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Nur wenige Berufstätige nutzen Weiterbildungsmöglichkeiten.

(Foto: plainpicture/Hero Images)

Arbeitsmarkt-Studie Geringqualifizierte und Arme bilden sich selten weiter

Die vom Bund angekündigte nationale Weiterbildungsstrategie ist überfällig. Weiterbildung kommt nicht bei denen an, die sie am dringendsten brauchen
Update: 25.09.2018 - 16:56 Uhr Kommentieren

BerlinWer schlecht ausgebildet ist, kann durch Weiterbildung einen besonders großen Sprung nach vorn machen. Doch dazu kommt es eher selten: Unter Geringqualifizierten macht lediglich jeder 20. eine Weiterbildung – in der Gesamtbevölkerung ab 25 Jahren ist es jeder achte. Auch von den Armen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdienen, bildet sich nur jeder 13. weiter.

Das sind zentrale Ergebnisse des an diesem Dienstag vorgestellten Weiterbildungsatlas 2018, für den das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung Daten des Mikrozensus ausgewertet hat.

Doch ein Gesamtkonzept für die vom Bund angekündigte nationale Weiterbildungsstrategie steht noch in den Sternen – auch wenn Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mit seinem „Qualifizierungschancengesetz“ schon mal vorgeprescht ist.

Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger fordert, die soziale Unwucht im Weiterbildungssystem zu begradigen. „Damit Ärmere und Geringqualifizierte häufiger an Weiterbildungen teilnehmen, müssen sie besser beraten und finanziell gefördert werden.“

Gering qualifiziert sind gut 13 Prozent der Erwachsenen ab 25. Ihr Risiko, arbeitslos zu werden, ist rund fünfmal so hoch wie das von Menschen mit Berufsabschluss. Eine nicht zu unterschätzende Rolle für ihre geringe Beteiligung an Weiterbildung dürfte ‚funktionaler Analphabetismus‘ sein: „Da gibt es sicher einen Zusammenhang“, bestätigt Bildungsexperte Frank Frick von der Bertelsmann Stiftung.

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Es geht um Menschen, die nur einzelne Worte schreiben und mit Anstrengung kurze Texte entziffern können. Davon gibt nach der einzigen dazu existierenden Studie aus dem Jahr 2011 rund sieben Millionen in Deutschland – obwohl Migranten ohne gute Deutschkenntnisse nicht berücksichtigt wurden. Mehr als die Hälfte dieser funktionalen Analphabeten arbeiten zwar, meist in prekären Jobs. Um sich jedoch weiterzubilden, müssten sie ihre oft verschwiegene Lese- und Schreibschwäche nicht nur bekennen, sondern auch beheben.

Regionale Unterschiede

Insgesamt haben sich nach der Bertelsmann Studie 2015 12,2 Prozent der Bevölkerung weitergebildet. Das ist zwar ein klein wenig mehr als 2014, aber immer noch weniger als 2012, als es 12,6 Prozent waren. Zudem zeigt der Atlas große regionale Unterschiede: Während im Saarland – bundesweites Schlusslicht – nur 7,8 Prozent der Menschen angaben, im vergangenen Jahr an einer Weiterbildung teilgenommen zu haben, waren es in Baden-Württemberg mit 15,3 Prozent fast doppelt so viele (siehe Karte).

Dräger findet das unakzeptabel: „Zu häufig entscheiden Wohnort und die lokale Wirtschaftskraft darüber, ob sich jemand weiterbildet. Gerade in wirtschaftlich schwächeren Regionen brauchen die Menschen Fortbildung, um ihre Chancen auf einen guten Arbeitsplatz zu verbessern.“

Natürlich ist es in wirtschaftlichen Boomregionen leichter, viele Menschen weiterzubilden. Doch das jeweilige Potenzial wird sehr unterschiedlich genutzt: „Wenn man in Rechnung stellt, was mit der jeweiligen Bevölkerung und Wirtschaftskraft möglich wäre, zeigt sich der ungenutzte Handlungsspielraum“, sagt Professor Josef Schrader vom Institut für Erwachsenenbildung, das diese Potenziale akribisch für die Landes- und die Kreisebene ausgerechnet hat.

Danach nutzen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ihre Potenziale weit überdurchschnittlich. Das Saarland, Berlin, Brandenburg, aber auch Hamburg hingegen bleiben weit unter ihren Möglichkeiten.

Wenn sich jedoch die regionalen Anbieter, Politik und Wirtschaft zusammentäten, könne schnell viel erreicht werden, sagt Schrader: So sei etwa in Fürstenfeldbruck, Zweibrücken, Soest und Chemnitz die Weiterbildungsbeteiligung in wenigen Jahren deutlich gestiegen.

Auch die Weiterbildungsexpertin der Grünen im Bundestag, Beate Walter-Rosenheimer, findet die regionalen Ungleichgewichte „alarmierend“. Gerade in wirtschaftlich schwachen Regionen benötigten Menschen Weiterbildung, und gerade Menschen mit weniger Qualifikation brauchten eine Stärkung ihrer Kompetenzen.

Zudem „brauchen wir einen besseren Überblick über die bestehenden Qualifizierungsangebote und den projizierten Bedarf, mindestens auf die kommenden fünf bis zehn Jahre gerechnet“, so Walter-Rosenheimer. „Ein nur regionaler Überblick und eine lokale Lösung reichen hier nicht. Hilfreich wäre hier eine enge Vernetzung von Bundesagentur für Arbeit und freien Anbietern.“

Gute Aufstiegschancen

Ein erfolgreiches Kapitel der Weiterbildung am oberen Ende der Qualifizierungsskala präsentierte der DIHK: Trotz demografischen Rückgangs und des Trends zur Akademisierung liegt die Zahl der Aufstiegsfortbildungen in Industrie und Handel zum Industriemeister, Fachwirt oder Bilanzbuchhalter weiter bei gut 60.000 Teilnehmern. „Das freut uns sehr“, sagte DIHK-Vizechef Achim Dercks. Er würde gern noch viel mehr Menschen für diese „höhere Berufsbildung‘ gewinnen. Schließlich seien diese Arbeitnehmer extrem gesucht, ihre Arbeitslosenquote liege noch unter der von Akademikern.

Nach der jüngsten Umfrage des DIHK unter Absolventen einer Aufstiegsfortbildung geben zwei Drittel an, dass sie danach aufgestiegen sind, mehr Verantwortung bekommen haben oder mehr verdienen. 85 Prozent sagen, es habe sich für sie persönlich auf jeden Fall gelohnt.

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