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Arbeitsmarktstudie Wie Senioren den Fachkräftemangel in Deutschland dämpfen könnten

Der Trend zum längeren Arbeiten könnte laut einer Studie helfen, ein Hauptproblem des Arbeitsmarktes zu lösen. Doch er wirft etliche Fragen auf.
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Bisher sind es vor allem Selbstständige, die über das gesetzliche Rentenalter hinaus arbeiten. Quelle: Imago/Westend61
Älterer Geschäftsmann

Bisher sind es vor allem Selbstständige, die über das gesetzliche Rentenalter hinaus arbeiten.

(Foto: Imago/Westend61)

Berlin Er gehört zu den größten Sorgen, mit denen die deutschen Unternehmen ins neue Jahr starten: der Fachkräftemangel. Mehr als sechs von zehn Betrieben nannten ihn in der Herbstumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) als Geschäftsrisiko.

Gelindert werden könnte die Personalnot dadurch, dass ältere Arbeitnehmer immer länger arbeiten – vermehrt sogar über das Renteneintrittsalter hinaus. „Ließe sich dieser Trend nachhaltig fortsetzen, könnte sogar der Rückgang der Arbeitskräfte durch den demografischen Wandel kompensiert werden“, heißt es in einer Expertise des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) für die Bertelsmann-Stiftung.

In der Studie, die dem Handelsblatt vorliegt, haben die Forscher die Erwerbsbeteiligung Älterer von der Jahrtausendwende bis 2016 analysiert, daraus Trends für die Zukunft abgeleitet und mit der Bevölkerungsfortschreibung des Statistischen Bundesamtes kombiniert.

Ein Kernergebnis: Würde in der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen genauso oft und lange gearbeitet wie in der Gruppe der heute 55- bis 59-Jährigen, könnte der durch die alternde Gesellschaft bedingte Personalmangel auf dem Arbeitsmarkt mehr als kompensiert werden.

2035 stünden dann sogar mehr Arbeitskräfte zur Verfügung als 2015. Selbst wenn man berücksichtigt, dass ältere Arbeitnehmer häufiger nur Teilzeit arbeiten als jüngere, bliebe ein positiver Beschäftigungseffekt.

Der demografische Wandel stellt den Arbeitsmarkt vor große Herausforderungen. Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass die Bevölkerung im Erwerbsalter zwischen 18 und 64 Jahren von 2015 bis 2035 um knapp sechs Millionen Personen oder 11,6 Prozent schrumpfen wird. Gleichzeitig wächst die Altersgruppe der über 65-Jährigen stark an.

In ihrem Positivszenario gehen die Forscher davon aus, dass ab 2020 auch von den 60- bis 69-Jährigen noch knapp 80 Prozent erwerbstätig sind – die Quote, die 2016 für die 55- bis 59-Jährigen galt. Bei den 70- bis 74-Jährigen soll die Quote immerhin noch halb so hoch sein.

Allerdings ist diese Annahme äußerst optimistisch, lag doch die Erwerbstätigenquote bei den 60- bis 64-Jährigen laut Studie zuletzt nur bei rund 56 Prozent. Von den 65- bis 69-Jährigen ging noch rund jeder Siebte einer Arbeit nach. Bei den über 70-Jährigen waren es nur knapp sieben Prozent, darunter viele Selbstständige.

Dennoch erwarten die Forscher, dass sich der Trend zu längerem Arbeiten fortsetzen wird. Mit zahlreichen Gesetzen hat die Politik dazu beigetragen, dass Ältere heute deutlich länger im Berufsleben stehen als noch zur Jahrtausendwende. Dazu gehören etwa die Anhebung des Renteneintrittsalters, der Stopp von Frühverrentungsprogrammen, Reformen der Altersteilzeit oder Lohnkostenzuschüsse für Arbeitgeber, die ältere Arbeitslose einstellen.

Einen dämpfenden Effekt hat die seit Mitte 2014 geltende abschlagsfreie Rente mit 63. Als Ausgleich hat die Große Koalition 2017 aber das Flexi-Rentengesetz beschlossen, das Anreize setzt, auch über die Regelaltersgrenze hinaus zu arbeiten.

2016 gab es laut der Studie in Deutschland 8,1 Millionen Erwerbstätige und Arbeitslose im Alter von 55 bis 64 Jahren – nahezu doppelt so viele wie im Jahr 2000. Von den Frauen im Alter zwischen 60 und 64 Jahren standen 53 Prozent noch im Berufsleben. Zur Jahrtausendwende lag die Quote nur bei 13 Prozent. Bei den Männern im entsprechenden Alter ist sie im gleichen Zeitraum von 29 auf 64 Prozent gestiegen.

Von den Menschen jenseits der 65 gingen 2016 fast drei Millionen noch einer beruflichen Tätigkeit nach – rund drei Mal so viele wie im Jahr 2000. Rund jede zwölfte Frau und jeder siebte Mann im Alter zwischen 65 und 74 Jahren war damit noch berufstätig. „Der Trend zu längerer Beschäftigung ist aus demografischer Perspektive sicherlich zu begrüßen“, sagt der Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann-Stiftung, Eric Thode.

Allerdings sei die vermehrte Erwerbstätigkeit von Älteren allein auch kein Patentrezept, um die Folgen des demografischen Wandels auf dem Arbeitsmarkt abzufedern. Denn: „Längere Arbeitszeiten – von Politik, Wirtschaft und Bevölkerung teils deutlich gewünscht – stoßen in der Praxis auf gravierende Hürden“, betont Thode.

So tragen die rentennahen Jahrgänge, die länger und mehr arbeiten könnten, zugleich die Hauptlast bei der Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger. Bereits heute sei in dieser Gruppe jede zehnte Frau und mehr als jeder 20. Mann durch die häusliche Pflege gebunden. Und bis 2035 werde sich die Zahl der Pflegebedürftigen auf voraussichtlich nahezu 5,6 Millionen Menschen verdoppeln, heißt es in der Studie.

Außerdem könnte der Trend zu längerem Arbeiten die soziale Ungleichheit im Alter verschärfen, warnen das DIW und die Bertelsmann-Stiftung. Denn es sind heute vor allem Beschäftigte mit höherer Bildung und Qualifikation – und damit meist höherem Einkommen und Rentenanspruch –, die länger arbeiten.

Benachteiligt wären Arbeitnehmer, die wegen schwerer körperlicher Belastung oder gesundheitlichen Problemen nicht einmal bis zum regulären Rentenalter durchhalten. Oder ältere Arbeitslose, die zwar gerne länger arbeiten würden, aber keinen Job mehr finden.

„Der Trend zu längerer Erwerbsarbeit dürfte sich zunächst allein wegen der gesetzlichen Vorgaben und Anreize fortsetzen“, erwartet Bertelsmann-Experte Thode. „Dennoch wird der Prozess seine Grenzen finden.“

In der Politik wird das Thema durchaus kontrovers diskutiert. So hatten sich führende Unionspolitiker wie der ehemalige Junge-Union-Chef und heutige CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak oder Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble dafür ausgesprochen, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln.

Dagegen lehnen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die SPD und die Gewerkschaften eine „Rente mit 70“ bisher ab. Die Frage eines höheren Renteneintrittsalters wird auch die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission beschäftigen, die Vorschläge für ein zukunftsfestes Alterssicherungssystem auch über 2025 hinaus machen soll.

Ohne eine Änderung der Rahmenbedingungen wird sich das Erwerbsleben jedenfalls nicht beliebig verlängern lassen, heißt es in der DIW-Studie. So müsse das Themas Vereinbarkeit von häuslicher Pflege und Beruf stärker in den Fokus gerückt werden, weil sonst eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung Älterer den Pflegenotstand verschärfen würde.

Die von der Großen Koalition eingeführte Flexi-Rente sei zwar ein interessanter Ansatz, aber immer noch unnötig kompliziert, kritisieren die Forscher. Außerdem sehen sie weiter große Defizite bei der Arbeitsmarktintegration älterer Arbeitsloser.

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1 Kommentar zu "Arbeitsmarktstudie: Wie Senioren den Fachkräftemangel in Deutschland dämpfen könnten"

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  • Wir haben keinen Fachkräftemangel in Deutschland!
    Es gibt in einigen Branchen nicht genug Angestellte, was an unterschiedlichsten Gründen liegt, u.a. niedriges Gehalt, Arbeitsbedingungen oder das die Stellen einfach nicht ausgeschrieben werden wie beim Staat.

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