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Arbeitswelt 4.0 So wird Kollege Roboter nicht zur Gefahr für den eigenen Job

Die Digitalisierung vernichtet Jobs und schafft neue. Unternehmen und Beschäftigte müssen vorsorgen, damit Algorithmen nicht zur Gefahr werden.
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Längst bedroht die Digitalisierung nicht mehr nur Helferjobs, sondern auch standardisierbare Tätigkeiten. Quelle: dpa
Smartphoneproduktion bei Gigaset

Längst bedroht die Digitalisierung nicht mehr nur Helferjobs, sondern auch standardisierbare Tätigkeiten.

(Foto: dpa)

BerlinDie Arbeit 4.0, sie macht auch vor der Provinz nicht halt. Bei der Tischlerei Eigenstetter in der 3000-Seelen-Gemeinde Rehna nordwestlich von Schwerin ist sie in Gestalt einer modernen Roboterfräse eingezogen.

Keiner der 20 Mitarbeiter hat dadurch seine Arbeit verloren. Im Gegenteil, der Familienbetrieb kann nun mehr und komplexere Aufträge annehmen als früher. „Es geht nicht darum, Jobs wegzurationalisieren“, sagt Projektingenieur Martin Eigenstetter, „sondern darum, den Raum unserer Möglichkeiten zu erweitern.“

Das Sprichwort „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ trifft angesichts der Digitalisierung auf Unternehmen wie Beschäftigte gleichermaßen zu.

Apps und Algorithmen werfen tradierte Geschäftsmodelle über den Haufen, Roboter oder 3D-Drucker übernehmen Aufgaben, für die eben noch menschliche Kraft und Fingerfertigkeit gefragt waren.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) betont zwar bei jeder Gelegenheit, dass unserer Gesellschaft in den nächsten zehn Jahren die Arbeit nicht ausgehen werde. „Aber die anstrengende Nachricht ist: Es wird in vielerlei Hinsicht andere Arbeit sein.“

Zwar gilt die aufsehenerregende Studie der Oxford-Forscher Carl Frey und Michael Osborne, der zufolge die Digitalisierung bis 2030 in den USA knapp die Hälfte aller Jobs überflüssig machen könnte, als methodisch fragwürdig.

Doch arbeiten in Deutschland nach einer jüngeren Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) immerhin fast acht Millionen Menschen in einem Beruf, den bald Maschinen oder Software erledigen könnten.

Das entspricht rund jedem vierten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Bei der letzten Untersuchung drei Jahre zuvor traf das erst auf 15 Prozent der Beschäftigten zu.

Doch der technische Fortschritt macht rasante Sprünge. Längst sind nicht mehr nur Helferjobs bedroht, sondern auch standardisierbare Tätigkeiten. Steuererklärungen oder Versicherungsverträge etwa lassen sich mit Datenbank-Vergleichen vollautomatisch prüfen.

Deutschlands größter Versicherer Allianz stellt sich auf die neue Zeit ein. „Die Digitalisierung verändert auch die Arbeitswelt in der Versicherungsbranche“, heißt es aus der Zentrale in München. Einige Jobrollen würden wegfallen, dafür aber auch neue entstehen.

Team- und Projektarbeit gewännen immer mehr an Bedeutung. Der Versicherer beschäftigt sich intensiv mit der Frage, welche Fähigkeiten in Zukunft gefragt sein werden und wie sich die Mitarbeiter dafür qualifizieren lassen. Dabei werden die Weiterbildungsangebote nach und nach digitalisiert.

Auch andere Branchen verändern sich. So hat etwa die Metall- und Elektroindustrie zum Start des Ausbildungsjahrs elf Berufsbilder modernisiert. Angehende Anlagenmechaniker oder Mechatroniker werden jetzt auch in Datensicherheit, IT-Auftragsabwicklung und Terminverfolgung oder Cloud-Recherche geschult.

Kein Beschäftigter soll im Zuge der Digitalisierung auf der Strecke bleiben oder mit einem bedingungslosen Grundeinkommen abgespeist werden, betont auch Arbeitsminister Heil.

Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD deshalb eine nationale Weiterbildungsstrategie verabredet, die zusammen mit den Sozialpartnern erarbeitet werden soll. Heil ist bereits mit eigenen Vorschlägen vorgeprescht.

Unter anderem will er die Weiterbildungsanstrengungen kleinerer und mittlerer Unternehmen finanziell fördern.

Viele offene Fragen

Doch auch mit einer umfassenden Qualifizierungsoffensive sind längst nicht alle Fragen beantwortet, die schon Heils Vorgängerin Andrea Nahles in ihrem „Weißbuch Arbeiten 4.0“ aufgeworfen hatte.

Etwa was es für unsere sozialen Sicherungssysteme bedeutet, wenn künftig mehr Menschen als Selbstständige arbeiten und sich von Projekt zu Projekt hangeln.

Auch wird man natürlich nicht jeden Versicherungssachbearbeiter zum Altenpfleger umschulen können, nur weil in dieser Branche enormer Fachkräftebedarf besteht.

Oder die Frage, wie man die neuen Freiheiten, die Smartphone und Tablet bei der Arbeitszeitgestaltung bieten, so nutzen kann, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen profitieren.

Hier wird bereits heftig gestritten, wie der ideologisch aufgeladene Konflikt zwischen den Sozialpartnern über eine Reform des Arbeitszeitgesetzes zeigt. Nicht zuletzt muss geklärt werden, wem eigentlich die in der digitalen Wirtschaft massenhaft erhobenen Daten gehören und wie sie geschützt werden können.

Assistenzsysteme wie Datenbrillen erleichtern den Beschäftigten die Arbeit, lassen möglicherweise aber auch lückenlose Kontrolle zu. Hier stellen sich Fragen der Mitbestimmung neu.

Die Arbeitgeber mahnen immer wieder, vor allem die Chancen der digitalen Arbeitswelt zu sehen und sie nicht durch zu viel Regulierung zu verbauen. Ohnehin sei fraglich, ob alles, was technisch möglich sei, auch tatsächlich komme, schreiben die IAB-Forscherinnen Katharina Dengler und Britta Matthes.

Oft sei der Einsatz eines Roboters noch unwirtschaftlich, auch rechtliche oder ethische Bedenken könnten ihm entgegenstehen – etwa in der Pflege. Oder Kunden brächten handwerklich hergestellten Produkten größere Wertschätzung entgegen als maschinell gefertigten.

Bei der Tischlerei Eigenstetter hat der Kuka-Roboter die Handarbeit jedenfalls nicht ersetzt. Und wenn es nach dem Chef geht, soll das auch so bleiben.

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