Arbeitsmarkt IG Metall fordert schärfere Regulierung von Zeitarbeit und Werkverträgen

Von der Gewerkschaft befragte Betriebsräte sehen Zeitarbeit weiter kritisch. Für sie werden Zeitarbeiter oft schlechtergestellt. Die Branche wehrt sich.
Kommentieren
Die Gewerkschaft hat besonders laut dafür getrommelt, den Einsatz von Zeitarbeitern weiter einzuschränken. Quelle: dpa
IG Metall

Die Gewerkschaft hat besonders laut dafür getrommelt, den Einsatz von Zeitarbeitern weiter einzuschränken.

(Foto: dpa)

BerlinDass die Politik in der vergangenen Wahlperiode die Arbeitnehmerüberlassung stärker regulierte, lag auch an der IG Metall. Die Gewerkschaft witterte Missbrauch und hatte besonders laut dafür getrommelt, den Einsatz von Zeitarbeitern weiter einzuschränken.

Seit April 2017 gelten neue Regeln für die Branche. Zeitarbeiter müssen nach neun Monaten im Einsatzbetrieb das Gleiche verdienen wie das Stammpersonal (Equal Pay). Die Einsatzdauer in einem Entleihbetrieb ist auf 18 Monate begrenzt. Danach muss der Zeitarbeiter übernommen oder woanders eingesetzt werden.

Noch sei es zu früh für eine Bewertung der Höchstüberlassungsdauer, die im Oktober erstmals wirksam wird, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister (BAP), Thomas Hetz. „Was die Übernahmequote angeht, hören wir von unseren Mitgliedsfirmen sehr Unterschiedliches. Sie reicht von null bis 50 Prozent.“

Für die IG Metall ist dagegen schon klar, dass das Gesetz zu kurz greift. Denn in den von ihr vertretenen Branchen Metall- und Elektroindustrie, Holz und Kunststoff sowie Textil setzen weiter 80 Prozent der Betriebe Leiharbeiter oder – über ebenfalls schärfer regulierte Werkverträge – industrienahe Dienstleister ein.

Die Gewerkschaft beruft sich dabei auf eine Umfrage, an der knapp 3600 Betriebsratsvorsitzende und Vertrauensleute teilgenommen haben. Sie liegt dem Handelsblatt vorab vor.

35,4 Prozent der Befragten erwarten, dass der eigene Betrieb in den kommenden zwei Jahren Arbeit an Fremdfirmen vergeben wird. Vor drei Jahren lag die Quote noch bei 22,6 Prozent. Zudem gaben 27,5 Prozent an, dass durch Leiharbeit und Fremdvergabe in den vergangenen drei Jahren Stammarbeitsplätze verdrängt wurden. Der Wert fällt allerdings etwas geringer aus als 2015.

Die IG Metall hatte sich auch deshalb für Regulierung starkgemacht, weil Zeitarbeiter und Beschäftigte bei Werkvertragsunternehmen aus ihrer Sicht oft schlechtergestellt sind als die Stammbelegschaften.

Für Zeitarbeiter hat die Gewerkschaft mit den Arbeitgebern per Tarifvertrag vereinbart, dass sie schneller an Equal Pay herangeführt werden als gesetzlich vorgeschrieben. Dafür können tarifgebundene Firmen per Betriebsvereinbarung die Höchstüberlassungsdauer auf bis zu 48 Monate strecken.

Bei den Werkverträgen besteht aus Sicht der IG Metall aber weiter Handlungsbedarf. So gaben fast drei von vier Befragten an, dass die Arbeits- und Entgeltbedingungen bei industrienahen Dienstleistern schlechter sind als bei den eigenen Beschäftigten. Die Gewerkschaft leitet hieraus die Forderung nach mehr Mitbestimmung bei der Fremdvergabe ab.

Gesamtwirtschaftlich hat die Regulierung bisher keine Auswirkungen auf die Zahl der Zeitarbeiter. Sie ist 2017 über die Marke von einer Million geklettert. Haupteinsatzgebiete sind die Metall- und Elektrobranche und die Logistik. Leicht verschoben hat sich das Qualifikationsniveau. Übten 2013 knapp 51 Prozent der Zeitarbeiter Helfertätigkeiten aus, waren es 2017 laut Bundesagentur für Arbeit (BA) rund 55 Prozent.

Ein Grund ist, dass die Zeitarbeit als Sprungbrett ins Berufsleben für Geflüchtete gilt. Jedem dritten Flüchtling, der einen Job findet, gelingt der Einstieg über die Arbeitnehmerüberlassung.

Die Branche selbst zieht ein geteiltes Zwischenfazit der Regulierung: „Grundsätzlich halte ich Equal Pay für richtig, weil die Zeitarbeit viel zu lange unter dem Billigimage gelitten hat“, sagte der Deutschlandchef des Personaldienstleisters Manpower, Herwarth Brune, dem Handelsblatt. Allerdings habe die Politik versäumt, klar zu definieren, was unter Equal Pay falle. Das schaffe Unsicherheit.

BAP-Hauptgeschäftsführer Hetz weist zudem darauf hin, dass viele Zeitarbeiter die Höchstüberlassungsdauer als „erzwungene Lohnkürzung“ empfänden. Denn während sie im alten Einsatzbetrieb nach 18 Monaten oft schon von erheblichen Zuschlägen profitierten, fingen sie beim neuen Entleiher wieder mit dem Grundlohn an.

Dass sich Gewerkschaften und Politik immer noch auf die Zeitarbeit einschössen, kann Manpower-Deutschlandchef Brune ohnehin nicht verstehen. Manche seiner Zeitarbeiter verdienten mehr als die Stammbelegschaften. „Und wenn man sieht, was unsere Branche für Flüchtlinge oder Langzeitarbeitslose tut, hätten wir eigentlich jeden Tag eine Medaille verdient.“

Startseite

Mehr zu: Arbeitsmarkt - IG Metall fordert schärfere Regulierung von Zeitarbeit und Werkverträgen

0 Kommentare zu "Arbeitsmarkt: IG Metall fordert schärfere Regulierung von Zeitarbeit und Werkverträgen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%