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Arbeitszeit Streit um die Arbeitszeitgestaltung: „One size fits all“ gilt immer weniger

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) empfiehlt die Arbeitszeitgestaltung weitgehend den Betriebsparteien zu überlassen. Das sorgt für Widerspruch.
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Flexible Arbeitszeitgestaltung ist Beschäftigten wie Arbeitgebern wichtig. Quelle: dpa
Demonstration zur Arbeitszeitbestimmung

Flexible Arbeitszeitgestaltung ist Beschäftigten wie Arbeitgebern wichtig.

(Foto: dpa)

Berlin Zeit ist das neue Geld. Bei der Deutschen Bahn und in der Metall- und Elektroindustrie haben Arbeitgeber und Gewerkschaften Wahlmodelle zwischen mehr Geld oder mehr Freizeit vereinbart. Und wenn die Bundestarifkommission der Empfehlung des Vorstands zustimmt, wird auch die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) mit einer entsprechenden Forderung in die Ende September startende Chemietarifrunde ziehen.

„Die Forderung nach mehr Zeitsouveränität steht an der Spitze der Prioritätenliste“, sagt Ralf Sikorski, der für Tarifpolitik zuständige stellvertretende IG-BCE-Vorsitzende. Denn die Diskussionen in den Betrieben zeigten, dass viele Beschäftigte flexible Arbeitszeiten wollten, die zu ihren Bedürfnissen passten und die gleichzeitig für Arbeitsentlastung sorgten. „Es geht um Zeit für Kindererziehung, für Notfälle wie Pflege der Angehörigen, für Freunde, für Leben. Und es geht auch darum, dass Beschäftigte langfristig über mehrere Jahre planen können“, sagt Sikorski.

Die Chemiegewerkschaft liegt damit im Trend. „Die Arbeitszeitpolitik ist auf die tarifpolitische Agenda zurückgekehrt“, heißt es in einer neuen Analyse des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). „Auf der einen Seite streben Arbeitnehmer mehr Zeitsouveränität an, auf der anderen Seite müssen Unternehmen immer flexibler auf Kundenanforderungen reagieren“, schreibt IW-Tarifexperte Hagen Lesch.

Flexibilität für Beschäftigte und Arbeitnehmer

Denn nicht nur die Beschäftigten wünschen sich Flexibilität, sondern auch die Arbeitgeber. Gerade weltweit vernetzte Unternehmen bieten ihre Produkte oder Dienstleistungen rund um die Uhr und über verschiedene Zeitzonen hinweg an. „Von einem Modernisierungsschub bei der Arbeitszeit können beide Seiten profitieren“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Chemiearbeitgeberverbands BAVC, Klaus-Peter Stiller. „Dabei geht es um mehr Freiheit bei der Lage der Arbeitszeit, nicht um mehr Freizeit.“

Der Wunsch nach mehr Flexibilität könne aber zu Konflikten führen, sowohl zwischen den Beschäftigten untereinander als auch zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, heißt es in der Studie des Kölner Forschungsinstituts weiter.

So lasse sich zwar durch mehr Arbeitszeitsouveränität das Erwerbspersonenpotenzial steigern, etwa wenn junge Mütter sich ihre Zeit freier einteilen könnten. Auf der anderen Seite stehen die Personalabteilungen vor der Herausforderung, dass Teilzeitwünsche der einen Beschäftigten nicht zu einem Überstundenberg bei den anderen führen sollten.

Quantitativer Ausgleich

Zudem müsse sichergestellt sein, dass die Arbeit nicht liegen bleibt, nur weil Arbeitnehmer kürzertreten wollen. Ausfallende Arbeitsstunden müssten nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ ausgeglichen werden, schreibt Lesch. Soll heißen: Wenn der Softwareingenieur weniger arbeiten will, nützt es nichts, wenn dafür die Poststelle Überstunden schiebt.

Solche Konflikte zu entschärfen, sei „in erster Linie Aufgabe der Betriebsparteien“, ist der IW-Experte überzeugt. Über Arbeitszeitregelungen im Unternehmen entschieden am besten Geschäftsleitung und Betriebsrat. „Die Tarifpartner können die Betriebsparteien durch tarifliche Rahmenregelungen unterstützen, die den Spielraum der Betriebe nicht einengen.“

Eine Empfehlung mit Sprengkraft: Denn auf die Forderung, wieder mehr Entscheidungen auf die Betriebsebene zu verlagern, reagieren viele Gewerkschaften allergisch. So betont die IG Metall immer wieder, dass schon ihre bestehenden Tarifverträge genug Spielraum für Betriebsräte und Geschäftsleitung ließen.

Viele wünschen sich Verkürzung der Arbeitszeit

Auf jeden Fall ist das Thema hoch relevant. Nach einer repräsentativen Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) aus dem Jahr 2017 strebte fast jeder zweite Arbeitnehmer eine Verkürzung der Arbeitszeit an, aber nur etwa jeder siebte eine Verlängerung. Rund zwei von drei Beschäftigten halten es für wichtig, ihren Arbeitsbeginn zeitlich beeinflussen oder relativ spontan ein paar Stunden freinehmen zu können, aber nur für ein Drittel oder weniger ist das Realität.

Gleichzeitig zeigen Arbeitgeberbefragungen, dass vielen das starre gesetzliche und tarifliche Arbeitszeitkorsett nicht gefällt. So sind nach einer IW-Studie zwei von drei Unternehmen, die an den Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie gebunden sind, unzufrieden mit der Wochenarbeitszeit. Die Möglichkeiten, die Arbeitszeit im Betrieb flexibel zu verteilen, gehen fast jedem zweiten Unternehmen nicht weit genug.

Zufriedener sind die Unternehmen, die die Arbeitszeit per Haustarifvertrag auf Betriebsebene regeln. Und für 57 Prozent der tarifabstinenten Firmen stellen die Regelungen zum Arbeitszeitvolumen einen Grund dar, sich nicht an den Flächentarif zu binden.

Also gilt es, die Interessen von Beschäftigten und Arbeitgebern bestmöglich auszutarieren. „Anstatt kollektiver Einheitslösungen könnten vermehrt kollektive Rahmenregelungen getroffen werden, die auf unbürokratische Weise Raum für betriebsspezifische Anforderungen lassen und Differenzierungen zwischen einzelnen Arbeitnehmergruppen erlauben“, heißt es in der IW-Studie weiter. Die Sozialpartner bräuchten „mehr Raum zum Experimentieren“, meint auch BAVC-Hauptgeschäftsführer Stiller.

Allerdings ist gerade die Chemische Industrie da schon weit vorne. Sie hat etwa gute Erfahrungen mit ihrem Demografiefonds gemacht. „Er bietet den Beschäftigten viele Freiheiten“, sagt IG-BCE-Vize Sikorski, „das ist uns wichtig.“ In den Fonds zahlen die Arbeitgeber jedes Jahr 750 Euro pro Beschäftigten ein. Geschäftsleitung und Betriebsräte in den Unternehmen entscheiden dann, wofür das Geld verwendet wird. Möglich sind etwa Langzeitkonten, Altersteilzeit oder auch eine lebensphasenorientierte Arbeitszeit.

„Persönliches Zukunftskonto“

Für die anstehende Tarifrunde fordert die Gewerkschaft nun ein „persönliches Zukunftskonto“, auf das die Arbeitgeber pro Jahr 1000 Euro einzahlen sollen. Die Beschäftigten können dann individuell entscheiden, ob sie sich das Geld auszahlen lassen oder für ein Sabbatical oder eine andere Auszeit ansparen.

Die Deutsche Bahn hatte mit den Gewerkschaften EVG und GDL ein Modell vereinbart, bei dem die Beschäftigten für einen Teil der Tariferhöhung die Wahl zwischen mehr Geld und mehr Freizeit haben.

In der Metall- und Elektroindustrie hatten die Sozialpartner in der letzten Tarifrunde vereinbart, dass die Beschäftigten ihre Arbeitszeit zeitweise auf bis zu 28 Stunden absenken dürfen, wenn betriebliche Gründe dem nicht entgegenstehen. Eltern kleiner Kinder, Metaller mit pflegebedürftigen Angehörigen und bestimmte Schichtarbeiter können zudem eine allen Beschäftigten zustehende Sonderzahlung in zusätzliche freie Tage umwandeln.

Mehr Arbeitszeitflexibilität könnten neben einem Ausbau von Langzeitkonten auch tarifliche Arbeitszeitkorridore bieten, innerhalb derer Betriebsräte und Geschäftsleitungen die Arbeitszeit frei wählen. In der Chemischen Industrie in Ostdeutschland und Berlin etwa gilt ein Korridor von 32 bis 40 Stunden.

„Eine offene Gestaltung macht es gerade für kleinere und mittlere Betriebe einfacher, ihre Arbeitszeiten praxisgerecht festzulegen“, schreibt IW-Forscher Lesch. Das erhöhe die Akzeptanz tarifvertraglicher Regelungen und sei damit auch ein Beitrag zur Stärkung von Tarifbindung und Tarifautonomie.

Neue Herausforderungen

Bei der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) rennt das IW damit offene Türen ein: Globalisierung und Digitalisierung stellten die Betriebe zunehmend vor Herausforderungen, auf die sie zeitgerecht und flexibel reagieren müssten, sagte Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter dem Handelsblatt.

„Das erfordert eine Tarifpolitik, die im Rahmen eines arbeitszeitlichen Rahmens den Betrieben und ihren Arbeitnehmern weitgehende Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet.“
Dazu gehörten auch mehr tarifliche Öffnungsklauseln für die Betriebe.

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer hatten schon im Oktober vergangenen Jahres ein „Baukastenprinzip“ vorgeschlagen. Öffnungsklauseln sollten Betrieben die Möglichkeit geben, einzelne Bestandteile von Tarifverträgen, zum Beispiel zur Arbeitszeit, auf betrieblicher Ebene anders zu regeln.

Der in einigen Branchen bereits eingeschlagene Weg müsse vertieft und verbreitert werden, forderte Kampeter. Dies könne „ein nachhaltiger Beitrag zur Stärkung der Tarifautonomie sein“. Auch der Gesetzgeber sei aber gefordert, die Tarifvertragsparteien durch mehr Öffnungen im Arbeitszeitgesetz zu unterstützen.

Das sieht BAVC-Hauptgeschäftsführer Stiller ähnlich. Die Arbeitgeber würden gerne die tägliche Höchstarbeitszeit auf eine wöchentliche Basis umstellen und die ununterbrochene Mindestruhezeit von elf Stunden flexibler handhaben. Der Gesetzgeber müsse hier endlich mehr Flexibilität ermöglichen und – wie im Koalitionsvertrag versprochen – das Arbeitszeitgesetz weiterentwickeln, fordert Stiller. In tarifgebundenen Unternehmen könnten Arbeitgeber und Arbeitnehmer dann gemeinsam neue Modelle ausprobieren, ohne die Gesundheit der Beschäftigten zu gefährden.

Mehr: Die IG BCE will erwirken, dass die Branche mit einer Wahloption nachzieht. Ein „persönliches Zukunftskonto“ soll den Beschäftigten mehr Selbstbestimmung bieten.

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