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Arbeitsmarkt Studie warnt vor Rückzug des Staates aus der Weiterbildungsfinanzierung

Die Ausgaben des Staates für Weiterbildung sind binnen 20 Jahren um mehr als 40 Prozent gesunken. Leidtragende sind die, die Qualifizierung am nötigsten hätten, sie sich aber nicht leisten können.
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Der Arbeitsminister betont häufig, wie wichtig Qualifizierung ist. Quelle: dpa
Hubertus Heil

Der Arbeitsminister betont häufig, wie wichtig Qualifizierung ist.

(Foto: dpa)

Berlin„Die Arbeit wird uns auch in Zukunft nicht ausgehen“, sagt der zuständige Bundesminister Hubertus Heil (SPD) bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: „Es wird aber andere Arbeit sein.“

Globalisierung, demografischer Wandel, Digitalisierung, Abkehr vom Verbrennungsmotor – die Liste der Einflussfaktoren, die die Arbeitswelt von morgen bestimmen und verändern werden, ist lang. Nur wenn Beschäftigte sich ständig weiterbilden oder für neue Aufgaben qualifiziert werden, bevor ihr Job wegfällt, kann der Wandel ohne große soziale Verwerfungen gelingen, ist Heil überzeugt.

Doch obwohl Politiker die Bedeutung von Weiterbildung in jeder Sonntagsrede betonen, zieht sich der Staat aus deren Finanzierung immer weiter zurück. Das zeigt eine neue Studie der Universität Duisburg-Essen im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, die die öffentliche Weiterbildungsfinanzierung in den Jahren 1995 bis 2015 untersucht hat.

Demnach investierte der Staat zuletzt noch 6,3 Milliarden Euro in die Qualifizierung von Erwerbstätigen – rund 43 Prozent weniger als 20 Jahre zuvor. Die öffentliche Hand finanzierte demnach 2015 nur noch 23,4 Prozent der gesamten Weiterbildungsausgaben in Höhe von knapp 27 Milliarden Euro. Den Rest schulterten die Unternehmen und die Beschäftigten selbst.

Zwar sind die öffentlichen Mittel seit 2012 von damals 4,9 Milliarden Euro wieder leicht gestiegen. Davon hätten aber vor allem Bezieher von Arbeitslosengeld I profitiert, nicht aber Geringqualifizierte oder Hartz-IV-Empfänger, heißt es in der Studie.

„Weiterbildung war zu lange das Stiefkind der öffentlichen Bildungsfinanzierung und erreicht noch immer nicht diejenigen, die besonders auf Unterstützung angewiesen sind“, kritisierte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Gerade im Zeitalter der voranschreitenden Digitalisierung müssten die Menschen mehr Chancen haben, sich weiterzuqualifizieren.

Die Prognose „Digitalisierte Arbeitswelt“, die die Forschungsinstitute IAB, BIBB und GWS für das Bundesarbeitsministerium erstellt haben, geht davon aus, dass bis zum Jahr 2035 knapp vier Millionen Arbeitsplätze wegfallen, aber auch rund 3,3 Millionen neue entstehen werden. Hieraus leitet Heil einen enormen Qualifizierungsbedarf ab.

Allerdings sieht die Politik bei Weiterbildung vor allem die Unternehmen selbst in der Pflicht. Entsprechend sind deren Ausgaben laut der Bertelsmann-Studie seit 1995 um knapp ein Viertel auf 11,1 Milliarden Euro im Jahr 2015 gestiegen.

Für den Rückgang des staatlichen Engagements gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe. So ist im Zuge der Agenda-Reformen und der sinkenden Arbeitslosenzahlen die Weiterbildungsförderung durch die Bundesagentur für Arbeit (BA) massiv heruntergefahren worden. Die öffentlichen Ausgaben für die Volkshochschulen stagnieren seit Jahren bei rund 400 Millionen Euro im Jahr.

Die Studienautoren Rolf Dobischat, Dieter Münk und Anna Rosendahl warnen aber eindringlich vor einem weiteren Rückzug des Staates. Denn die, die es am nötigsten hätten, profitierten weiter unterdurchschnittlich von Qualifizierung. Während von den 25 bis 54 Jahre alten Deutschen insgesamt rund jeder achte in den zurückliegenden zwölf Monaten an einer Weiterbildung teilgenommen hat, waren es von den Bürgern ohne Berufsabschluss nur 5,6 Prozent.

Auch Gewerkschaften fordern mehr Geld vom Staat

Bei den Bürgern, die unterhalb der Armutsschwelle leben, lag die Weiterbildungsquote mit 7,7 Prozent ebenfalls deutlich unter dem Durchschnitt. Hierunter dürften auch viele Hartz-IV-Empfänger zu finden sein. Für Geringqualifizierte und Erwerbslose bedeute das sinkende finanzielle Engagement des Staates bei der Weiterbildung „eine ernste Zukunftsbedrohung“, heißt es in der Studie – „insbesondere bei den Risikogruppen, die nicht oder nur in geringem Maße in der Lage sind, Weiterbildungskosten aus eigener Kraft zu tragen“.

Dies gelte umso mehr, weil finanzielle Anreizprogramme und Konzepte wie das Bildungssparen oder Bildungsgutscheine bisher hinter den Erwartungen zurückblieben. Bertelsmann-Vorstand Dräger kritisiert, dass das zu Jahresbeginn in Kraft getretene Qualifizierungschancengesetz Hartz-IV-Empfängern zwar Zugang zu einer Weiterbildungsberatung gewähre, nicht aber zu dort möglicherweise empfohlenen Qualifizierungsmaßnahmen.

Auch aus den Gewerkschaften kommen Appelle an den Staat, Unternehmen und Beschäftigte mit den durch Digitalisierung und Strukturwandel bedingten Herausforderungen nicht allein zu lassen: „Die Politik muss die Gestaltung der Transformation zu ihrem zentralen Projekt machen“, sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann dem Handelsblatt. Wirkten allein die Gesetze von Markt und Profit, werde dieser Prozess nicht gelingen.

„Das heißt aber auch: Politik und Arbeitgeber müssen Geld zur Verfügung stellen – für Investitionen in neue Technologien und Zukunftsarbeitsplätze, für notwendige Infrastruktur und Regional- und Strukturpolitik und nicht zuletzt für Qualifizierung, um den Beschäftigten eine Brücke in die neue Arbeitswelt zu bauen“, forderte Hofmann.

„Wir wollen Beschäftigte auf die Anforderungen und Berufsfelder der Zukunft weiter qualifizieren, bevor sie arbeitslos werden“, sagt auch der Tarifvorstand der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Ralf Sikorski. In der Chemiebranche könne man zur Förderung der Weiterbildung auf Mittel aus dem Unterstützungsverein der chemischen Industrie zurückgreifen. „Gerade kleinere Unternehmen brauchen aber sicher auch weitere finanzielle Unterstützung, etwa durch die Arbeitsagentur“, sagte Sikorski.

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