Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Arbeitswelt Wie die Gewerkschaften mit Tarifverträgen den digitalen Wandel gestalten wollen

Die Gewerkschaften wollen den digitalen Wandel nicht über sich ergehen lassen und ihn mitgestalten – ihre ersten Schritte kommen nicht überall gut an.
Kommentieren
Die Digitalisierung schafft auch neue Freiräume – etwa durch mobiles Arbeiten. Quelle: The Image Bank/Getty Images
Mitarbeiterin im Home Office

Die Digitalisierung schafft auch neue Freiräume – etwa durch mobiles Arbeiten.

(Foto: The Image Bank/Getty Images)

Berlin Man kann die Digitalisierung hinnehmen wie eine Naturgewalt. Wie ein Erdbeben, das zuschlägt und Opfer fordert. Oder man kann sie gestalten. Bei Eurogate hat man sich für die zweite Variante entschieden. Der Bremer Containerterminalbetreiber mit knapp 5000 Beschäftigten in Deutschland treibt die Automatisierung voran.

Um den Umbau möglichst schonend zu gestalten, hat die Geschäftsführung mit der Gewerkschaft Verdi einen „Tarifvertrag Zukunft“ geschlossen. Er sieht unter anderem den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2025, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich und einen Qualifizierungsanspruch vor. Eine paritätisch besetzte Automatisierungskommission entscheidet über Beschäftigungsfragen.

Geht es nach Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), sollten solche Beispiele Schule machen. Am Donnerstag vergangener Woche sitzt Heil in einer Diskussionsrunde zur Digitalisierung. Eine loftähnliche Halle im Herzen Berlins, weiße Tische und Stühle, an denen auch Nerds mit Laptops sitzen könnten – nichts erinnert an die alte Arbeitswelt, an Dreck und Schweiß.

Und doch hält der Minister eine Errungenschaft des Industriezeitalters hoch: die Sozialpartnerschaft. Tarifverträge hätten eine „staatsentlastende Funktion“, sagt Heil. Um das, was Arbeitgeber und Gewerkschaften unter sich regeln, muss die Regierung sich nicht kümmern.

Und zu gestalten gibt es einiges. Zwar gehen Forschungsinstitute wie das IAB oder das BIBB davon aus, dass die Digitalisierung unter dem Strich kaum Jobs kosten wird. Aber Anforderungen und nötige Qualifikationen ändern sich. Neben Weiterbildung sind Auffanglösungen für Kollegen gefragt, die infolge des Strukturwandels nicht mehr gebraucht werden.

Grafik

Gleichzeitig schafft die Digitalisierung neue Freiräume für Firmen wie Beschäftigte – etwa durch mobiles Arbeiten. Auch hier sind aus Gewerkschaftssicht aber Leitplanken nötig, damit das Homeoffice nicht zur Selbstausbeutung führt.

Dass solche Aushandlungsprozesse nicht immer konfliktfrei verlaufen, zeigt die Tarifrunde bei den Banken, die besonders vom Strukturwandel betroffen sind. Verdi fordert neben sechs Prozent mehr Geld verbindliche Weiterbildungsregelungen und sechs zusätzliche „Gesundheits- und Entlastungstage“ für die Beschäftigten, deren Belastung auch durch den Personalabbau enorm zugenommen habe.

Die Arbeitgeber, für die Deutsche-Bank-Vize Karl von Rohr verhandelt, verweisen dagegen auf hohe Zufriedenheitswerte der Mitarbeiter in Umfragen. Und sie fordern flexiblere Ausgleichsregeln, wenn die tägliche Arbeitszeit überschritten wird.

Passgenaue Lösung für beide Seiten

Auch wenn hier Maximalforderungen aufeinanderprallen, gibt es den Willen, gemeinsam in die Zukunft zu gehen. „Wir erarbeiten bereits Gestaltungsansätze für die zunehmend digitale und flexible Arbeitswelt, sowohl betrieblich als auch im Dialog der Sozialpartner“, sagte von Rohr dem Handelsblatt.

So arbeite man etwa in der Initiative „Mitdenken 4.0“ an Leitfäden zur „erweiterten Erreichbarkeit“ im mobilen Zeitalter. Ob man zu Themen wie diesen auch auf der Tarifebene aktiv werde, müsse sich zeigen. „Wichtig ist in jedem Fall, dass die Lösungen für alle Beteiligten passen.“

In anderen Branchen sind bereits erste Lösungen gefunden. So hat Verdi im privaten Versicherungsgewerbe durchgesetzt, dass Mitarbeiter, deren Arbeitsplatz durch die Digitalisierung gefährdet ist, einen Anspruch auf Qualifizierung haben – sofern ein passender Job frei ist. Zudem gibt es Regelungen zum Teillohnausgleich bei kollektiver Arbeitszeitverkürzung wegen Jobabbau.

Ein Tarifvertrag zum mobilen Arbeiten, wie er in der Telekommunikations- und IT-Industrie schon seit 2016 gilt, ist fast fertig. Bei der Deutschen Post haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften auf einen Rationalisierungsschutzvertrag geeinigt, der noch bis Jahresende läuft.

Transformationsatlas für jeden Betrieb

Nicht nur bei den Dienstleistern, auch in der Industrie wollen die Gewerkschaften verhindern, dass Belegschaften von der digitalen Welle überrollt werden. Die IG Metall wird in den kommenden Wochen ihre rund 600 Hauptamtlichen in den Regionen auf Tour schicken.

Ihr Auftrag: ein „Transformationsatlas“ für jeden Betrieb, der absehbare Veränderungen aufzeigt. Die Metall- und Elektroindustrie, zu der auch die Autobauer zählen, wird nicht nur von der Digitalisierung erfasst, sondern zusätzlich von der Umstellung auf Elektromobilität, die Arbeitsplätze kosten wird.

Grundlegende Veränderungen sind absehbar. Die Logistik in den Betrieben wird automatisiert, Künstliche Intelligenz übernimmt Aufgaben in der Buchhaltung, der Außendienst muss nur noch ausrücken, wenn die Maschine elektronisch Wartungsbedarf signalisiert.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann stellt deshalb vorsorglich klar, dass die Tarifpartner diesen Wandel unmöglich allein stemmen können: „Die Politik muss die Gestaltung der Transformation zu ihrem zentralen Projekt machen“, sagte Hofmann dem Handelsblatt.

Man dürfe den Wandel nicht allein den Gesetzen von Markt und Profit überlassen. „Das heißt aber auch: Politik und Arbeitgeber müssen Geld zur Verfügung stellen“, fordert der Gewerkschaftschef. Geld für Investitionen in neue Technologien und Zukunftsjobs, für Regional- und Strukturpolitik und nicht zuletzt für Qualifizierung.

Die Bundesregierung hat auf den wachsenden Bedarf bereits mit dem Qualifizierungschancengesetz reagiert. Unternehmen können sich Kosten für Weiterbildung und Teile der Lohnfortzahlung vom Staat erstatten lassen. Das Gesetz soll Beschäftigten helfen, die durch Digitalisierung oder Strukturwandel Weiterbildungsbedarf haben – unabhängig von Qualifikation, Lebensalter und Betriebsgröße.

„Wir brauchen mehr Flexibilität“

Auf eine Flankierung des digitalen Wandels durch Steuer- oder Beitragszahler hofft auch die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). „Wir wollen Beschäftigte auf die Anforderungen und Berufsfelder der Zukunft weiterqualifizieren, bevor sie arbeitslos werden“, betont Tarifvorstand Ralf Sikorski.

Mittel dafür könnten etwa vom Unterstützungsverein der chemischen Industrie kommen, einem schon 1975 gegründeten Fonds, der im Falle von Rationalisierungen soziale Härten abfedern soll. „Gerade kleinere Unternehmen brauchen aber sicher auch weitere finanzielle Unterstützung, etwa durch die Arbeitsagentur“, sagt Sikorski.

Die IG BCE und der Chemie-Arbeitgeberverband BAVC wollen in der im Herbst startenden Tarifrunde unter anderem auch über eine Wahloption Freizeit statt Geld, über flexiblere Arbeitszeitmodelle und Homeoffice-Optionen reden. Schon in wenigen Tagen starten erste Gespräche. Leicht werden auch diese Verhandlungen aber nicht.

Wenn jemand von zu Hause aus arbeite, müsse auf jeden Fall die Arbeitszeit genau erfasst werden, fordert Sikorski: „Studien zeigen, dass Homeoffice durchaus auch zu Mehrbelastung führen kann. Davor werden wir die Beschäftigten schützen.“

Je mehr die Tarifparteien hier selbst regeln, desto weniger muss die Politik tun. Im Vertrauen darauf hält Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) den von Arbeitsminister Heil geplanten Rechtsanspruch auf Homeoffice für überflüssig: „Wir brauchen mehr Flexibilität, nicht mehr starre gesetzliche Regelungen“, sagte Altmaier der „Rheinischen Post“.

Startseite

Mehr zu: Arbeitswelt - Wie die Gewerkschaften mit Tarifverträgen den digitalen Wandel gestalten wollen

0 Kommentare zu "Arbeitswelt: Wie die Gewerkschaften mit Tarifverträgen den digitalen Wandel gestalten wollen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote