damals erfolgreichen erweiterten Kurzarbeit reagieren kann“, sagte Kramer. „Wenn die Krise erst mal da ist, geht es um jede Woche.“

Nach aktueller Rechtslage kann Kurzarbeitergeld nur gezahlt werden, wenn mindestens ein Drittel der Beschäftigten eines Betriebs einen Bruttolohnausfall von mehr als zehn Prozent verkraften muss. In den Krisenjahren reichte es auch, wenn ein geringerer Anteil der Mitarbeiter betroffen war. Außerdem muss der Arbeitgeber nach geltendem Recht die Sozialversicherungsbeiträge für die Ausfallstunden allein tragen. In den Krisenjahren wurde ihm auf Antrag die Hälfte erstattet.

Nach den Vorstellungen der Arbeitgeber sollte der Gesetzgeber Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) eine Verordnungsermächtigung erteilen, damit er die erweiterte Kurzarbeit bei Bedarf schnell einführen kann. Geld für eine großzügige Regelung wäre da. Die BA verfügte Ende vergangenen Jahres über eine Rücklage in Höhe von 23,5 Milliarden Euro. Bis Mitte dieses Jahres sind zudem 322 Millionen Euro Überschuss aufgelaufen.

Auch IMK-Direktor Dullien rät, bei einem weiteren Abrutschen der Konjunktur die erweiterte Kurzarbeiterregelung zu prüfen. Da aber die Schwäche der deutschen Wirtschaft vor allem mit der globalen Unsicherheit etwa um den Brexit und dem Handelsstreit mit den USA zu tun habe, empfiehlt er, nicht zuerst beim Arbeitsmarkt anzusetzen, sondern die Erwartungen der Unternehmen zu stabilisieren. „Denkbar wäre hier etwa, eine mehrjährige öffentliche Investitionsinitiative in Verkehrswege, Infrastruktur und die Dekarbonisierung der Wirtschaft anzukündigen, damit die Unternehmen zumindest Planungssicherheit haben, was die öffentlichen Aufträge angeht“, rät der Ökonom.

Mehr: Die Zeitarbeitsbranche hat gleichzeitig mit Entlassungen und Fachkräftemangel zu kämpfen, sagt der Präsident des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister.

Startseite

Mehr zu: Arbeitsmarkt - Furcht vor der Kettenreaktion – Erste Zeichen deuten auf Abschwung hin

0 Kommentare zu "Arbeitsmarkt: Furcht vor der Kettenreaktion – Erste Zeichen deuten auf Abschwung hin"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote